Aber seht auch, sprachen andere scharfe Richter, seht, so gut auch sind die Weiber: sie geben erst die Treue um ein Kind vom Geliebten, und dann gibt eine Mutter sogar ihre Ehre um das Kind! So etwas ist sogar im Paradiese nicht geschehen und wir Menschen fangen an viel besser zu werden. Doch wir werden die Welt und die Weiber nicht ändern; denn Sünde muß sein, wie wäre da sonst das süße Vergeben! — Jetzt heißt es für uns: Heida zur Hochzeit! Und denkt euch geschwind was aus! . . . und bring’ ihn ja Einer darauf, daß er uns läßt um Dukaten spielen! nämlich nur also: er langt sie heraus und setzt sie — und wir würfeln darum und stecken sie ein!

Raimund aber führte vom Tödten, also wie selbst vom Tode erlöst, seine Frau heim in die schon heimlich immer mit Pracht geschmückte Lindenburg, wo die Aeltern ihr Kind in die Arme schlossen — was er nicht recht begriff — anders als neue junge Frau Schwägerin — und wo Gaiette sich auch einen so reichen, braven, ja stattlich schönen Mann wünschte, und wenn er sogar auch glaube: sie sei Eva! Nur eins war ihr nicht recht, und sie verzog das Gesicht dabei und lachte nur spöttisch. Als Raimund dem Gebrauche gemäß mit seinem Weibe in die herzliebe Brautkammer geführt worden, da legte er in das breit aufgedeckte, zweispännige Bett das mannsgroße Schwert die Länge nach mitten hinein, zur ehernen heiligen Scheidewand zwischen sich und ihr.[24)] — Gaiette bestaunte das und lispelte: Ich Unschuldige würde mir aber doch im Finstern einmal einen Kuß über die Grenze paschen, oder die Lippen des Mannes darüber paschen lassen, ihn ertappen und schwere Strafe bezahlen lassen!

Und selbst Don Ramon, der von Allen als reinen treuen Herzens der Gerührteste war, mußte lächeln, und schlug ihr mit Jostens Pritsche leicht auf den Mund, und einmal in Aufregung, faßte ihn das lose Mädchen und küßte ihn tüchtig ab zu allem Dank.

Zwanzigstes Capitel.

Bittere Erfahrungen und Hoffnungslosigkeit verleiden den Besten sogar auch die Heimat. Das trieb sie zur Auswanderung. Sie beschlossen in einem Familienrathe: den Palast in der Stadt und ihr Landgut mit schöner Burg und prächtigem Garten und See zu verkaufen und in die Fremde zu ziehen. Und da lockte die Mutter denn die Schweiz mit ihrer Tochter und den beiden lieben kleinen Enkeln. Gaietten lockte der junge Ritter Savern; die um ihre Einwilligung befragte Irmengard-Gabriele schrieb ein großes Ja! auf die Tafel und küßte sie. Die wiederbeginnenden grausamen Judenverfolgungen, selbst in Amsterdam und in ganz Holland und Brabant, ließen auch Don Ramon die Auswanderung aus dem scheinbar genug bestraften Land gar heilsam erscheinen. Denn es ist nirgend stiller als auf einem verlassenen Schlachtfelde. Selbst der Mohrenknabe freute sich — obgleich stark sich irrend, und Eisgletscherhauch und ewigen Schnee in der Luft nicht kennend — auf ein wärmeres Land. Nur der alte Hausmeister Hagebald war betrübt, und ging, um nichts mehr als wahr und vorhanden anzusehen, mit halbgeschlossenen Augen umher, oder sang in den leeren Sälen, ja unten in den Kellergewölben, wenn er nach Wein ging, herzbrechende Kranken- und Sterbelieder wie mit Geisterstimme, und er zerschlug vor Unmuth mit Willen die Flaschen in der Hand, wenn Gaiette zu ihm in den Kellerhals hinunterlachte, und nur den stark und prächtig hinaufduftenden Wein bedauerte und rief: ein treuer „Hund“ verläßt mit den Menschen das Haus; die Katze nur bleibt getreu bei den Mäusen. Dann sprach sie ihm Muth ein, streichelte ihm die Backen und wischte ihm die Thränen aus den Augen. Und er lachte wieder.

