Irmengard war so geistermäßig verwandelt, daß er eher sein erstandenes Weib in ihr sah, als die Mutter ihre Tochter. Den glücklichen Raimund hatte, statt des plötzlichen Todes, nur ein plötzlicher Schlaf befallen, und sie trugen ihn in den Großvaterstuhl, worin er wie im Himmel saß. Irmengard aber war ohnmächtig, und sie mußten ihr Luft machen um die Brust, wobei der Doctor einen Schreck vor Vater und Mutter verbarg.
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Am Morgen ließ sich Raimund erkundigen, ob seine Gabriele noch da sei, wirklich, oder ob er geträumt? Van Graveland besuchte bei Gaiette mit der Mutter und dem Arzt seine arme Tochter, die ihnen auf eine Pergamenttafel schrieb, daß sie schon seit einer gewissen Zeit sprachlos sei. Der Doctor sagte dem Maler etwas ins Ohr — der Vater erröthete über und über und fragte dann heilig erzürnt, doch im heiligsten Ernste gelassen, die unglückliche Tochter: Wo hast du dein Kind?
Darüber faltete sie die Hände, brach in Thränen aus und schrieb auf die Tafel: Vor Angst und Jammer, und Lieb’ und Leid, und Scham und Schande — an meiner Brust nur erdrückt, es liegt in mein Brusttuch gewindelt in der hohlen Eiche im Dorfe, wo der alte blinde Mann wohnt, der mich aufgenommen, als ich nicht weiter konnte!
Der Vater las das, die Mutter las es und sie versteinerten.
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Irmengard saß des Tags über still, gewöhnlich die gefalteten Hände im Schoos, in einfachen, weißen, ihr hingelegten Kleidern, gepflegt von Gaiette. Raimund besuchte sie schüchtern alle Morgen, und hatte im Stillen seine Freude an der Stillen. Der Mutter hatte sie auf ihre Fragen geschrieben: sie wäre mit Nikolas gleich aus dem Elend in Genua auf ein Schiffchen im Hafen geflohen, und sie hätten nach Ostia gewollt, um sich in Rom ihr Vergehen vergeben zu lassen; aber Stürme hätten sie wieder zurück ans Land gedrückt. Darauf wären sie Beide einsam zurückgekehrt; aber nicht eben weit von hier habe eine rachsüchtige Gemeinde sie ausgehöhnt und ihn eingesperrt. Da sitz’ er wol noch.
Sie lächelte nur vor sich hin, daß man sie wegen des todten Kindes einkerkern, ja richten könne . . . nur die vielen unglücklichen verwaisten Aeltern begehrten ein sichtbares Opfer. Sie sei von dem Nikolas wie bezaubert gewesen . . . von seiner Gewalt, von seinem Ansehen wie eines Heiligen, daß ihn das ganze Land und die Priester selbst in den Kirchen geehrt. Sie wollte nicht fliehen, und Raimund begriff nicht, wie man seiner Gabriele ein Haar krümmen würde, oder . . . könne; obwol ihm Don Ramon vorstellte: wie rheinauf, rheinab und im ganzen deutschen Lande viel, viel Hexen verbrannt worden . . . und würden, und ein von den Todten wiedergekommenes Weib wäre ihnen noch viel, viel abscheulicher und verdammlicher, weil es nur durch Teufels Macht und Willen heraufgefahren sein könnte. Ja, noch nicht zu lange her haben die nachtwachenden betenden Priester einen im Sarge erwachten, sich aufrichtenden wimmernden Papst mit Fauststößen vor die Brust wieder zurückgedrängt in das Todtenreich, und vor Angst und Schrecken dazu gebrüllt: Was willst du wieder unter den Lebendigen.[23)]
Das sagte er ihm nur; denn das Volk wußte von seinem ihn seligmachenden Glauben nichts. Ja, ihre Mutter und ihr Vater hatten nichts dagegen, ihm die bewiesenermaßen verheirathbare Tochter zum Weibe zu geben, um da wo in der Fremde in aller Stille und Ehrbarkeit zu leben. Und van Graveland erzählte der Mutter und dem Arzt zum Beispiel und Vorbild die kleine Geschichte: Einem niederländischen berühmten Maler stirbt seine Frau, Margarethe geheißen. Er lebt zwar, aber er geht nur noch so verloren in Gram und Träumen auf der Welt. Da erblickt er eine Jungfrau, die seinem gestorbenen Weibe an Gestalt und Stimme und ganzem holden Wesen so ähnlich ist, wie es sich selten trifft, daß Zwei etwa im Abenddämmer, ja in vergoldendem Sonnenglanz sich ähnlich sehen. — Und ein Liebender ist immer wie geblendet von seinem eigenen Lichte. — Seine Liebe ergreift sie. Sie liebt den von ihr begeisterten Mann. Sie wird sein Weib. Er sagt ihr Tag und Nacht, daß er seine selige Margarethe wieder habe durch Gnade des Himmels. Und in Wahrheit haben alle Weiber sehr viel allgemein Aehnliches, allen Zukommendes. Des streng Unterscheidenden einer Einzigen ist wenig, des ganz Ausschließlichen nichts; nicht einmal ein Buckel, ja zwei. Margarethe nennt er sie; so kleidet er sie. Sie trägt von jener den Schmuck. Sie schläft in demselben Bett . . . und die gute, bezauberte, willige Seele ist mit äußerster Hingebung seine Margarethe — da sie auch, ihren Namen gewohnt, so hieß —, sie ist’s bis zur Herzens- und Verstandesverwirrung. Und so haben die Beiden ein noch nicht oder selten so dagewesenes, heiteres, stilles, ja seliges Leben gelebt. Denn welcher Mann würde seinem noch ein mal vom Tode erstandenen Weibe nicht freudig alles Erdenkliche zu Liebe thun! — So kann es, so wird es hier werden und sein. Irmengard wird den Hirtenknaben vergessen, als nur eine Gestalt aus dem jetzt verlachten Kreuztraum. Denn höre mich, Doctor. Wenn ich heimgekehrte Kinder frage: Wo habt ihr denn eigentlich hingewollt? Was habt ihr gedacht, ihr Rasenden? Was hat euch wie Mehlthau befallen, die ihr Väter und Mütter in hundert Städten und tausend Weilern und Dörfern unglücklich gemacht? — Da stehen die Kinder, oder sitzen wie aus den Wolken gefallene große Frösche, wie aufgewachte Nachtwandler, plötzlich nüchtern, dumm und dottend da, kratzen sich hinter den Ohren und sprechen: Wir wissen es nicht! wenn Ihr es nicht wißt. — Und der Doctor sagte: Das war die Krankheit! und die hat sich gebrochen! und kommt nicht wieder, wie Nichts in der Welt so jemals wiederkommt.
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