Auch der Zigarettenhändler sah den Einäugigen dabei an, die Unterlippe mürrisch nach außen gerollt, und nachdem der mit hastigem Entschlusse für Mord gestimmt hatte, tat er es ebenfalls, worauf sein Mund sich zufrieden schloß.
Als die Männer sich schon erhoben hatten, sagte der Kahle noch zum Einäugigen: „Diese Theorie der vergessenen Kindheitserlebnisse ist eine erst vor wenigen Jahren aufgekommene neue Richtung. Modernste Seelenanalyse. Ungreifbar wie Luft, verstehen Sie, nach allen Seiten hin zu drehen. Wir Psychologen der alten Schule wissen wenigstens das eine, daß wir nicht viel wissen; aber diese Neuen glauben auf einmal, alles zu wissen. Und das ist die große Gefahr. Große Gefahr. Wo diese Theorie mit der Praxis zusammentrifft . . ., gibts immer ein Unglück.“ Seine Hand zuckte zurück in die Hüfte.
Schnell faßte er den verstörten Einäugigen beim Ärmel. „Ganz privat, als Psychologe, möchte ich Ihnen eine Frage vorlegen . . . Glauben Sie nicht, daß der Angeklagte mit der ganzen Intensität seines Wesens sich vielleicht diese neue Theorie nur deshalb zu eigen gemacht hat . . . nachträglich, weil nach seiner Meinung nur sie noch die einzige entfernte Möglichkeit barg, für das Verbrechen nicht verantwortlich gemacht zu werden?“
Die Geschworenen waren schon durch die Flügeltür gegangen.
Der Kahle bekam keine Antwort und lief den anderen schnell nach.
Zögernd betrat der Einäugige als Letzter den Saal.
7
Der Dichter wartete auf die Revision.
Muskellos hatte er nach der Verhandlung den Saal verlassen, sich in der Zelle auf die Pritsche gesetzt, langsam, gestorben. Die Schritte des Wärters verhallten.
Da glimmte im Dunkel einer ungeheuren Ferne ein Lichtchen auf, zog als immer riesenhafter werdende Flamme auf ihn zu. Und der Dichter wurde wieder lebendig, brach los von der Pritsche, stand. „Da wird alles anders kommen, bei der Revision“, rief er, sprach weiter, erregt und begeistert mit den Händen mit, dachte alles herbei und schritt dazu schnell vom Fenster zur Tür, hin, her.