‚Jetzt! . . . Wenn ich den Mut jetzt nicht aufbringe, wird das Leben auch in Zukunft mit mir machen, was es will. Das ist klar.‘

Bei der Kirche erschien Karl Lenz, ein Mitschüler Jürgens.

‚Jetzt kann ich doch wieder nicht hinein‘, dachte Jürgen, ging mit Karl Lenz durch die Anlagen, sah abwesend eine Bonne an.

Die gestärkten Röcke strotzten, und der elegante Kinderwagen federte von selbst auf dem gewalzten Sandwege am Tulpenrondell vorüber.

Knapp hinter dem Kinderwagen, das frischbackige Gesicht stolz erhoben, ritt in verhaltenem Trab ein kleines Mädchen im Knieröckchen auf ihrem Steckenpferd, so daß die langen, schön gewölbten, nackten Schenkel sichtbar waren. Die Gruppe machte sofort halt, als der im Wagen strampelnde Säugling die Hand nach dem zu hoch hängenden Hampelmann ausstreckte.

Das Mädchen ritt, die Locken schüttelnd, in gezähmter Pferdeungeduld feurig an der Stelle weiter. Und sah, Brust vorgestreckt, über den abgerissenen, abgezehrten, blutleeren Proletarierjungen weg, der sich aus der Fabrikgegend in die Sonne verirrt hatte und, das Drama der Armut im Blick, offenen Mundes den Reichtum bestaunte.

Beim Erblicken des Jungen wurde Jürgen breitströmend durchzogen von einer ihm ganz neuartigen Empfindung, die alle andern Gefühle in ihm auffraß. ‚Wie darf das sein, daß solche Kinder in Schmutz und Not hineingeboren werden, während andere — wie jene ohne Verdienst und Schuld — im sonnigen Kinderzimmer eintreffen, wo alle Pflege, Hausarzt und Amme schon warten?‘

Mit einem Blick nagelte die Bonne den zögernd folgenden Jungen fest, der stehen blieb und zusah, wie das Mädchen geradeswegs ins Leben hineinritt.

Jürgen konnte die Augen nicht abwenden von dem Jungen, der seine Augen von dem glänzenden Mädchen erst losriß, als er sich beobachtet fühlte. Dunkel fragend sah er empor zu Jürgen, den mit Wucht die Empfindung traf, soeben Zeuge eines ungeheueren Menschheitsverbrechens geworden zu sein.

‚Sollte nicht schon das allein jeden Menschen veranlassen, Rebell zu werden?‘ . . . „Wir geben ihm unser Taschengeld, Karl.“