Ich suchte sie hier! war Alles, was ich sagen konnte. Ich hatte große Umwege, lange Aufenthalte gemacht — und sie war nicht hier.

Die Thränen in dieser Nacht gaben meinen vom Rauch entzündeten Augen den Rest. Ich wußte am Morgen nicht, daß lange schon Tag geworden war. Fieberphantasieen hatten mich eingenommen, und wer nun aus mir sprach, wer in mir litt — lange Tage und Nächte — das war ich nicht mehr. Und doch! denn — —

„Wie durch einen Zauber ward ich wieder gesund! Ich machte eine höchst beschwerliche Reise nach Saint-Réal’s Wohnung. Sie war nicht mehr. Die Schafe irrten hirtenlos umher, die größeren Hausthiere alle waren umgekommen. Ich zog nach unserem verlorenen Dorfe. Ich fand noch Inseln von Wald. An andern Orten lagen vom Feuer umschlossene wilde Thiere mit versengten Pelzen. — Mein Haus — es stand! Die Papageien flogen umher. Ich sah wieder durch die grünen Jalousieen zum Fenster hinein. — Da sah mich der Geist wieder aus dem Spiegel an! Da stand das Wiegenpferd mit finsterem Gesichte! Da lag der angefangene kleine Strumpf — ich seufzte, ich sahe zu Boden, da lag der Teppich gebreitet, den Eoo gewirkt. — Ich ging weinend hinein; ich berührte mit der Hand ihren Webstuhl, den langen ahornen Stiel ihrer Apfelpresse; ja ich trat mechanisch ihr schnurrendes Spinnrad, bis mir vor Wehmuth der Fuß versagte. Ich stieg in den Keller — da saß Eoo! und ob es gleich sonst finster darin war, umfloß sie ein Licht, dessen Quell ich nicht wahrnahm. Sie stand nicht auf, sie schwieg — ich ergriff ihre Hand — sie war kalt. Eoo war todt! — und doch schlug sie — wie mir zu Liebe, die Augen noch ein Mal auf! sie lächelte wieder, sie drückte mir lange die Hand — dann senkte sie sanft den Kopf auf die Brust und war todt.“ —

Und ich erwachte! Denn Alles war nur ein Traum. Meine linke Hand, mit der ich die ihre gefaßt, hing noch zum Bette hinaus, und ich war erwacht durch ein sanftes Anfassen derselben, ein Weinen darauf, und durch ein fröhliches, aber gedämpftes Rufen: „Der Vater erwacht! er schlägt die Augen auf!“ —

Ich that das wirklich; aber ich sahe Niemand. Aber in mein Bewußtsein dämmerte das Wissen: Alaska, meine Tochter sei hier! Sie sei gerettet. So lag ich wieder still.

Am Abend las man die Zeitung, die hier überall einer öffentlichen Schule gleicht, die wie durch Zauber im ganzen Lande gehalten wird für die Schüler der neuen Welt, das heißt für alle ihre Bewohner. Denn hier bei uns ist dem Volke nichts vorzuenthalten. Es war ein Blatt „Freeman’s Journal“ aus Philadelphia. Die Furcht vor einem durchgängigen Brande des Waldes, der von der Hudsonsbai bis hinab an die Spitze von Florida fast ununterbrochen die Staaten bedeckte, hatte sich so sehr der Gemüther bemächtigt, daß man in Neu-York die Erscheinung zweier Engel glaubte, welche den Untergang der Stadt auf den 19. Januar 1826 ihren Bewohnern verkündigt. Denn jetzt schien Alles möglich. Unter den Geschichten, welche das Blatt alle Wochen aus der alten Welt „mittheilt,“ war eine aus Rußland. Ein Weib war im Schlitten mit ihren 5 Kindern nach der entlegenen Kirche gefahren, und auf der Nachhausefahrt hatten sie 5 Wölfe verfolgt. Sie war gejagt, bis Schweiß sie und das kräftige Roß bedeckte. Endlich hatte ein Wolf sie erreicht, und um sich zu retten, hatte sie ihm das älteste Kind hinaus geworfen — worüber er hergefallen. Und in der Mordlust und Stillung des Hungers war dieser verstummt. Aber bald hatte der Zweite die Pfote hinten auf ihren Schlitten gelegt, und um sich zu retten, hatte sie jetzt das älteste Kind ihm zur Beute gegeben. Und so endlich dem fünften Wolfe das fünfte Kind — von der Brust. Und wohlbehalten war sie in einem Bauerhofe angelangt, wo die Bewohner so eben in ihrer Scheune gedroschen. Sie hatte ihre Rettung erzählt, und die Weise: wie? Da hatte der Sohn des Hauses gefragt: ob sie das wirklich gethan? und auf ihre Bejahung hatte er ihr den Kopf mit dem Flegel zerschmettert; und der Menschenkenner und Menschenfreund Alexander hatte den Rächer der Menschheit liebreich begnadigt. — —

Tiefes Schweigen herrschte im Zimmer. Alle erschöpften sich in Muthmaßungen: das Weib, ja die Mutter auf irgend eine Art zu entschuldigen — denn das Blatt einer Lüge zu zeihen, kam Niemand an. Und sie beruhigten sich erst, als ein fremder, neueingewanderter katholischer Priester ihnen erklärte: die fünf Kinder seien nicht Kinder des Mannes jenes Weibes gewesen; der Pope habe ihr deswegen diese fünf Kinder in der Beichte — ihre fünf Sünden genannt — und diese fünf Sünden habe das Weib den fünf Wölfen geopfert, nicht die Mutter ihre fünf Kinder.

Ich fühlte — ein Hund hatte sich zu meinen Füßen auf’s Bett gelegt, und manchmal leckte er mir die Hand. — Unsere Ariadne war da! Gott, und mein Weib! Denn Alaska sagte jetzt zu Eoo: Nicht wahr, Mutter, ich bin dein Kind!

Ich vernahm nichts weiter, die Sinne vergingen mir wieder.

Und so verflossen lange Tage, lange Nächte. Ich fühlte nur einst Kühlung auf den Augen, Thränen auf mein Gesicht geweint, und eine heiße Wange an meine geschmiegt. Dann war das lange nicht mehr. Aber eines Morgens sah ich meinen Okki vor mir stehen, der schwer seufzte; Ayana hielt ihn an der Hand — und d’Issaly saß in der Ecke des Zimmers, die Arme in einander geschlungen, mit gesenktem Kopfe.