— Ich schwieg befremdet, als selbst hier auch in der Fremde.

— „Euch wundert meine Weisheit?“ sprach er und sah mich selbst Gerührten und schwer Betroffenen an. „Wundert Euch nicht — das war der Extract aus 35jähriger Thorheit! die Blüthe einer baumhohen großen Fackeldistel; des meergrünen Armleuchters der Natur, mit stachligen Blättern wie Balken, welche die Kinder ersteigen und das süße reife Mark aus dem Kelche droben, wie aus einer goldenen Schüssel auslöffeln. Das Herunterklettern geschieht dann umsonst; aber man hat den Geschmack noch tagelang auf der Zunge!“ —

Wir brachen nun zusammen auf und gelangten ohne Gefährde in die langen an einander hängenden Dörfer am Cataragui. Hier wohnen noch Irokesen, die Letzten, die Christen geworden. Franzosen haben sich hier mit den Töchtern derselben vermählt, die in ihrem blauen Leibchen, in ihrem Strohhut uns freundlich begrüßten.

So voll die Häuser von Flüchtlingen waren, fanden wir doch ein Plätzchen bei alten Leuten. Ayana hatte sich an den Fuß gestoßen, sie konnte nicht weiter; Okki war unwohl; d’Issaly hatte einen alten Freund gefunden; mich hielt nur die Hoffnung noch aufrecht, die Hoffnung, Eoo zu finden! Ihrem Muthe war Alles zu trauen, wenn ihre Verständigkeit nur durch das Schicksal nicht vergeblich geworden.

Mir glühte es in allen Adern! Nichts konnte mich halten! Ich beschloß den Weg zu vollenden, wenn auch allein und krank. Die Freunde und Okki kamen ja nach! Sie waren bei Menschen, nicht bloß mehr bei der Natur, die in diesem Lande verwandelt — die also geschaffen hatte, denn auch ihr Schaffen ist nur Verwandlung. Ich küßte den Kleinen und zog nach Quebec.

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Von Glangory in Obercanada, so wußt’ ich aus der Sage, hatte der Wald bis an die Wasserfälle in Untercanada gebrannt; das sah ich. Hier aber standen die köstlichen Rhododendrons, die Cedern, die Kalmien — ach, und die Cypressen! Mit Herzklopfen erblickte ich die Stadt! Ich mochte kaum hinsehen, und mein Aug’ schweifte verlegen und irr’ in ihrer Umgebung, feucht auf den Felsen und Bergen, den Seen und Städten, den Inseln im Strome umher — bis sie wieder auf dem prächtigen Hause des Freundes ruhten und fragten, sehnsüchtig und bang, ob meine Eoo darin sei? Ich stand mit gefalteten Händen, und während ich erst meinen Weg wiederholte im Fluge der Gedanken, sah ich auch drüben über dem Strome die blauen Berge brennen, Neu-Braunschweig! Ich senkte die Augen, die Alles nur dunkel sahen wie in einem Flor. Meine Stiefeln waren abgerissen, ich war schwarz bis an den Gürtel, ich hatte das Ansehen eines Köhlers. So ruht’ ich am Wasserfall bis zu Sonnenuntergang. Mich labte die Frische seines Hauches. Die Gewalt seines Sturzes und die erschütterte Luft über ihm hatte in dem schweren Walddampf wie aus dämmerndem Rauchtopas einen ungeheuern Brunnen ausgehöhlt, weit wie der Lilienstein, und drei Mal so hoch; und darüber sah ich die Hellung des blauen Himmels, seit lange zum ersten Male, wieder. Ein Adler, der von seinem Nachttrunk darin aufstieg, und welchen mein Auge hinauf bis hinaus in die Bläue verfolgte, stieg so lange, bis das Gesicht mir vom Wasserstaube ganz feucht war! Die Dampfwände des unermeßlichen Brunnens schimmerten golden vom Glanze der unsichtbar auswärts sinkenden Sonne — dann rosig — dann purpurn — dann violet; und als sie sich bräunten, schlich ich in die im Dämmer ruhende Stadt.

Ich war durchnäßt, ohn’ es zu wissen, bis ich an der Pforte des Hauses stand, die sich sogleich nicht öffnete. Mit Zähnklappern trat ich ein. Mein Freund und sein Weib erkannten mich nicht. Ich setzte mich auf den nächsten Stuhl. Sie beleuchteten die fremde Erscheinung — sie hatten mich auch für umgekommen betrachtet wie unzählige Andere, oder geglaubt, ich irre mit den Abgebrannten umher auf der unermeßlichen Brandstätte, ohne Nahrung und Obdach. Aber ich saß hier. Jetzt freuten sie sich mit Thränen.

Ich sahe mich schweigend im Zimmer um. Ich glaubte, sie sollte zu Tische erscheinen — sie! — Und meine Tochter Alaska sollte mir, im Rücken genaht, die Augen zuhalten und mich rathen lassen, wer es sei, bis sie in Thränen ausbrach und an meinem Halse hing! —

Nichts von alle dem! Ich getraute mich nicht zu fragen. Sie schwiegen, um mir nicht unendlichen Schmerz zu erregen. Erst als ich zu Bette ging, hielt mich der Freund an der Hand fest und fragte, die Augen niederschlagend: „Dein Weib kommt doch nach?“ —