Der Oberwind war herunter gestiegen und brachte die Flamme. Vor ihr den heißen Athem, und vor ihm den weißen Rauch. Ich sahe, die Indianer rissen ihren Schmuck aus den Ohren, die Tai’s warfen ihre rothen und blauen Federhüte von sich und zogen die Ehrenschuhe aus. Bis auf den Gürtel unbekleidet erschienen sie nun bemalt mit Farben und Strichen, und selbst bei den Frauen wäre diese Bemalung ein wirkliches Kleid gewesen, das den Körper nicht sehen ließ. Sie stimmten Gesänge an, deren langsam steigende Töne das Herz zerrissen und, bebend in der Tiefe gehalten, das Innerste erschütterten. Das Feuer vertrieb sie aus dem Walde, wie die Otter die Vögel aus dem Neste. Ihr Geschlecht war ins Land der Geister gestiegen; nun war an ihnen die Reihe, ohne daß ihnen Jemand der Ihren mehr folgte. Sie waren die letzten rothen Häute in diesem Lande. „Die Bäume machte der große Geist — nun zerstört’ er sie wieder. Das blinde Weib hat den blinden Hirsch gefangen, die Hirsche und wir verschwinden aus den Wäldern mit den Wäldern, und Alles war ein Bild im See, ein Bild, bis die Nacht ihm erspart, zu sein!“
Das, wähnt’ ich, müßten sie jetzt da vor mir singen.
Aber der Trunk ging umher, und der Lärm schien Jubel in dieser höchsten Noth. Hier erschallten Hochzeitlieder, dort Grabgesänge, als Nachklänge der Stimmung des vorigen Tages und aller Tage! Das unendliche reiche, und bis in die innerste Tiefe aufgeregte Gemüth des Menschen schien noch für die Wiederholung jedes Gefühls, jeder Beschäftigung des früheren Lebens — wie ein Schlafender die Geschäfte des vorigen Tages gedrängt und schnell wiederholt — eine kurze Minute in Anspruch zu nehmen, ja alle seine Freuden und Leiden noch einmal ganz ausschütten zu wollen, zu müssen! Der Tabak, den sie in kleinen Kugeln verschluckten, mußte sie bis zum Wahnsinn berauschen. Dann hielten sie einen Rath. Das Calumet, die Riesentabakspfeife, ging umher, und jeder rauchte daraus so entsetzlich, so entsetzlich die Noth, so nöthig der Rath war! so räthlich ein großer Entschluß!
Und sie faßten ihn wirklich im Stillen.
So nahe, so nahend hatt’ ich das Feuer bisher nicht gesehen. Jetzt knisterte es nicht weit von uns am Boden dahin; es knackerte, prasselte tausendfach, und wo Flämmchen hinflackerten, stiebten nun erst müde Schnepfen und Kragenfasanen und anderes Geflügel auf, wie Phönixe neu aus den Flammen belebt. Hin und her ein wilder Ochse mit dumpfem Gebrüll, oder eine Gesellschaft wasserberaubter Kraniche. Dem Abbrennen des Grases und des Gebüsches folgten Funken und Qualm, dem Qualme Aschenwolken, die aufstiegen und niederfielen und wieder aufstiegen; glühende Kohlen flogen empor, die wuchtenden Flammen dobberten und sausten, nur mit sich selbst zu vergleichen. Ihre Richtung war von der Linken zur Rechten. Ich war fühllos. Hier konnte Niemand retten als Einer. Alles, was ich sah, war mir nur noch eine Erscheinung, ich selbst eine Erscheinung auf der Erde. Ich nahm eine Hand voll Sand auf, betrachtete ihn, und der Staub war mir unbegreiflich! woher ewig, ewig wozu? unnöthig, wenn nicht entsetzlich, daß er sei. Aber er war mir kaum, die Körner schimmerten nur; ich sahe meinen Leib vor mir liegen wie ganz etwas Fremdes, nicht mein, auch jetzt nicht, oder nicht mehr. Der Lebensglanz war selbst von den Gedankenbildern meiner Frau und meiner Kinder abgefallen, die Liebe gesunken wie eine Flamme, so schien auch der Tod nun nicht Tod mehr! Also auch Jene vor mir dort anzusehen, so aufgegeben in der leuchtenden Wüste der Welt — war nur ein reines Zuschauen, rein — wie Eis.
