Spät machte meine schwerträumende Seele Tag. D’Issaly war schon fort. Der Nachmorgen hatte etwas Zauberhaftes, als sei die Erde unter andre Gestirne versetzt. Fünf Sonnen standen am rauchumzogenen Himmel, roth wie ein Licht durch Rubinglas. Meine Sinne waren durch so viel Nieerlebtes gelöst und berauscht, daß mir fast nichts mehr wunderbar däuchten konnte. Woher es stamme, was es bedeute und sei, fiel gewiß Niemandem ein; Alles war nur, was es im Augenblick schien; heiß oder kalt, trüb oder hell, das war, was uns rührte! Die fünf himmlischen großen Rubinen schmolzen zuletzt und zerflossen in unbeschreiblich herrlichem Farbenspiel; und nach einer halben Stunde schien der Himmel ein Spiegel geworden, in dem sich die goldgelbe Sonne besah, und die Menschen konnten dieß ihr zur Seite stehende Bild in dem Spiegel sehen, und sie selber zugleich.
D’Issaly kam, setzte sich zu mir und sprach: „Es herrscht eine Wahrsagung hier unter dem Volke, daß, „wann die blinde Frau den blinden Hirsch fängt,“ sein Leben am Ende sei!“
Das Leben des Hirsches, oder des Volkes? frug ich ihn.
„Umgeben vom Waldbrande sind wir;“ antwortete er. „Der feurige Kreis ist geschlossen; nur grüne Bauminseln zittern und glühen noch hin und her. Das Feuer überspringt sich selbst. Wollen Sie den blinden Hirsch nun sehen? Er steht dort mitten in dem dichten Kreis der erstaunten Indianer leicht angebunden. Er ist matt bis auf den Tod, ein blindes Weib hat ihn am Geweih gefaßt und halten mögen, da er mit dem Winde auf sie gekommen. Viele machen ihr nun Vorwürfe, daß sie zugegriffen! Einige behaupten, sie sehe noch, oder werde wieder sehen, und bemühen sich fast verzweifelt, ihre Augen herzustellen; Andere versuchen, den alten Hirsch wieder sehend zu machen, damit die Alte keinen blinden Hirsch gegriffen! Gläubigere behaupten: der Hirsch sei doch blind gewesen, wenn er auch wieder sehe. Vor Allen brüsten sich die Wahrsager und scheinen mehr Freude über das Eintreten des vor Alters Vorhergesagten zu fühlen, als Angst über den dadurch angedeuteten Untergang. So sind die Pfaffen! Die jetzt ganz natürlich erprobte Wahrhaftigkeit der alten Thoren giebt ihnen neue Würde, die doch nun am Ende wäre! ja wirklich zu Ende geht! Ich konnte drei blinde Bären fangen, wenn ich blind war, um so närrisch zu sein, mich zu Tode umarmen zu lassen.“
Wir traten zu der Scene. Und der Anblick der Menge war wirklich wunderbar, welcher der alte edle Hirsch mit schwarzberäuchertem zackigen Geweih als ein Gesandter vom großen Geist erschien. Wer es auch hätte wagen können, ihn zu tödten, der wäre als Frevler zerrissen worden! Ein Greis gab ihm Mais aus seiner magern Hand zu fressen und blickte dabei zu den zwei goldenen Sonnen, und dem alten Vater standen die Thränen in den Augen. Alle waren gerührt, auch ich wendete weich mich ab.
Gerade jetzt trug das Mädchen — sie hieß Ayana — meinen Okki eilig nach einer andern Hütte. Ich eilte ihr nach. Da trat ein Algonkine hervor, schnell gab sie ihn dem auf den Arm, eilte hinein und verbarg sich.
Jener aber trat mir entgegen und frug mich auf französisch: „Du bist doch meiner Eoo Mann? Nein Du bist es eben nicht, das wissen wir schon, darum ist der Knabe nun mein! Mein Blut rinnt in seinen Adern. Aber Ayana hat Unrecht gethan, ich wäre schon frei und offen gekommen, den Knaben Dir abzufordern. Du bist als ein Gast zu uns genaht, selber in Noth, darum gehe Du unberührt von hinnen!“
Er wollte hinein gehen. Ich hielt ihn an Okki’s Arme, der schrie. Er stand. Es war Eoo’s Vater! Seine schwarzen Augen funkelten, die Nüstern seiner schön gebogenen Nase bewegte Zorn, seine Lippen schwellte Verachtung, und mit seiner hohen Stirn, umwölkt von glänzendem schwarzen Haar, stand er mir herrlich und unbegreiflich da. Und doch regte sich eine heimliche schwere Schuld in mir, eine Schuld am Mutterherzen. — Aber ein Wort ist den Indianern ein Schwur, es ist Wahrheit der Gefühle — und Okki war mir verloren, wenn ich ihn ließ. Das Kind konnt’ ich nicht fassen, wir hätten es zerrissen; Eoo’s Vater konnt’ ich, ihretwillen und meines Dankes wegen, nicht tödtlich, nicht ernstlich beschädigen wollen; das dacht’ ich klar. Aber mich befiel eine Wehmuth und eine Wuth zugleich, daß ich nicht mehr die Folgen erwog, noch das Gelingen von dem, was ich that. Ich faßte den Vater, ich rang mit ihm — während daß — ihm Ayana den Knaben wegriß. Meine Kraft war furchtbar gespannt, und doch wollt’ ich so eben dem Manne, in Thränen ausbrechend, an die Brust fallen und vor Verehrung der Liebe zu seiner und meiner Eoo ihn an mich drücken — da riß mich d’Issaly rücklings von ihm weg. Er selber half mich mit Baststricken binden und trug mich mit anderen Männern in seine Hütte. Er selber ging von mir weg und ließ sich nicht sehen.
Nach einer Stunde kam Ayana, setzte sich in scheuer Entfernung von mir und schien mich mit Antheil, ja mit Neigung zu bewachen.
So lag ich und starrte hinaus auf den offenen Platz in die Savanne und zum Himmel.