„Hören Sie!“ Die Tante stellte sich zu einer langen Erzählung zurecht. „Jürgen war schon als ganz kleiner Junge so ängstlich, daß er nicht einmal zu sprechen wagte. Wir alle glaubten, er sei stumm geboren. Eines Tages — er war vier Jahre alt, es war auf dem Geflügelmarkt — sagte er plötzlich: ‚Hühnchen‘. Das war sein erstes Wort. Nicht etwa ‚Papa‘, wie bei andern Kindern. Bewahre! ‚Hühnchen‘, sagte er und lockte: ‚Bi bi bi bi bi‘, so mit Zeigefinger und Daumen. Sollte mans für möglich halten? Diese Unselbständigkeit!“ Sie sah erwartungsvoll zu ihm auf, weil er sie am gehäkelten Spitzenkragen gepackt hielt und noch immer nicht sprach. Da schüttelte er sie kräftig und sagte: „Bi bi bi bi bi! Adieu!“
Abweisend blickte sie ihm nach, horchte dann einige Minuten lang streng an Jürgens Tür.
Der saß glühend am Tisch und schrieb, da er anderes Papier nicht gleich gefunden hatte, eine lange Abhandlung mit vielen Beweisen, daß es einen Gott nicht geben könne, ins Schulheft. „Folglich bin ich Atheist.“ Dann erst quälte er sich den deutschen Aufsatz ab.
Und übergab das Heft am Montag dem Professor, der die Beweise für das Nichtexistieren Gottes fand und sie dem Religionslehrer schickte.
Das Ereignis wurde zu einer Professorenkonferenz und hatte nur deshalb keine schlimmen Folgen für Jürgen, weil die Tante plötzlich an der Stirnseite des Konferenztisches stand und die Lehrerrunde sprengte: „Herr Kolbenreiher hat sich soeben aus unbekannten Gründen erschossen . . . Mein Bruder war ein bedeutender Mann.“
Ihre Hand wanderte: wurde mitleidig geschüttelt. Der Schrecken der Professoren war ehrlich.
„Aber mit seinem Sohne müssen die Herren halt viel Geduld haben . . . Mit viel Geduld und Strenge gehts vielleicht.“
Daran solle es nicht fehlen. Vom Rektor wurde sie hinausbegleitet. „Jürgens schwankende Seele . . . Seine Unsicherheit“, vernahmen die Zurückbleibenden.
„Folglich bin ich Atheist.“ Der Religionslehrer riß die Augen auf. „Bin ich Atheist, schreibt der Junge. Und gestern diese Geschichte mit Abraham!“
Der Mathematikprofessor beruhigte ihn: „Das Leben wird dem Burschen diese Gedanken schon abschleifen . . . Gut und schnell auffassen tut er ja.“ Man rügte noch seine außerordentliche Faulheit und erklärte die Konferenz für geschlossen.