Tagsüber versuchte Jürgen gar nicht mehr, Ordnung in seine Gefühle zu bringen. In die Träume schickte die vergewaltigte Seele drohende Ungeheuer. Der Vater stand immer daneben.
Und wenn ihn der qualenerfüllte Schlaf entließ, empfing ihn die Tante, schüttelte verächtlich den Kopf und gab ihm Briefe mit an die Professoren, in denen sie für den seinem bedeutenden Vater leider nicht nachgeschlagenen Sohn um Nachsicht bat.
In diesem, von Familie und Schule gebildeten lückenlosen Kreis der Notzucht taumelte Jürgen so weltverloren herum, daß Herr Philippi sich veranlaßt sah, behutsam und energisch zu lügen.
In der schon gewohnheitsmäßigen Erwartung, wieder gedemütigt zu werden, drehte Jürgen Kopf und Schultern weg.
„. . . Da fällt mir ein: Sie glauben vermutlich immer noch, Ihr Vater habe nicht viel von Ihnen gehalten? Selbst wenn es so wäre, dürften Sie ihm das weiter nicht nachtragen. Er war ein alter, kranker Mann, der den Glauben an das Schöne und Gute eingebüßt hatte. So einer ist leicht blind und ungerecht.“
Als habe der Vater gesprochen, war der Knabenkopf immer tiefer gesunken.
‚Der Vater ist tot . . . Seine Autorität lebt‘, dachte Herr Philippi. Und log: „Ich habe Ihnen etwas von Ihrem Vater auszurichten. Kurz vor seinem Tode war ich bei ihm. Er saß im Sessel, Sie wissen ja, saß wie immer im Sessel und blickte zum Fenster hinaus auf einen vorüberfliegenden Vogelschwarm . . . Es waren Staren“, dichtete Herr Philippi. „Plötzlich sagte Ihr Vater nachdenklich: ‚Meinem Jürgen habe ich zeitlebens furchtbar unrecht getan. Warum eigentlich? Das ist mir ein Rätsel.‘ . . . Er wußte es nämlich tatsächlich selbst nicht . . . ‚Denn ich bin mir ja in Wirklichkeit ganz klar darüber, daß Jürgen ein‘ — wie sagte er doch — ‚ein ausgezeichneter und sogar sehr kluger Junge ist . . . Das muß man ihm bei Gelegenheit einmal sagen.‘“
Es gelang Herrn Philippi, wie ein Knabe zu lächeln, als er auch die Autorität der Tante zu erschlagen versuchte: „Und dieses alte Mädchen, Ihre Tante! Aus der brauchen Sie sich natürlich gar nichts zu machen. So eine vertrocknete Schachtel ist ja ganz ahnungslos! Das ist übrigens die volle Wahrheit . . . Besuchen Sie mich einmal.“
‚Diese geachteten Bürger sagen sich: Wir lassen unsere Kinder nicht hungern, nicht arbeiten; wir asphaltieren ihnen mit teueren Kleidern, mit reichlichem Essen und höherem Unterricht eine breite, glatte Straße ins Leben . . . Die psychischen Ungeheuer, die sie in die Seelen stoßen, zählen nicht. Da fallen die allerhand Autoritäten über so einen Jungen her, nehmen ihm, auch wenn er beim Spiel mit Sand mehr Phantasie und Geist offenbart als sie in ihrem ganzen Leben, seine Selbständigkeit und wundern sich dann über seine Unselbständigkeit‘, dachte der Alte auf der Straße,
während Jürgen vor der Tante stand. Sie blickte beim Sprechen ins Vorgärtchen hinaus, steil aufgerichtet. „Ich habe alles gehört. Du hast keine Zeit, diesen Herrn Philippi zu besuchen. Deine Schularbeiten sind wichtiger. In meinen Händen liegt deine Erziehung.“