Sie meldeten ihr Kommen für immer an den Genfersee, damit die Ihren dort Alles ihnen schmuck, bequem, übergenüglich, reich und kurz allerliebst herrichteten. „Alles in der Welt — nur keine Ersparniß!“ Die besten Sachen, künstlichen Geräthe und Bilder gingen schon immer zu Rheinkähnen hinauf voraus bis Basel. Sonst Alles, Bewegliches und Unbewegliches, war, wie um es leichter zu vergessen und es gern in Anderer Besitz zu wissen, an „edle“ Häuser verkauft. Raimund’s Glaube an seine Gabriele bestand die Probe auch dadurch, daß er seiner Nichte . . . oder doch seiner Frau Schwägerin Tochter Irmengard eine Todtenmesse stiftete und ein sehr großes Vermögen dazu vermachte — das durch Jostens Vermittelung für die Zukunft verstanden und in der Gegenwart gnädig angenommen ward.

Das war wahnsinnig von ihm — aber Er war wahnsinnig. Und so war es sogar ganz natürlich, und bei ihm und von ihm ganz gut.

Auch unterwegs trafen sie, als sie in Worms Ruhetage hielten und dabei auf das nächste Dorf hinausgingen, auf den zu einem schmucken jungen Hirten aufgeschossenen Hirtenknaben Nikolas, der auf einem Hügel saß und Schalmei blies für seine Heerde. Aber die Lieder befielen mit Wehmuth die Fremden, die den Hügel erstiegen — denn es waren seine Lieder, die er um die Lindenburg geblasen. Irmengard hatte sich schon ferner in den Schatten niedergesetzt. Raimund erkannte oben den versunkenen armen Herzog — blieb aber stumm, wie die rothgewordene Gaiette, die Frau Rath Irmentrud, ihr Mann, jetzt van Graveland, und Don Ramon. Dem Nikolas blieb auch der Athem in der Brust stocken; aber er mußte aufstehen. Raimund gab ihm eine Hand, bedauerte ihn, ließ sich sein kleines Beutelchen reichen, schenkte es ihm voll von Gold — und rieth ihm: ja in die Schweiz — in das Paradies der Hirten und Kühe, Ziegen und Schafe zu kommen, und ja ihn zu besuchen! Er begleitete sie den Hügel hinab in Schweigen. Irmengard stand von ihrem Felsstück auf, und auch seine Gabriele mußte dem Nikolas eine Hand geben, wobei sie aber zitternd und so zu sagen noch todtenblaß und starr dabei zur Erde sah. Dann ging er weinend wieder den Hügel hinauf und blies ihnen alte Lieder auf seiner Schalmei nach. Und Don Ramon sprach vor Allen laut: Er sieht aus wie aus einem Narrenhause entsprungen, und Schalmei bläst er zum Gotterbarmen!

Das glaub’ ich! meinte Gaiette. Sein Hund heißt wieder Phylax! Aber das ist alles umsonst! Alte Zeiten stehen nicht auf!

Bei Nacht aus dem letzten Orte abgereist, kamen sie am prachtvollsten Tage in Genf an. Frederune und ihr Salomon brachten Jedes der Mutter ein kleines Engelchen als Enkelchen auf dem Arme an ihr Herz und jedes ihr einen Strauß Alpenveilchen. Savern begrüßte Gaiette als ihm auf der ägyptischen Reise liebgewordene Freundin so liebreich, daß sie mit dem Gesicht im Brusttuch sich freute. Um alle Schrecken zu ersparen, entdeckte Don Ramon sogleich ihren Wirthen die sonderbare Ehe einer Todten mit einem Lebendigen — des vortrefflichen Raimund mit Irmengard, deren Sprachlosigkeit, also ihr Schweigen, das Verhältniß ungemein erleichterte. Das große, in das Bett zu legende Schwert war als ein Heiligthum mitgebracht und mußte sogleich an seinem Orte Wache liegen.