Drei alte ehrwürdige Männer, wahrscheinlich Zauberer oder Wahrsager, die gewiß vorher immer ihre Verbindung mit dem Himmel gepriesen, gelangten jetzt auch dafür zu der Ehre, „als Gesandte zu dem großen Geiste“ zu wandeln. Sie dankten feierlich für dieß Zutrauen! Stricke von Bast um den Hals tanzten sie unter zujauchzenden Liedern. Ein Häuptling nahte wieder und sprach während alle schwiegen: „Bittet nur, daß der Hase möge weiß sein, nicht braun wie im Sommer! Er wird das schon verstehen; und es ist ihm so leicht wie einen schwarzen Adler aus weißem Eie zu machen!“ —
„Gleich Schnee! überall gleich funkelnde Bäume mit Eiszapfen daran so lang, als Er will!“ rieth ihnen die Menge; „Er kann es auf einmal so gut, als nach und nach! Dieß Alles thun nur die Untergötter — vielleicht die Manitto’s — die bösen; doch Er ist der Herr des Lebens. Zeigt eure angesengten Haare! Laßt Ihn die Flasche heißes Trinkwasser kosten! Er wird euch glauben, wenn Er euch sieht, und uns helfen, wenn Er euch glaubt. Sagt Ihm: Wir würden Ihm helfen, wenn Wir Alle droben große Geister wären, und Er allein hier unten so elend wie wir, umringt von den Flammen! Das muß Ihn erbarmen, denn Er ist der große Geist!“
Die Himmelsboten versprachen das Alles; dann tanzten sie wieder; die Lieder erschollen, die Männer tanzten, die sie an den Stricken hielten und, auf den Wink eines Häuptlings, die Schlingen um die Hälse der Himmelsgesandten zuzuziehen, mit begierigen Augen harrten. —
Ich schlug die Augen nieder mit unaussprechlichem Gefühl — ich weiß nicht vor Was; ich drückte sie zu — ich weiß nicht vor Wem. Meine Seele hatte sich verloren in den Wüsten des Raumes, in den Abgründen der Zeiten. Es flammte in mir wie ein goldener feuriger Schein! und in dem inneren Meteor erblickte ich auch Deine Gestalt, mein Bruder, die Gestalt des Vaters, der Mutter und alle der Lieben! Ich fühlte mich in der Heimath. Wunderlich tauchten die früheren Erscheinungen vor mir auf und verschwanden verdrängend und wieder verdrängt. Mir fiel ein Mann ein, ein sehr hoher Mann — und ich mußte sarkastisch laut auflachen! Ein herzlicher Mensch frug ihn einst, um ihm durch eine auf die Spitze gestellte Alternative zwischen Selbstsucht und Mitleid eine erschütternde Einsicht in sein mitleidloses Herz zu geben, er frug ihn: „ob er lieber wolle alle Tage seines Lebens alle guten Braten essen, alle edlen Weine trinken, und so fort befehlen, wenn dafür ein ihm ganz unbekanntes Volk sammt seiner Insel im stillen Ocean versinken und umkommen solle?“ Da der sehr hohe Mann vorgab, das Volk nicht zu kennen, blieb er bei gutem Braten und edlem Wein — und ließ das Volk verderben.
Hier war nun zu sehen, was Mitleid sei, oder nur Wohlwollen, und was Selbstsucht! Hier stand ein Volk am Rande des Abgrunds — und wie der unbarmherzige Mann aus meinen Augen im Geiste jetzt hier das ansah, wie seine Stimme, gleich sonst, auch jetzt in mir sprach: „alle mein Lebtag Braten und Wein“ — da faßt’ ich mich selbst an der Gurgel. Doch ich besann mich! Warum haben die Wilden kein Mitleid? — Sie haben keine Phantasie, sie fühlen nur sich, nur den Schein der Natur wie die Kinder, sie können ihr Ich nicht in Andre versetzen — und Menschen ohne Mitleid sind eben — Wilde Ueberall!