Unter den ausgetauschten Neuigkeiten erfuhr Don Ramon die ihm als Arzt hochwichtige Kunde von Savern, als den Schlüssel zu dem ganzen Kinderkreuzzuge, nämlich: Es sind zwei Geistliche, zwei Brüder nach Frankreich gekommen aus der Gefangenschaft des Assassinenfürsten, die er entlassen unter dem Gelöbniß: für ihren noch als Geisel zurückbehaltenen Vater sechs schöne Frankenknaben zu bringen. Diese zwei Brüder haben, um Vendôme an der Loire zu Hause, nun zwölf Knaben an sich gelockt, sie beschenkt, ihnen das heilige Morgenland als das Paradies der Erde geschildert, ihnen große Versprechungen gethan, ihnen Offenbarungen, Schätze und Wunder vorgelogen, sie den Aeltern gestohlen, eingesperrt und nun sie geistlich exerciren lassen bis zum Verrücktwerden, durch Beten, Singen, Knien, Weinen auf Commando, Beichten, Nachtwachen, Teufelverwünschen und -Austreiben, bis sie durch das geistliche Exercitium vollständig gerast. Dann haben sie sechs dieser armen Seelen wie ohne Leiber dem Fürsten zum Lösegeld gebracht, der diese Wahnsinnigen nach Art der Morgenländer geradezu für Heilige gehalten. Die in Frankreich Gebliebenen sind aber ins Land entlaufen, die entsetzliche Krankheit in Haupt und Gliedern; haben die Hirtenknaben zuerst, und die Hirtenknaben dann die Dorfjugend damit angesteckt. So ist die Kinderwuth angegangen, wie „Seelenpocken“, bis sie als Kinderkreuzzug ausgebrochen und ihren rasenden und unseligen Verlauf genommen.[25)]
Der Doctor fiel ihm um den Hals und küßte ihm die Hände vor Dank, daß er als Arzt recht gesehen. Aber auch vor edler Menschenfreude, daß dem ganzen großen Wirrwarr nur die Kindesliebe zu Vater und Mutter, wenn auch in ihrer Entartung zugrunde gelegen.
Mehr brauchten sie von der Welt nicht zu wissen, als ja sich untereinander liebend. Sie verpaßten in Ruhe und Frieden den neuen Kreuzzug der 70,000 geharnischten Ritter, der wie der Zug der Kinder jämmerlich endete. Sie verpaßten die große fürchterliche Weberschlacht der Wollenweber und Tuchscheerer gegen die Patricier, die sie aus Köln vertrieben, aber der Mittelstand in den weitern Rath aufgenommen werden mußte. Sie verpaßten den neuen Kampf Aller gegen die Macht und das Herrschen des neuen Erzbischofs; die Belagerung der Stadt, die Eroberung; die Verjagung und die Enthauptung der Herren vom Rathe; indeß sie selbst hier Alle doch mit dem Leben, dem größten Schatz, und mit allen ihren goldenen Schätzen davongekommen!
Sie vernahmen nur noch wie ein Märchen, daß der Kaiser Friedrich II. die christlichen Seeräuber und Kreuzkinderverkäufer, Hugo Ferreus und Wilhelm Porcus, sammt dem sicilischen Emir und dessen Söhnen, denen sie hatten den Kaiser ausliefern sollen — alle Fünf an einen fünffingerigen Galgen hatte hängen lassen. Ihr halb vergessenes, halb ausgeheiltes Uebel gab ihnen keine besondere Freude an der Vergeltung.
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So verging die Zeit. Der gute Don Raimund ward schwächer und träumerischer. Endlich lag er unrettbar auf seinem letzten Lager, als ein Opfer der Rettung der Tochter seines Bruders, die ihm die Wunde in den Nacken und den Wahnsinn zugezogen. Er ließ seine Gabriele an das Bett kommen, hielt sie an der Hand und dankte ihr, daß sie aus Liebe und Treue zu ihm den Himmel verlassen. Aber, sagte er: Ich kehre zu dir nicht zurück! sondern komme du lieber gleich mit, oder gesund mir nach — mir war es doch zu traurig — du erinnertest dennoch mich immer: daß du gestorben! und das war eine schlimme Zeit! Die vergiß ja lieber!
Sie beweinte den ihr wie heilig erschienenen Mann redlich und begrub ihn wie einen Seligen, der ihrer nicht mehr bedürfe.
Nach der Trauerzeit kam einst Nikolas mit seiner Schalmei in ihr Thal. Und ihr schlug das Herz von den Jugendklängen, die in ihre Liebe gefallen, die ihr damals nur Frömmigkeit und Glauben geschienen. Savern und Gaiette gaben ihr ein reizendes Beispiel. Soll denn ein Unglücklicher, doch im Herzen Unschuldiger, gar kein Mensch mehr sein und werden dürfen? — Und aus Erinnerung wurden sie Mann und Weib, und das mannesgroße silberblanke Schwert mit dem mächtigen Griffe verschwand aus dem mit weißen Lilien bekränzten Bett.
Er fand bei ihr einst, aus Raimund’s Nachlaß, das kleine Kästchen mit dem Kinde, das vormals mit gegen sie hatte zeugen müssen. Ameisen in der Eiche hatten das kleine Gerippe wie zärtlich und ganz unvergleichlich ab- und reingenagt.
Der Fund war sein Lohn!