Indessen fuhr ich denn doch auch von dieser Freude, wie nicht im Himmel sein kann, zu meiner Hochzeitnacht nach Hause. Eben weil solche Freude nicht im Himmel ist, kein solches Weib, ja einmal keine Nacht!

Wir lebten ruhig und glücklich. Der Bruder meines Pastors war gestorben hatte ihm ein ansehenswerthes Vermögen hinterlassen. So erwartete er ruhig seine Absetzung, auf welchen Fall ihm die freien Dörfer schon den halben Dezimen fortzuschütten sich verbindlich gemacht. Die Gemeinen haben Vernunft und bekommen Halt durch Einigkeit. Auch der Schullehrer war von ihnen versichert. Dies und hundert Anderes wirkten auf den edlen Generalvater, dessen Vater schon ein Muster der Gutsbesitzer und Patrone im Lande geworden, mit ungemerkter Gewalt. Denn es vermag Niemand zu sagen, wie sehr „das Wetter der Zeit“ ihn durch unbeweisbare Einwirkung stimmt, und sein Leben bestimmt. Das Wetter macht die Erndten: Der Einfluß der Umgebungen macht die Dorf- und Weltgeschichte. Denn in der Nähe war folgendes geschehen: Die Frau Heidemann, die ihre Tochter dem armen jungen Menschen nicht gegeben und sie darüber verloren, hatte ihrem Sohne nun Hochzeit gemacht, war aber von Reue ergriffen, vom Hochzeittisch weg auf den Boden geschlichen und hatte sich, als Opfer ihrer ersäuften Tochter, gehangen. — Ein alter General, der eine Geschichte der Sachsen im siebenjährigen Kriege geschrieben, worin er sonderbar klagt: „Das war der erste Nagel zu unserem Sarge! Das war der zweite Nagel! Das war der dritte Nagel!“ hatte endlich die Letzte von seinen vielen Töchtern glücklich verheirathet — und sich den Morgen darauf erschossen auf seinem Gute Tsch....dorf. — Ein Herr aus Braunschweig war zu uns nach Südfrei gekommen, mit der erschütterten Neuigkeit, daß ein kolossaler oder pyramidaler Freund, ein edler deutscher Mann, der Herr von Münchhausen, mit seinen zwölf kolossalen oder pyramidalen Söhnen an der Grenze von Texas, wo er einen neuen deutschen Stamm gründen wollen, von den Wilden sei gehangen worden. — Die arme Frau von Stifter, eine Oberforstmeisterstochter, hatte mit ihrem Mann — Pistolen geschossen, und ihm — „zufällig“ dabei eine Kugel durch die Brust, die ihn nicht gleich getödtet, an deren Folgen, nach Salomons Urtheil, er aber nach und nach versiechen mußte. — Mit dem am Irländer verdienten großen Ehrensold war Salomon selber fort, Doctor und unabsetzbarer Hausprediger zu werden. — Arminien wollte eine Bekannte in Nürnberg gesehen haben.

Unter allem diesem „Wetter“ ließ nun der Generalvater sein Gut Westfrei in 20 „Höfe,“ jeden mit 500 Morgen schöner fruchtbarer Feldmark theilen; nur das Schloß besaß 1000 Morgen. Die Höfe alle bekamen Namen von allen seinen Töchtern und wurden ausgebaut und eingerichtet. Dabei war auch der mir jetzt verständliche Arminienhof, sichtbar der schönste und beste. Das Schloß bekam den Namen Prytaneum. Ueber alle diese, mit seinem ernsten ja finsterem Geist ausgeführten Anstalten verging auch der Herbst, der wie zum Dank und zum Segen des schweigendliebenden Vaters wundervoll schön und heiter war.

