Aber noch mehr, als er Ayana zu mir brachte, die ihre wenigen Sachen unter dem Arme hielt. „Sie wird nun bei Euch bleiben und Euch leiten!“ sprach d’Issaly, der mich eine kurze Zeit verlassen und mir an der Hand sie herführte. „Um des Kindes willen zuerst, und dann auch Eurer selbst wegen, denn dem Vater hat geträumt: Ihr wäret verlassen, Ihr rieft nach Ayana!“ „Er gehorcht dem Befehl; denn Träume sind hier Befehle des großen Geistes und werden heilig erfüllt; wie überall die Einfälle bei Tag und bei Nacht, auch wenn sie nicht so gut sind als dieser des väterlich sorgenden Sachem, oder Arm des Hauptes. So zieht denn in Frieden! — Und was mir gefiel: der Vater nahm nicht Abschied von ihr; als bleibe sie bei ihm, immer vor seinen Augen, da sie einen guten Weg geht, und also sein Herz mit jedem Pulsschlag in jeden ihrer Schritte aufs neue willigt. Sie kniete nur flüchtig noch ein Mal vor ihm nieder und berührte seine Hand mit ihrer Stirn. Sie hat Fleischpulver, Pemmican, auf lange. Ihr findet auch Kronsbeeren. Der Mond ist zwar todt — daß heißt bei Euch: alt, — die Sonne scheint zu sterben; aber selbst ohne Nordmoos an den Bäumen und Südwuchs der Aeste ist der Weg nicht zu fehlen. Die Bäche führen zum Flusse, der Fluß zum Strome; der Strom nach der Stadt. So geht Ihr aus Hand in Hand unter göttlichem Geleite. So zieht in Frieden! Vielleicht — —“
Er sprach nicht aus, sondern sah uns nur lange nach, als er uns erst mit Sagamite aus Mais erquickt. Auch ich sah mich um und erblickte noch lang die im Winde von seiner Schulter wehende blaue Decke, und die langen rothen Hosen.
Obwohl Ayana französisch verstand, schwieg sie doch. Ihr langes weißes, erst eben angelegtes Unterkleid, mit silbernen Knöpfen am Saume besetzt, hatte sie aufgeschlagen; ihre Schuhe von weichem Büffelleder (Mocossins) beschützten ihren Fuß, und ihr um die Hüften geschlagenes Tuch hinderte sie nicht. So schritt sie voran, ihr schwarzes, bis in die Kniekehlen reichendes Haar flatterte, mit Geschmeide geziert, im Winde ihr nach. Ihr Wuchs, der einer indianischen Schönheit — einer Sqaw — ließ mich an Eoo denken, wie sie war, als sie mein Weib ward. Ich folgte in Träumen und voll der holden Erinnerung, wie ich zum Scherz mit dem glimmenden Hölzchen im Munde mich Abends Eoo heimlich genaht, und wie sie es ausgeblasen, zum Zeichen meiner Erhörung.
Zur Nacht erreichten wir den Utawas. Ein Kanot, mit Kork überzogen, fanden wir noch an einer jetzt von Menschen verlassenen Cabanne, auf dem Flusse sich wiegend. Es war so klein, daß der kleine Esel zurück bleiben mußte; und ich vergesse die großen Augen des armen Füllens nicht, mit welchen es seine Mutter stumm dahin fahren sah! Die Mutter schrie und sang, der Sohn sang und schrie — und wir Menschen fuhren dahin.
Wir lagerten uns drüben in einer andern verlassenen Cabanne, mit Allem versehen, selbst mit den schwarz gefärbten Pflaumenkörnern zum Würfeln für Kinder. Ich gedachte der Heimath! — Aber am Morgen war das verlassene Esels-Muttersöhnchen da; Ayana hatte es beim ersten Morgengrauen herübergeholt. Die Freude war groß!
Aber was sollt’ ich denken, als ich auch die rothen Hosen erblickte — die d’Issaly trug! Er trat ein und stellte sein Tomahawk an die Wand.
