Als aber Irmengard, der Meinung des Volks zum Opfer, bei Nacht in denselben Kerker geführt worden, worin ihre Schwester gesessen, und ihre Enthauptung abzusehen war, zu welchem Urtheil ein kleines herbeigebrachtes Kästchen den Ausschlag gegeben, und keiner Erklärung, keines Geständnisses weiter zu bedürfen schien; da begab sich ihr Vater, wie schon oft, der Doctor und selbst der unglückliche Raimund in den Palast zu ihrem Freunde, den weisen Narren Jost, um einen letzten Rath zu halten, Raimund lachte im Bauche recht innerlich, daß ihm doch Niemand die wahre Natur seiner „wiedergekommenen Frau“ beweisen könne, und ihr gar nicht — und sie könne ja wol aus den Erdennarrenspossen von dem Block weg wieder verschwinden. Aber er wollte sie doch lieber behalten, sie retten, als einmal so glücklich, sie wieder zu haben! — Und so war das Ende des Raths, daß der kundige Jost seinem erst jetzt recht theuern Jugendfreunde eine Schrift auf Pergament gab, die er fleißig und gründlich einsehen und sich tapfer zunutze machen sollte! Es waren die schweren Pflichten und großen Rechte eines hochbetrauten Scharfrichters, nach altem Gebrauch und unbestrittener Geltung. — Einen Cardinal haben wir hier nicht zum Begegnen, sagte ihm Jost bei der Aushändigung; denn welchem zum Tode geführten armen Sünder, generis masculini oder feminini, ein solcher Rothmantel begegnet — was zu Zeiten theuer bezahlt wird, soll oder muß — Den oder Diese hat er das Recht zu begnadigen. Ein Paragraph in der Urkunde aber war vor allen mit einer eingebrochenen Ecke des Blatts bezeichnet. Und der, wie meist alle Halb- oder Ganzwahnsinnigen, höchst schlaue Raimund — dem überdies sein voriger großer Verstand auch noch im Unverstande zustatten kam — begriff sogleich seine Stellung, als eine solche hohe Person selbst, in die ihn seine Güte für einen armen Vetter gebracht. Und der alte Elias war aus Gram über seinen Enkel Nikolas — wie man ihm berichtete — „auf einmal“ gestorben. Und Raimund sprach vor Freuden darüber im Leibe vergnügt dazu: Auf ein mal! Das gönn’ ich dem armen braven Scharfrichter von Herzen! Denn wäre er auf ein paar mal gestorben, so wochenweise, stückweise — da sollte er mir leid gethan haben. So auf ein mal sterben, ganz und ganz und gar, ist noch die vernünftigste Art! Sonst taugte es gar nichts!

Neunzehntes Capitel.

An dem endlich angebrochenen Ehrentage der öffentlichen Gerechtigkeit, gerade ein Jahr nach dem Kinderauszuge, schien eine helle freundliche Sonne über das liebe, schöne, fruchtbare, lustige Rheinland, und die Lerchen sangen wieder in der blendenden Bläue des Himmels unsichtbar verborgen, fröhlich über den auf dem Hügel bereitstehenden Block und den Pfahl mit dem Rade.

Die dem Himmel in sonderbarer Erdensündertracht Heimzusendende stand von tröstenden Geistlichen umgeben schon dabei. Eine immer, selbst bei jeder Feuersbrunst, jedem Deichbruch schaulustige Menge, diesmal vielmehr Männer, Jünglinge und heimgekehrte Kreuzfahrtknaben, als Weiber und Jungfrauen, harrten gleichsam, ihre Herzogin „abthun“ zu sehen. Selbst der gute Erzbischof hielt in seinem Galawagen, seinen Beichtvater neben sich, galonnirte Diener hinter sich, und seinen allbeliebten und sogar seinen Herrn in der Noth schützenden Jost in der Staatsnarrenkappe vorn auf dem hohen Bocke neben dem Kutscher, der seine vor fauler Zeit übermüthigen sechs Schimmelhengste kaum bändigen konnte. Und der Erzbischof war gekommen zur Unterdrückung aller Art Ausbruchs des Volks durch seine bloße Autorität; wie alle kleinen Vögel schweigen, und selbst die Katzen sich verkriechen, als gäb’ es gar keine, wenn ein Adler oben über allen schwebt, und selbst sein Schatten in den Gehöften unten macht, daß die Hühner gackern.