Endlich, um Lichtmesse, ward eine Generalhochzeit gleichsam ausgeschrieben. Die Töchter strahlten von seliger Arbeit. Jede verstand allein einem Hauswesen in allen seinen Zweigen vollkommen vorzustehn; denn alle hatten nach und nach jedes einzelne Geschäft lernen müssen; im Garten, in der Küche, im Bewahrhause und jede wußte alles Erforderliche hervorzubringen, aufzubewahren, und zuzurichten, von Brot bis Berlinertorte, von Radischen bis Ananas, von Flachs bis zum altasglänzendweißen Tischtuch. Jetzt arbeiteten sich alle mit Lust in die Hände, dabei herzten und küßten sie sich untereinander einen Augenblick, wenn sie sich begegneten. Endlich waren die Bräute, kurzzeitige Bräute, und ihre Bräutigamme, alles auserlesene junge Männer: Fünf Candidaten, drei Offiziere, drei Referendäre, die vier Söhne von Stifter und Student Salomon. Zugleich lagen die lieblichbunten Verlobungsbriefe von Nolly und Dolly, zusammen Achtzehn vor uns. Nur die jüngste Tochter war unversorgt, die liebste, Armgard.

Zum Hochzeittage, auch kein Wunder, nur eine natürlich erfolgte Cumulation, Anhäufung oder Vereinigung, fanden wir uns aus Ostfrei in Schloß Westfrei „dem Männerstift“ ein, mit einem Beikahn voll Hochzeitgeschenke, die meine rechtschaffene Mutter für mich, mein Weib und sich selbst höchstreichlich geschafft und passend erdacht. Die Gäste, außer dem heut stöhnenden Herrn von Rizzi, der im Kahne mit blasenden Postillonen gekommen war, schienen wirklich alle sich zum Troste, wie dem Generalhochzeitvater als mildernde Folie gebeten! Denn da war der Maurermeister G... aus der nahen Stadt P... mit neun lebenden Söhnen und einer Tochter. — Der alte Hof- Haus- oder Stall- — eigentlich: Pferde-Sattler G.... aus M..... mit siebzehn Kindern von seiner ersten Frau, und zweien von seiner zweiten, und vieren von seiner dritten. — Dann der Herr von D.....z auf D.l..g mit neunzehn, also lebendigen Kindern von seiner einzigen noch liebenswürdigen Frau, die wirklich jungfräulich immer wieder über so viele — Kinder erröthete! Ihr Mann, der Landes....., aber stellte seinen jüngsten Sohn Rudolph, einen Coloß, mit besonderem Vergnügen vor, mit der Geschichte, daß derselbe ein elendes Kind gewesen; aber zur Stärkung stets in dem frischausgeteigtem Backfaß so freudenreich erzogen worden sei! Kurz der Generalvater erschien als ein ganz gewöhnlicher Mann, deren Wenige nur „so viel Glück“ hatten. Die vorläufige köstliche Bewirthung erheiterte Alle.

Ehe wir in die Trauung über den See fuhren, trat Herr von Sangallo mitten in den Saal. Er war von draußen, wahrscheinlich vom Ruheort seiner Agathe sehr ernst hereingekommen, und erbat sich die Erlaubniß, gleichsam vom Hausaltare, nur ein Wort zu sagen, was er auf solche Sorgen der Liebe vielleicht sich verdient habe. Dabei blieb seine jüngste Tochter in weißem Kleide, einen Schneeglöckchenkranz in den Haaren, ihm wie zur Stütze stehen. Er hielt sich lange die Hand vor die Augen und murmelte einige unverständliche Worte, dann erschien er heiter und sprach:

Wir alle, keinen Menschen ausgenommen, leben: um uns überflüssig zu machen. Auch ich bin ein abgethaner Vater, das sind abgethane Kinder; ich fühle es am besten, nun wirklich verlorene Kinder für mich; gefundene ihren Männern, und von der Natur, dieser einzigen, wahren und worthaltenden Prophetin überall, ihren Kindern prophezeihte Mütter. Ich spreche also meine Kinder als Kinder los; Ihr seid frei!“

Dabei ging er umher, legte jeder die Hand auf das willig gesenkte Haupt, dann küßte er sie; Arminien umarmte er. Dann trat er ruhig an seinen Platz und sprach weiter: „Meine Liebe geht jetzt in ihren Himmel, unthätig und ohne Furcht zurück, wie da draußen die Sonne die mich bescheint, und Euch alle — wenn ihr glücklich seid — dereinst so bescheint, wenn Ihr Euere Töchter und Söhne freisprecht — das heißt: verheirathet.“