„Ich kehre aus dem Hause des Todes neu in das Haus des Lebens,“ sprach er, mich weich begrüßend. „Die Wälder sind hin, und man kann kein Wilder mehr sein! Gewiß sind die Hundsribben-, Hasen- und Zänker-Indier nun alle auch Weiber geworden. Mit dem Wilde muß nun die Kriegesaxt auf Dauer der Sonne begraben werden. Denn nur um Lebensunterhalt ward hier Krieg geführt. Aus der Asche der Bäume wächst nun das Friedensbäumchen auf. Aus Jägern werden — Nomaden. Die Kuh und das Schaf wird nun hier herrschen, bis der gepflügte Acker und das gemauerte Haus die Freien zu Sclaven macht wie in den Freistaaten, zu Sclaven ihrer Bedürfnisse, der Sicherheit und des Besitzes. Der Tausch ist schwer, und soll ich ihn machen, so tausch’ ich für dieses sehr sonderbar mit Asche gedüngte Jungferland mir wieder mein Vaterland ein, das ich floh, um Niemandem zu gehorchen, 1790. Jetzt will ich daran arbeiten, nur mich zu beherrschen und mir als wahrer Monarch zu befehlen. Alles, was die Indianer haben und thun, geht den ganzen Stamm an; nur ihm gehört Alles, selbst das Lachswehr im Flusse; ihm ist Mann, Weib und Kind lebendig, und ihm nur stirbt es. Diese Gesinnung hab’ ich hier erworben — sie will ich als meinen Reichthum hinübernehmen und ausstreuen — mit milden Händen! Und könnt’ ich, ach könnten wir alle da drüben, bei Geschicklichkeiten und Wissen, diesen Charakter behaupten, was fehlte uns dann — verklärte Wilde zu sein? nicht allein durch die Stärke des Leibes zu leben, nicht allein durch die Kräfte des Geistes, sondern durch beide vereint! — Das war mein Lehrbrief! schloß er, den die Natur mir hier geschrieben, welche die Menschen hier etwas sonderbar zu erziehen beliebt; und einen kleinen verbrannten Baum will ich als Denkzeichen an die Schnüren — mein Fathom of Wampum reihen! —“
Er besah sich jetzt in einem kleinen Spiegel an der Wand und ging dann mit großen Schritten sinnend auf und ab und glühte dabei. „Ich bin ohne ein wahrer Mensch zu sein, so ziemlich, was man sagt, alt geworden. Doch Ich habe mich hier um das innere Leben gebracht, Ich will Mir vergeben!“
Er that, als umarme er sich und drücke sich selbst an die Brust, und ich hörte den Laut zweier Küsse. Dann setzte er sich und rauchte wunderlich eine Friedenspfeife mit sich selbst. Dabei sah er mich öfter an, und als sie ausgegangen, und er den letzten Zug des Rauches dem Himmel zugeblasen, schien er mir zur Lehre zu sagen, was er indeß gedacht.
„Nur auf derselben Stelle, sprach er, können wir leben, wenn leben heißt: Einsicht in die Welt, ihren Lauf erlangen, antheilvoll wirken und Wirkungen empfangen. Nicht die Stadt, nicht das Dorf sollten wir verlassen, worin wir geboren und aufgewachsen sind. Nur darin wird uns die Landschaft, die Natur zur Gewohnheit: die äußeren Erscheinungen stören uns nicht, unser inneres Leben fortzusetzen. Denn Nichts soll uns hinderlich aufregen, oder gar aufschrecken — wir sollen uns im Menschlichen, ganz dahingegeben, vergessen. Ueber ein Menschenleben recht klar werden, das stellt uns höher, als an Millionen vorüberziehen, deren Herz und Schicksal uns verschlossen ist! Und unser eigener Sinn wird nicht klar und voll, wo wir nicht fußen und urtheilen können. In unserer Heimath allein kennen wir das Herkommen, die Mitbewohner und ihren Sinn, ihre Werke von Jugend auf und lernen an ihnen die Führung des großen Geistes, seine göttlichen Gerichte in dieser Welt — den Segen des Stillbescheidenen und Guten, den geheimen Lohn des Ungerechten, Wollüstigen und Bösen. Wir sahen es! Wir sehen, wie Anfänge ihren Fortgang und ihr Ende erreichen; wir sehen die Kinder um die Gräber der Eltern spielen; Fremde in Häusern wohnen, darin wir liebe Freunde gewesen! Dieser heilige Wandel der Welt, diese Ewigkeit im Vergänglichen, dieses Göttliche im Menschlichen, mit dem Geiste sehen und bewundern lernen, ist mehr werth als — Auswandern! als fremde Meere und Länder, fremde Berge und Bäume, fremde Gebäude und Menschen sehen; mehr werth — als ein Leben, das uns ein nie so verstandenes, verworrenes Gewebe ist. Darum, wer auswandert aus seiner Heimath, der bringt sich schlimmer als um das Leben! Und geschieht ihm das Aeußerste daheim, es ist noch besser, als in der Fremde mit Rosenöl gesalbt zu werden! Und wer, gleichsam nach seinem Tode, einen Goldklumpen nach Hause bringt, der hat seine Zeit dort gelassen, nicht sein Herz, denn er hatte keines. Ein Sechsziger will nun erst zwanzig Jahre alt sein; und wer Geizen oder Wohlleben nur Leben nennt, der hat nicht wohl gelebt. Darum darf man nicht als Strafe den Tod auf das Auswandern setzen — die Natur hat ihn selbst darauf gesetzt!“