„So einem Ferkel? . . . Von meinem Taschengeld habe ich überhaupt nichts mehr.“
Der Junge blickte seine kotverklebten, skrofulösen Beine an, beschämt empor zu Jürgen, der fühlte, wie in seinem Gehirn wieder die Entschlußfähigkeit unvermittelt erlosch, da der Schulkamerad ihn grinsend beobachtete. ‚Ein Ferkel, du hast recht‘, wollte er schon sagen.
Und legte, plötzlich durchstoßen von einem Kraftstrom und im Tiefsten berührt von der Ahnung, daß wilde Rechtlosigkeit das Leben der Armen bestimmte, sein Taschengeld in die Hand des Proletarierjungen.
Der gewaltige Vorgang in seinem Innern: seine erste bewußte Handlung der Liebe löste ein schmerzhaft schweres Glück aus. Ein mit Jubel geladener Schrei wollte aus seiner Brust heraus. So stürzte er davon, während Karl Lenz in den Konditorladen eintrat.
Es war drückend still im Hause. Unbeweglich saß Jürgen in seinem Zimmer vor dem blauen Schulheft und grübelte darüber nach, ob es einen Gott gäbe.
Plötzlich hingen in der Dämmerung die hellen Gesichter der Schulkameraden, grinsten höhnisch. Und die Tante sagt: ‚Nein, so einen unselbständigen Jungen, wie du einer bist, gibts nicht mehr. Ein Unglück für deinen Vater.‘
Preisgegeben ließ er sich von den Geistern der Verachtung weiterquälen, stellte ihnen entgegen: ‚Ich habe doch gestern zum Professor gesagt: Abraham, der seinen Sohn schlachten wollte, kann unmöglich ein guter Mensch gewesen sein. Ein furchtbarer Vater. Meiner Ansicht nach dürfte Gott so einen Befehl auch gar nicht geben.‘
Fragt die Tante sehr erstaunt: ‚Was, das hast du gewagt?‘
Und Jürgen läßt sich sofort vom Professor, der geantwortet hatte: ‚Wie kommen Sie zu dieser unerlaubten, sträflichen Ansicht!‘ bei der Tante in Schutz nehmen: ‚Ihr Neffe hat gar nicht so unrecht. Er hat öfters solche erstaunlich eigenwilligen Ansichten.‘
Sagt die Tante erfreut zum Vater: ‚Da ist er ja gar keine Schande für die Familie.‘