Da kam auf prachtvollem und prachtvoll gezäumtem höllenschwarzen Rosse der Schauspieler des Tags, Don Raimund, in seiner edelmanngleichen Amtstracht dahergebraust, in schwarzem Sammetkleid, kostbarem, weißen brabanter Spitzenkoller, die goldene schwere Amtskette um den Hals, daran das Wappen der freien Reichs- und Hansestadt blitzte, ein Ritterbarett auf dem Kopfe, und wie eine finstere Wolke im Gesicht; vor ihm — natürlich — ein Vorreiter; hinter ihm seine Diener; einer mit einem mannshohen blitzblanken Mauerschwert mit silbernem Griff, das er kaum aufrechthalten konnte; ein zweiter mit dem nagelneuen funkelnden Beil, und noch zwei niedern Dienern, genannt Knechten, zum Flechten auf das Rad, und mit dem Blutbesen — Alle in Masken, auch der Meister in der finstern Maske, als ob Menschen zu solchen Werken ihr Menschenangesicht nicht dürften leuchten lassen. Er stieg mit würdiger Haltung ab, verneigte sich gegen den Erzbischof, eigentlich gegen den Narren, seinen Freund, dann gegen das Volk, als für welches und in dessen Namen Alles geschehe; ließ sich das ungeheuere Schwert reichen; mit dem wandelte er drei mal um die Niedergekniete; ließ sie das Haupt auf den Block legen, dann kniete er nieder. Auf einmal sprang er begeistert auf, warf das Schwert von sich hoch in die Luft, sprang auf den Block, als auf seine Kanzel, und rief laut über das Volk die wie ein gewaltiger Bann schallenden Worte aus:

„Kraft meines uralten Rechts und unverkümmerten Gebrauchs schenke ich diesem Weibe das Leben, und dadurch, daß ich sie zu meinem Weibe nehme, und sie hiermit von diesem Augenblick an für meine wahre, leibliche und geistige Ehefrau erkläre, vor Gott und Menschen. So wahr mir Gott helfe, der es sieht, und die Menschen es dulden und loben müssen, die es sehen.“

Darauf erhob er sie von den Knien, hob sie zu sich auf und drückte die wie Todte an sein Herz und flüsterte ihr ein geheimes Wort zu, ließ ihr seinen schwarzen Sammetmantel umwerfen, behielt sie an der Hand, warf seine Maske ab, rief noch zum Volk als zu seinen Zeugen, daß er seine Richterei seinem Vetter schenke, nachdem er sein einziges erstes und letztes Werk verhoffe zu des christlichen Gottes Billigung und zur Freude selbst der christlichen Menschen vollbracht zu haben.

„Die Heirath vom Blocke weg“ war also die von Jost in das Pergamentblatt eingekniffene Rettung gewesen. Und noch hob der beglückte Bräutigam ein weißes, großes documentartiges Papier in die Höhe und erklärte dabei: das ist der priesterliche Consens zu meiner Heirath. Denn ein Dispens war gar nicht nöthig, da mein Weib keine Blutsverwandte von mir gewesen. Und so lade ich Alle, Alle, die meine Gäste sein zu wollen mich beehren, zu heute Mittag und Abend bis zum Morgensterne zu meiner Hochzeit gebührend ein, und bitte: ihr Kommen mir durch ein lautes „Ja! Ja!“, gewißlich nicht „Nein“ zu bekunden.

Da brach erst freilich ungeheuere Zustimmung vor Freuden auf einen gewiß furchtbaren Schmauß aus, wobei Masken allen Rang und Stand aufhoben. Und da die vom Tode, als sonderbarem Schwiegervater Erheirathete immer noch und noch mit gebücktem Haupte stand, riefen ihr Hunderte zu: Auf! auf! Nimm ihn, wenn du klug bist! Und merke wohl: du mußt! Denn kein Verurtheilter darf sich den Tod ertrotzen. Also fort! fort! Zu Bett, zu Bett!

So riefen die Gutschnabel. Andere Klugschnabel aber sagten sich leise: Das ist eine schlau abgekartete Sache! Sie haben um das Ding lange gewußt! Deswegen haben ihre Aeltern vor ihrer Trauung gebeichtet, sich von ihrem — jetzt als Braut dastehenden Fehltritt — absolviren lassen, und vor den Kirchthüren bei schrecklichem Regenwetter, wo Niemand in die Kirche geht, noch kniend gebückt und ihn noch dazu im Schleier abgebüßt — weil sonst „die junge Frau“ da eine Blutsverwandte von ihrem jungen Manne gewesen, was Gott nur nothgedrungen nur Adam’s Kindern und Enkeln hat durch die Finger sehen müssen, und zwischen Gottes Fingern ist eine breite Oeffnung zur Durchsicht.