Aber der große Geist empfindet jedes Herz, jede Freude und jedes Leid aller Menschen in seiner Brust wie wir, und mir schaudert zu sagen, als wir. —
Nämlich: die Himmelsgesandten schwankten schon — sie schienen nicht mehr auf der Erde. — Die Noth stieg am höchsten. Eben sollten sie erwürgt — gesandt werden. —
Da ward plötzliche Windstille!
Nichts in der Natur hat mich je mehr erschüttert. Der Herr war im Säuseln. Mir schauerte die Haut. Der Rauch stand, er zog empor. Das Feuer strich wahrscheinlich an dem graslosen Bett eines ausgetrockneten Baches dahin, es wehte nicht über; die Savanne blieb weiter unberührt — in mildem Glanze stand nur Eine Sonne am Himmel, die Freude war unaussprechlich. Die halbtodten alten Gesandten wurden mit goldgelben Einseng erquickt. Die verständliche Aufführung des Sprichwortes: „Dieses Glas dem großen Geist“ war jetzt zu sehen; ja das Calumet ward ihm zu Ehren geraucht, und der Dampf war das Opfer. Denn die armen Indianer, zum Erwerb des Lebens zu ewigen Zügen verurtheilt, fast nimmer ruhend, nirgend beständig, haben keinen andern Gottesdienst, zu dessen Ausbildung erst beharrende Völker gelangen.
Monsieur d’Issaly kam und umarmte mich voll Freuden. — „Das war eine große Lehre!“ sprach er; „Gott Lob! sie hat mich klug gemacht! Auch Sie sind zum Glücke hierher gekommen. Rings draußen war sonst ihr Grab, ihr Heidenbegräbniß in eigener Asche!“
Ich blieb düster sitzen, ja zornig.
„Aber auf wen sind Sie böse?“ fuhr er freundlich fort; „Sie zürnen? — Ueber die Rettung? vielleicht über mich? Es wäre wohl jetzt ein Augenblick, zu vergeben! Aber mischt’ ich mich nicht darein, so sah ich, spielten Andre voll Erbitterung Ihnen leicht übler mit als ich — zum Schein that. Sie haben sich noch nicht losgebunden? Doch Sie konnten mich noch nicht kennen!“
Er löste mir die Füße, schleuderte den Bast hinweg und sprach: „Nun ist es vergessen! Aber sie müssen dem Vater vergeben! Er erfuhr ja Alles! Er ist der Vater! und ist ein Algonkine! Bei den Söhnen der Natur gelten nur große Tugenden, nur wenige; aber sie und die oft so gefährlichen Lagen fordern sie dringend fast jeden Tag! und von Jedem werden sie leicht geleistet — wie man in Europa einem guten Freunde wohl einen Ducaten — auf dreifaches Pfand borgt. Wer hier ein musterhaftes Werk gethan, wird kaum erwähnt, aber wer es unterläßt, wird verachtet. Ich sage nur so. Hier darf ein Mann sein Weib nie verlassen; er muß die Gefahr für sie bestehen. Und wehe auch mir, daß ich nur solche Anhänglichkeit noch bewundere! Hier ist auch die leichtsinnigste Verbindung goldenfest; denn das ganze Herz, die volle Gewalt des Strebens schloß sie. Sie kennen dann in dieser Art nichts Anderes mehr, nichts Besseres mehr, und was sie besitzen, daran besitzen sie gleichsam ihre sichtbar gewordene Seele, sich selbst! ein zweites, liebreicheres Mal. Und darin nun leben sie. O, es ist kein Traum, daß die Unsern, „die Unsern“ sind, daß es außer ihnen keine mehr für uns giebt — wenn wir es verstehen. Sind die Unsern gekränkt, krank, elend, todt — dann sind wir dahin! Was ist dann das Leben noch? — Dem Wilden: Nichts! Er schlägt sich selbst nicht so hoch an, nicht höher als seine Neigung und Liebe, die er in seine Lieben versenkte. Kann man Welt und Leben göttlicher achten? Aber Ihr — ach — Wir halten nichts für einzig, nichts einzig werth für uns! so lieben wir nichts, so bleibt uns immer und immer wieder die immer wieder leere Welt noch übrig! O wir sind groß und erhaben über uns selbst! — Und so forderte jetzt der Vater den Sohn seiner Tochter dem Manne ab, der —“
Sie irren, d’Issaly! rief ich, ihn unterbrechend und erröthete über und über. Ich schwieg, schuldig — zwar aber anders. Ich war mir jetzt klar geworden: Weil ich unsere Tochter mit entfremdet, liebt’ ich meinen und meiner Eoo Sohn, Okki, nun doppelt, und doch einseitig. Eoo aber liebte die hingegebene Tochter nur mehr, ja mit voller heftig erregter Mutterliebe, seit sie sie wieder gesehen. Ihr Schmerz entflammte die Liebe nur mehr. So war sie bereit, das Leben für sie mit Freuden zu wagen. Und ich liebte Eoo gewiß, ja gewiß über Alles! — Leider! Aber verstand ich sie auch zu lieben, wie mir es Pflicht gegen sie war? Ach, ich mußte auch Das am höchsten halten, was sie liebte, mit heiligem Rechte so liebte — dann erst liebt’ ich sie wirklich: ihre Seele, und all’ ihre Neigung! Das sind keine Räthsel, keine Spitzfindigkeiten, es ist die Gewohnheit aller unverstimmten Menschen im Leben, und gerade der Aermsten, selber der Wilden, wie d’Issaly sagte. So ein göttliches Geschöpf ist der einfachste Mensch. Aber Vorliebe zu Okki — verschuldete Vorliebe hatte mich gebannt. Ihn opfern — die schöne, geliebte Eoo opfern, nur wagen — ich war es nicht fähig! und sollt’ es doch! Und wahrlich ich dachte an mich nicht. Das sahe Eoo so klar und fest durch die Worte meines Gesprächs auf dem Berge mit ihr, wie im nebligen Moosagat das fasrige Moos! Sie erröthete: Sie beschloß. Und doch drückte sie mir noch die Hände leise des Nachts — ich liebte ja sie und ihr anderes Kind, und sie liebte mich noch. —
Euer Okki ist in guten Händen, tröstete mich d’Issaly, auch wenn der Großvater beim Abzuge ihn mitnimmt. Und wollt Ihr ihn wieder — — es ist nur eine Tagereise zum Strom, der Weg ist rein, ihr wißt, wie die Indianer schlafen, ihr wißt die Hütte, morgen ist Fest, der blinde Hirsch wird geopfert, wir essen nicht ohne zu trinken, und was! und wie lange! — Nun wißt Ihr genug.