Ein Tag wurde so lang wie ein Menschenleben. Der Dichter blieb hocken. Die Zeit stand. Das Herz tat dumpf weh, als wäre jeder Herzschlag ein drückendes Berühren von einem Hammer aus Gummi.
Und in der Nacht schlief er nicht.
Langsam kroch die Morgendämmerung in die Zelle. Er konnte nicht durch sie hindurch atmen. Im Halbschlaf schien sie ihm ein riesengroßes, sich schwer bewegendes, graues Tier zu sein.
Zugleich mit ihr kam der Geschworene lautlos durch die verschlossene Tür, stellte sich in die Ecke und blickte mit seinem einen Auge unverwandt den Dichter an.
„Gut, daß Sie kommen, sonst hätte ich Sie heute noch besucht“, sagte der Dichter. „Denn meinen Traum von heute nacht muß ich Ihnen erzählen.“
„Deshalb bin ich ja zu Ihnen gekommen. Meine Frau hat mir den Traum ganz falsch erzählt. Sie sagte, es sei eine Eiche gewesen.“
„Nein, nein, der Lehrer sagte ja selbst, daß es eine Buche ist. Sonst hätte der ganze Schulausflug keinen Sinn für Achtjährige. Eher für Achtzigjährige. Alle standen im Wald beim Hünengrab. Ich stieg auf die Buche, bis in die oberste Spitze. Aber die dünnsten Zweige trugen mich noch. Ich sah direkt in die Sonne, und sie blendete mich nicht. Ich war wild-glücklich, lachte und sang. Da nahm die gewaltige, dunkle Hand mein Herz, stopfte es mir ins Gehirn und schloß meinen Kopf wieder. Von jetzt an fühlte ich das Netz in meinem Gehirn. Die schwarze Kreuzspinne saß in der Mitte. Kam ein Gedanke ins Netz, dann stürzte die Spinne auf ihn los und saugte seinen Sinn aus. Diese zahllosen, ausgesaugten Gedankenleichen verursachten mir einen unaufhörlichen Druck hinter der Stirn, mit dem ich viele Jahre lang durch eine ungeheuerliche Einsamkeit schwankte. Sie wurde immerzu zerrissen von Kampf- und Notschreien. Und plötzlich geschah das Schrecklichste — mein Wille ging von mir weg, ohne mich zu grüßen. Ich hatte kein Empfinden und gar kein Fleischgefühl mehr; es war mir, als hätte ich Nebel im Gehirn — da packte mich so eine besinnungslose Kinderwut, und ich erwürgte im Traum meinen Lehrer . . . Was sagen Sie dazu?“
„Ihr Wille mochte wahrscheinlich nichts mehr mit Ihnen zu schaffen haben, weil Sie ihm zu böse sind“, sagte der Einäugige. „So habe ich es auch meinem Dienstmädchen erklärt.“
„Ihrem Dienstmädchen hätten Sie das nicht sagen sollen . . . Die erzählt es dem Vorsitzenden für die Revision.“
„In meinem Hause verkehren viele Willen, auch der Ihre. Deshalb mußte ich es doch dem Mädchen erzählen für den Revisionsprozeß.“