Gegen der Liebenden Augen!
Was ist Strahlen und Leuchten der Sonne,
Gegen das Weihen und Segnen der Liebe!
Drunten kam mir meine rechtschaffene Mutter mit einem Manne entgegen, der nun mein Schwiegervater hieß, der mir mein Weib erliebt und erzogen. Sie hatte mit ihm väterliche Richtigkeit gemacht, wie sie mir winkte. Ich nahm seine Hand; er schloß mich in seine Arme und drückte mich an den neuen grünen Rock über dem alten Menschenherzen und nannte mich einen Sohn. Mit solcher Freude büßen einst nur so platt genannte „Verliebte“ ihre Liebe, mit den schönen lebendigen Folgen!
Ist Jemand besser wie Eltern, das ist mir unbekannt;
Der einzige Stand auf Erden, das ist der Ehestand!
hätte jetzt mir der Aufsinger der nobelheidnischen Niebelungen gesagt. „Das arme Häschen“ war aus, und ich hatte ihr nun das Märchen der Liebe zu erzählen; und sie hörte mir zu wie ein Kind. Die Welt hat nicht viel, selber ihre Seele hat nicht viel; und doch ist sie kein armer Teufel; denn das Wenige ist unermeßlich, sie hat es immer wieder; und mit den paar Gerichten hält sie über alle Sommer und Winter der Sterne aus! Die Mutter hatte heimlich in Brigittens Zimmer allen prächtigen Brautstaat ihr ausgelegt, und Seide, Geld, Perlen, Juwelen, und Spitzen schimmerten und funkelten sie an, als sie mit den Leuchtern schon froh wie eine Himmelsflamme hineingetreten, um in ihrem ärmlichen Bettchen zu schlafen. Sie kam noch einmal herüber zu uns, und wir mußten kommen ihr bewundern helfen — und ich sie zu bewundern.
Es half nichts. Wir fuhren am andern Vormittag nach Westfrei, und ich stellte dem Hause Heiligenhahn meine Braut vor. Sie erschien allen eine andere Person und ging von Brust an Brust der Freundinnen. Dann ging sie hinauf zu Arminien und kam mit verweinten Augen zurück. Der um allen Schändlichkeiten gegen das Vaterland gründlich zu entgehen, Protestant gewordene Irländer war die Nacht abgereist, aber nur mit Weib und fünf Töchtern. Denn ich sehe noch Dolly und Nolly im Hause, die beide eins, nicht mehr zu bewegen gewesen waren, einen Schritt in die Welt thun und sich vor aller Welt immer neu zu schämen! Der Vater hatte wenigstens die Genugthuung erlebt, daß die feindlichen Schwestern durch gleiches Unglück bewogen, sich versöhnt und sich ewige Freundschaft zugeschworen. Er hatte ihnen gerathen, sich zu verheirathen; und sein von mir beeifersüchtigter langer Pädagog hatte glücklich sein Ziel erreicht: sich eine reiche Tochter des Hauses anzuabälardisiren; ein Fall der Vorgang und Nachgang gefunden, und Vater auf Sohn erblich zu werden verspricht. Ein sehr schöner Lieutenant, dem ein nur von Gesicht häßliches, aber sehr reiches und gutes Weib, von einflußreicher Familie auch lieber geschienen, als der Methusalemorden, war gleichfalls gegenwärtig, und mir wurden, als doppeltes Paroli, zwei irländische Bräute präsentiert! Zum Abschied gab uns der Hausvater unter Thränen die Lehre mit: „Und weichet keine Meile weit von Gottes Wegen ab!“ Brigitte erröthete und schien den Grund dieser Lehre zu verstehen. Ich erkannte nur die Folge der geheimen Ursache: den stillen frommen Wahnsinn! Dagegen sagte sie ihm leiser, doch hörte ich’s wohl: „Mögen Ihre frommen Segenswünsche mich begleiten! Ich werde sie brauchen, um meinen, o Gott, Mann, so zu beglücken, wie er es verdient und mein heißestes Bestreben ist. Wenn Er nur glücklich wird, immer zufrieden ist, dann will ich es auch sein! Aber ist Er es nicht, verhindere ich sein Glück, und bin ich es nicht, so ist mein inniger Wunsch zu sterben.“ —
Zu unserer Hochzeit kam niemand von Westfrei. Dagegen hatte ich die im Leben und nun auch im Heirathen zu längerer Geduld verwiesenen Herren Offiziere, Referendäre und Candidaten als vormals verhoffte Herren Schwäger gebeten, und sie hatten es angenommen: „um sich einmal recht herzlich zu ärgern.“ Ein leider gewöhnlicher Grund zu den neuen befohlenen und freiwilligen Festen. Auch die vier schönen Söhne des Herrn von Stifter saßen kostbar zu Tisch; Herr und Frau hatten sich entschuldigt. Meine Braut hatte zu weiblicher Unterstützung die fünf verlobten Töchter meines redlichen Freundes, des Postdirectors, der mich in eifrigen Stellen der Rede heute Du nannte und mir heimlich erzählte: Die vier Söhne sollten ihren Vater gefordert haben, was ihn sehr alterirt hätte. — Aber auch der arme Vagabund Nox, überall verlacht, hatte sich eingestellt; und ein Gespenst, ein Revenant, der vor 10 Jahren eine Unmöglichkeit gewesen und an gewissem Orte ein Unterkommen gefunden, saß, leibhaftig, doch aus Commiseration mit am Tische. Daß seine Kunst betteln gegangen, hatte den Irrsinn in ihm in den Wahnsinn veredelt: er seit der Engel Tobiä selbst; wodurch seine Seele sich retablirt und sicher constituirt. Darum legte er nie eine Art Mantelkragen ab, daß niemand seine Flügel sehen sollte! Er erzählte uns unter andern, daß er neulich in Mannheim, der Stadt der am schönsten, gewachsenen Mädchen in allen Deutschländern, vom Chor der Kirche auf sie herabgeschaut, und ganz wunderliche Heirathsgedanken, und mehr wie Gedanken, empfunden habe und setzte naiv hinzu; „Das war wohl sehr Unrecht von einem lieben Engel!“ — Verzagter wie er, konnte niemand sein. Er dachte nicht mehr an’s Weihen und Räuchern und schauderte allemal, wenn ihn meine rechtschaffene Mutter, der Pastor oder der Schulmeister nur ansahen. Daß aber ein Verwirrter auch ein redlicher Mann sein könne, und ein redlicher Mann ein Verwirrter, der Verwirrungen und Unheil stiftet als ein Redlichverwirrter, das wird uns klar, wie der Grund auch jenes Schauders vor meinen amerikanischen Augen, mit welchen ich ihn und die hiesige neue Welt ansah. Wie sich kaum Jemand anders als ein Cretin jetzt schon ohne irgend einen Stachel im Herzen zu Tische setzt, so ward uns noch dazu die Hochzeitstafel verbittert — durch Lachen. Mein Pastor erhielt mündlich über Tische die schriftliche Aufforderung zur Vertheidigung: Aus ehrwürdigem Munde eines Augenzeugen, sei die „auf Reinheit“ bedachte Anzeige eingegangen: daß eine Ungläubige an gläubigem Orte beigesetzt worden, ja sogar mit einem profanen Werkzeuge an der Seite. Es erfordere das Attest, daß jener Fremde mit seinen Kindern und dem todten Kinde, von ihm bekehrt sei.