Denn wie schlecht haben die gesehen, welche noch eine Erlösung der Frauen aus Sclaverei, ihre Freilassung verlangen; denn das bedeutet doch Emancipation. Die Weiber sind auch bei den ehrlichen Türken freier, als die Männer überall. Die Männer stecken in der Sclaverei des Lebens, wenn das eine ist. Alle Gefahren, alle Blutarbeit des Krieges, alle schwere Arbeit, von Hammerschmied und Glasmacher an, bis zu Nachtwächter aller Art, alle Aemter, welche sie im Grunde um das bürgerliche, häusliche, menschliche Leben bringen — für Geld, Ehre und Brot bringen, müssen die Männer allein übernehmen. Oder ist das keine Sklaverei, wie frei ist da erst die Frau, da sie im vollständigen unbeschränkten Besitz des ihr von der Natur angewiesenen Lebens, ihres Wirkungskreises, schon immer war, noch ist, und immer sein wird. Das Wenige, was daran fehlt, möchte ihr kaum gut thun, und das halten ihr nur persönliche Umstände vor:

„Böser Mann, Armuth, Krankheit, Unglück, Kinderlosigkeit; zumeist die Weiber selbst, welche die eingefleischte Rangordnung, Ehrsucht und Eitelkeit sind. Die Weiber sollen sich nicht entwürdigen, so kann und wird sie Niemand erniedrigen. Ohne neue papierene Freiheit kann die Frau in jedem Hause Frau sein, ihre Seele entwickeln, ihr Herz ausschütten, ihren Gefühlen leben, ihre Liebe bethätigen, aussprechen, auslehren, auswiegen, aussingen, ja auswaschen — denn selber in einem zum Sonntag neuwaschenem Kinderhäubchen steckt die ganze Mutterliebe! Ihre Lebensaufgabe, ihr Beruf, ihr süßes, schönes, herzliches, geschichtloses Leben, das zum Beweis ihres höchsten Ranges wie alles Göttliche und Ewige selbst „geschichtlos“ ist, sind ihr unverkümmerbar, unraubbar. Höchstens tritt wieder das Weib nur dem Weibe entgegen — als Kebsweib, Abspenstigmacherin, junge schöne Sclavin! Und da theilen die Männer die Schuld durch Sitten, Gebräuche, ja Religion. Man soll mir nicht mit der Frauenerlösung kommen! Denn da befällt mich Trauer, Zorn und Wuth über die Sclaverei, in welcher die Männer noch stecken. Und gerade die Weiber sollen mit Hand und Mund — dem gewaltigen — mit Liebe und Haß, mit Freimuth und Hochsinn daheim und auswärts aus aller Herzenkraft und Weibermacht nach ihrem vollständigen Wohlsein und Glück dazu, dazu beitragen: daß der Mann frei wird! daß er Mensch wird. Mit der Hochzeit ist jede Jungfrau emancipiert. Darum heirathet ihr Mädchen! Dazu macht Ihr den Jünglingen die Ehe möglich, den Männern leicht, durch einfache Ansprüche, gediegenes Leben; und dazu kennt die besten Güter; und dann seid damit zufrieden! Die künftigen Männer macht ihr frei, durch das Kleine und Liebe: Eure Kleinen voll Ehre und Kraft zu erziehen! Voll Verlangen nach jeder guten Göttergabe! Was ihr Mütter die Kinder lehrt, das wehren Euch Legionen Teufel nicht; das tilgen Legionen Tyrannen nicht aus. Die Kinderstube ist das Heiligthum Gottes. Dahin reicht keine freche Hand. Und was Einem das Leben kostete, das lachen nur Viele hinweg. Darum seid froh! Empfangt meinen Dank für alles, was ich Euch zu thun vermocht! für alles Glück, das Ihr mir gewesen seid — und vergeßt Euren Vater nicht! Nun zieht gesegnet in Frieden!“