Sanfte Gesänge hatten mich aufgeweckt. Der Hund wartete vor mir auf. Nun wußt’ ich erst deutlich: meine Tochter, mein Weib waren da! Ich bat, sie zu mir zu rufen, aber Ayana verneinte das, sanft weinend, mit leise bewegtem Haupt. Dann trat sie ans Fenster. Ich wollte zu ihr geführt sein — und Okki sprach: „Komm’ in den Garten!“ Aber d’Issaly sprang auf und wehrte dem Kinde. Nur so viel erfuhr ich jetzt: der gute alte Saint-Réal hatte nicht Kraft zur Flucht gehabt. In einer Berghöhle war er sitzen geblieben; die beiden Frauen hatten ihn nicht zu tragen vermocht; bis sie der Dampf der entzündeten Steinkohlen daraus vertrieben, hatten sie treulich bei ihm ausgehalten. Dort saß er nun, gestorben noch eh’ er erstickt. Eoo war zur rechten Zeit gekommen! Sie hatte die besten Wege gefunden. Und so erklärte ich mir Alaska’s Thränen als das Opfer für ihren Pflegevater, dessen — Fürstenthum sie nun geerbt, aber daran nicht dachte. D’Issaly hörte von dem Vermächtniß, es sei hier niedergelegt; und er wollte später einmal in den Wald, in die Höhle mit Männern kehren, die des armen Alten Tod bezeugten, die den Gestorbenen begrüben, in seinen Kleidern, selbst mit seinem kostbaren Ringe am Finger, wie Alaska verlangte, und daß sie zugleich ihm darin ein Denkmal, doch eine Inschrift von Erz oder Marmor setzten.
Endlich nach Tagen stand ich auf. Ich trat an das Fenster, das den tiefen Garten übersehen ließ — man wollte mich hinwegziehen, ich konnte nicht widerstehen, trat mitten ins Zimmer und sahe nun wie es Asche regnete über das Land. Stürme hatten sie in die Wolken gekräuselt, weit umher geführt, und in dem schweren Herbstgewitter, das göttlich am alten heiligen Himmel rollte, fiel sie als schwarzer Schnee hernieder, oder, mit den großen Tropfen gemischt, als schwarzer Regen und deckte das Land und das herbstliche Grün und die rauschenden Bäume.
Eoo war nicht zu sehen. Niemand sprach, mir graute zu fragen, denn ich errieth. Der Freund erzählte mir nur, sie sei gekommen, sie habe mit Freuden gehört: ich sei da! Aber Okki? — hatte sie erblassend gefragt. Ach, der war ja noch in dem letzten Dorfe gewesen — und eh’ sie gehört, war sie tödtlich erschrocken, und meine Krankheit hatte ihr den vermeinten Verlust bestätigt. Sie hatte tausend Angst um uns ausgestanden, seit sie ihre Alaska bei sich gewußt — und jetzt war ihre Natur erlegen. Mein Anblick hatte sie tief erschüttert, sie hätte mich gern, schnell, noch schnell genesen gesehen! bald, nur bald mir wieder das Licht der Augen gegönnt, damit ich den Trost genösse, sie — ach, sie noch einmal zu sehen in dieser Welt. Nichts hatte sie gehalten; und obschon selber schwer erkrankt, war sie hinaus auf die Hügel geschlichen und hatte mir Kräuter gesucht, sie gepreßt und den Saft mir auf die Augen gelegt. Das war also die Kühlung, das waren die Thränen gewesen, das die heiße Wange!
Der Freund schwieg. Ich frug nichts weiter. — — Sie hat den heiligen Trost gehabt, ihren Okki wiederzusehen, setzte die Frau des Hauses nach einiger Zeit hinzu. Auch ihre Schwester hatte sie wiedergefunden, und die Lieben waren Alle bei ihr! Der Arzt versicherte ihr: der Vater der Kinder werde genesen. —
— — „Die Gesänge“ habt Ihr selber gehört, setzte d’Issaly hinzu, und wißt sie zu deuten!
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— Es war ein prachtvoller Abend, als ich, meinen Okki an der Hand, zum ersten Male in den Garten hinunter stieg und bis in das Rhododendrongebüsch zu den Kalmien ging.
Hier liegt die Mutter! sprach Okki. Ich stand mit Herzklopfen, ich sah ihn an. Und jetzt bemerkt’ ich erst — sein schönes Haar war abgeschnitten! Ich wußte warum. Ich sah einen grünen Hügel — ich kniete hin, ich umfaßte die kühle Erde statt des schönen lebens- und liebewarmen Gebildes, das sie bedeckte! ich weinte in die gebeugten Augen der Blumen statt auf die Augen und die Stirn, die darunter nun ruhig schliefen. Die Abendsonne vergoldete die Welt — Wolken, Felsen, Strom und Cypressen, und in ihrem Glanze stand auch Alaska zu Füßen des Muttergrabes und streute ihre Locken darauf als Opfer, nach dem frommen Gebrauch ihres Volkes. Und wie ich sie stehen sah, mußt’ ich bei mir sprechen: Da steht dein Weib, deine Eoo, die Mutter! nicht allein an Gestalt und Bildung jugendlich verklärt — sondern wirklich: — ihre fromme Seele, ihre Liebe steht schauernd da und schaut und liebt mich mit weinenden Augen lächelnd an, und blaß und zagend wie ein Engel. Die Liebe lebt! Sie ist nicht allein ein Geist! sondern sie schafft auch und wirkt, und ihre schönen Wirkungen leben und wirken und lieben uns wieder! Eoo rettete ihre Tochter. Und das Gebild, das seine Locken ihr streut, ist nicht die Tochter — nicht sie allein — sondern heilig verschmolzen: auch die Mutter! ein goldenes Werk mit Asbest geschmolzen, mit Silber versetzt — aber das Silber ist Alaska — das Gold ist Eoo — das Feuer aus Asbest aber ist die Liebe! —
Und nun zog ich die Tochter an meine Brust, und wie sie vor Wehmuth glühte und doch blaß war, küßte sie mich mit Eoo’s Lippen, mit ihrem Kusse! Ihre Arme wanden sich um meinen Hals, und ihr Herz schlug an meinem Herzen! Und das schöne Gebild war mein durch sie — mir war es die Mutter — ach, und zugleich ihr Kind, mein Kind! O Wehmuth und Seligkeit! — Die Abendröthe nahm ich zum Angedenken an den Brand! Jede Morgenröthe wollt’ ich an Eoo gedenken! Und so wie, nach jener Sündflut durch die Wasser, der Regenbogen ein Zeichen der Huld des Himmels geworden, so sollten die ewigen hellen Gestirne, die über uns Weinenden jetzt heraufgestiegen, mir Funken des Brandes bedeuten, so oft ich des Nachts zum Himmel nach meiner Eoo aufsah — als Zeichen des Friedens und ihrer Liebe!