Ich faßte schweigend meinen Entschluß. Mein bedenkender Freund streckte sich hin, und halb mit mir, halb mit sich selbst, redet’ er fort. „Der Mensch sollte ein Bär sein!“ sprach er über sich selbst unwillig; „nicht der Bärenhetze wegen, sondern des Bärenpelzes! Nackt bin ich auf die Welt gekommen, nackt muß ich wieder dahinfahren — das Wort ist auch in Hinsicht des Vaterlandes — traurig. Wahrhaftig! Wer Federn wie der Kolibri hat, oder eine zarte Haut wie die Feuerschlange, der kann nicht auswandern zum Eismeer; sie müßte zum Prügel erstarren! und der Eisbär müßte sich auf St. Helena zu Tode schwitzen, und in Cayenne — Pfeffer! die glückseligen, von der Natur gekleideten Bewohner der Erde, sie müssen ihr Vaterland bewohnen, und nur ausgestopft kann man sie in einer andern Zone sehen, denn sie sehen uns nicht mit ihren Glasaugen. Aber Homo — der Mensch hat das verwünschte Vorrecht, wie seine eigene große Modenpuppe, sich anzuziehen in leichten Nanking, wenn er nach Sumatra ziehen will, in Zobelpelze, wenn ihm Kamtschatka gefällt. Als Herr des Eisens baut er Hütten, wie sie ihm überall recht sind, Sommer- und Winterpalais — oder näht Pelze! und das verruchte Thermometer in der Hand, stimmt er überall seine Stube auf — Stubenwärme! Und nun denkt der — Fahrenheit, wo er wohnen kann als Leib, sei sein Vaterland, und wird ein laufender Jude wie ich. O Homo! Mensch! O Feigenblatt, daß Du verloren gingst! O Vernunft, daß Du das nicht einsiehst wie — ich! O Verstand, du glaubst der Erfahrung wie ich! Nur kleine Geduld! Nur die Freunde nicht im Unglück verlassen, wenn wir auch nicht helfen können; wir haben die Genugthuung, es mit auszustehen und ausgestanden zu haben. Ins Vaterland wiederzukehren, ist Niemand zu alt. Das macht wieder jung! Und so lange nur noch das Licht der Augen, bis sie den Mont-Ventoux gesehen! dann zieht Monsieur d’Issaly die Decke sich lächelnd über den Kopf — und schläft wie ein todter Urson!“[*]

Und so that der Ausgewanderte, der reuige brave Mann wirklich und schnarchte wenige Augenblicke darauf.

Ich aber hatte keine Ruhe. Ich wartete die völlige Nacht und Stille in den Hütten erst ab. Dann empfahl ich mich erst dem großen Geist, dessen Sterne durch eine Lücke der Wolken mir wieder schienen, und schlich mich außerhalb des Kreises — nach meinem Okki. Die Hitze war mir günstig. Ayana schlief vor dem Wigwam mit ihm. Er war im Schlafe ihrem ausgestreckten Arm entglitten und ruhte nur mit dem Nacken darauf. Erst mußt’ ich weinen, eh’ ich ihn vermochte nur anzurühren; dann mußt’ ich ihm in das holde Gesicht sehen — das Herz pochte mir ungestüm — er redete leis und unverständlich im Schlafe. Ayana zog ihn an sich, aber sie ließ ihn, von Schlummer gelöst, bald wieder los. Ich wartete das ab; eine peinliche Weile. Ich wand meine Hand unter seine Schulter, die andere unter seine Kniekehlen — ich hob ihn sanft — ich fühlte die süße Last wieder — ich kniete schon nur auf einem Knie, ich wollte auch dieß erheben — da schlug Ayana die Augen auf; ich stand wie angewurzelt; sie setzte sich auf, sie sah mich an, oder schien mich anzusehen; ich hielt den Blick der Schlummerbefangenen aus; ich schloß die Augenlieder, als schlaf’ ich; sie sank wieder hin, sie wandte sich ab und bettete sich auf der eigenen Brust — nun holt’ ich erst Athem, nun schlich ich mit zitternden Füßen fort, nun war mein Kind wieder mein!

[* Eine Art Faulthier — Histrix dorsata. ]

Ich löste mein treues Thier, als ich erst die Schellen heimlich abgeschnitten; das Füllen folgte mir zottelnd hinaus in die Nacht, vom fernen rothen Feuerscheine erleuchtet; ich hatte nicht Steg noch Weg, nur die Richtung nach dem Flusse; und als der Morgen erschien, verbarg ich mich, weit von der leeren Savanne schon, wieder im Walde mit meinem geliebten Kinde. —

Sein Erwachen, seine erste Rede — o Gott, welch’ Entzücken! Ich kosete mit ihm, lange und süß, und unwiderstehlich sank ich ermüdet in stärkenden Schlaf, glücklich in dieser Wüste, so glücklich ein Vater sein kann im Umkreis der Erde. Mir war hier der Himmel — denn ich sahe im Traume mein Weib und mein anderes Kind. Sie lebten also — in mir, und ich lebte mit ihnen — in mir.

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Ich wußte selbst nicht, wie erschöpft ich war. D’Issaly’s Wort „das war eine große Lehre,“ trug ich beständig im Sinn. Ich war schon krank, und es machte mich kränker und spannte die Kräfte mir ab. Doch ich fühlt’ es nicht ungern, wie Jemand, der dem Erfrieren nahe ist, sich endlich behaglich fühlt. Je näher er dem Tode kommt, je wohler, je süßer wird ihm, und Jeder ist ihm unwillkommen, der ihn wieder in das vergessene Leben stört. Denn Angst empfand ich nicht mehr; wie ein Wanderer nur den ersten Tag ermüdet, den zweiten und dritten Schmerzen leidet und dann sich nach und nach erholt, bis er unermüdlich geht wie eine Uhr. So hatt’ ich mich an den neuen Zustand gewöhnt, als habe die ganze Welt von meiner Jugend an gebrannt und gedampft. Aber Reue und Ungewißheit drückten mich nieder. Denn hätt’ ich meine Tochter behalten, so war sie jetzt bei uns, dann war die Mutter auch bei uns — und wenn ich das dachte, erschien mir Eoo vor Augen und sah mir lächelnd und froh ins Gesicht, und ich stand, als halte mich ihr Gebild wirklich auf im Weitergehen! Darum eilt’ ich, nach Quebec zu kommen, denn dahin, wußte Eoo, hatten wir wo möglich suchen wollen zu gelangen. Ich hatte dort Freunde, Geld, und dort war alles Verlorene wieder zu ersetzen und anzuschaffen.

Am dritten Morgen nach meiner Flucht aus dem Sumpfe oder Swamp in der Savanne erschrack ich, mich von den Algonkinen wieder umlagert zu sehen! Ich fürchtete wirklich nicht ohne Grund, denn die Indianer vergeben nie. Mir fiel es aufs Herz: in welche Lage es meiner Eoo Schwester, Ayana, versetzt, daß ich ihr das Kind aus den Armen geraubt. Vielleicht hatte das d’Issaly bei dem Vater ausgeglichen. Vielleicht hatte Der sie zur bittersten Strafe mit Wasser bespritzt. Ich war gefaßt auf Gegenwehr, doch verhielt ich mich ruhig, sorglos wie ein Abwesender. —

Der gute d’Issaly kam und trat zu mir und lächelte. Aber er sahe, wie krank ich war, wie sehr ich an den Augen litt, und äußerte mir das. Ich wunderte mich.