„Euer Breitenthal brennt auch!“ sagte ihm der Schwarze. „Auf dem Striche, der droben auf der Dorf-Rose gerade nach dem Feuer weiset, steht richtig Breitenthal; es kann auch ein Dorf dahinter sein. Bei Tag scheint das Feuer zu weit, bei Nacht zu nah. Aber ehrlicher Freund, stürmt nicht erst mit der Glocke! Welch Dorf soll jetzt dem andern helfen? Jedes braucht seine Beine, Arme, Augen und Ohren zu Hause; und obendrein alles voll Soldaten!“

Wecker aber sah droben von der Zinne des Thurmes den Erdspectakel, den Krieg, wie er laut sagte, wodurch die Menschen zu Vieh ohne Mitleid zu werden — gezwungen waren — so offenbar und hell, wie der Himmel feuerroth zu werden gezwungen war. Und als er einige Zeit hinüber gestarrt und ganz geblendet und wüthend war — stand plötzlich der Teufel neben ihm. Wecker starrte ihn an, indem er die Hände mit ausgespreiteten Fingern gegen das Ungethüm, wie zur Abwehr, hielt; und er hörte es sprechen: „Denkst du, ich bin gestorben? Närrisches Haus! der Teufel — et le Roi — stirbt nicht, als aufgehoben zum letzten Gericht. Und wenn ich mit allen Gestirnen im Abgrund der Welt verschüttet läge, also nicht mit Pfeffernüssen — die kleinste Sünde der letzten Zeit erweckt den Teufel in seiner ersten Kraft wieder auf — und jetzt geschehen tausend Große, nun geht mein Reich wieder an, diesmal nur ein kurzes, aber Höllefüllendes: das Reich der Unterlassungssünden! Wie lange habe ich mit meinen vorzüglichsten Geistern gearbeitet: die Welt klug zu machen, und das wahre, ächte, erste Christenthum auszubreiten! Erschrick nicht ungläubig, Schulmeisterlein, sondern höre mich aus. Erfahren und weise muß die große Welt, oder auf französisch (denn das ist meine Sprache): le grand monde werden, damit sie doppelt strafbar werde, damit doppelt so viel Große und Kleine zur Höllen fahren — und nicht wieder auferstehen. Wenn ein verlorenes Lämmchen zurückekehrt, wird ein Kalb geschlachtet, wenn sich ein Hoher verkehrt, dann brate ich einen Leviathan ganz, als Rost-beef. Wie jener fromme — Kreuzzug mit leckern Ziegen und Gänsen und glattzöpfigen Kuttenträgern an der Spitze nach einem heiligen Grabe, das, wie sie wußten, doch nirgends vorhanden war und keinen Leichnam enthält, — so beginnt nun ein neuer Kreuzzug blutdürstend nach einem lebendigen Leichnam. Und nun sie so erfahren und so weise sind, nun erst will ich alles alte Unrecht, allen alten Unsinn, ich will den Papst und seine — oder meine Schaaren — wieder auf die Beine bringen und sein Regiment durch ein Regiment zu meinem Regiment wieder einsetzen lassen. — Kann ich frömmer und christlicher handeln? Mir ist Niemand auf Erden schätzbarer als Christus. Denn seit das Licht in die Welt gekommen, und die sogenannten Menschen dennoch in Finsterniß wandeln, Werke der Finsterniß fördern und thun, sich im Namen des Lichtes dazu vereinigen, die Finsterniß auszusäen wie Ruß und Mohn; seitdem ist Gedräng in den Pforten der Hölle, und ich habe neue erbliche Pairs müssen creiren, um neue unsterbliche Strafen zu stiften! Es lebe Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Aber Wecker, mein närrisches Haus — denn alle Narren sind mein — beruhige Du Dich! Für jeden Einen, der in den Kreuzzügen hochlöblicher Maaßen umgekommen, sind schon Millionen — Aepfel und Birnen gewachsen; Pflaumen und Kirschen (aus Kerasus mitgebracht) gar nicht gerechnet! Und wie viele St. Lampertsnüsse werden noch wachsen! O schmackhafter Profit der Kreuzzüge, großer, kindlicher Gewinn! Hat Clementinchen Dir nicht nach dem — Kreuzzuge die Taschen oft ausgesucht: Und was hätte sie sonst gefunden, als ächtdeutsche Plunschken und schöne, blaue, abscheuliche Schlehen? So werden auch künftige Kinder die Früchte dieses Kreuzzuges aus den Taschen der Verrückten suchen. Ist das kein Gewinn für die schöne, die große Welt, wenn Weiber, Kinder und Sperlinge etwas zu naschen haben in Ewigkeit! Sage: „Ich bin Wecker, bin verrückt, und ich sage Ja!“ Und nun sei ruhig über das Surren und Stechen des Schwarmes, der nur einen Leichnam — meinen großen Sohn in das Grab schaffen wird, und Kindern — wenn nicht Enkeln — und Sperlingen — wenn nicht Adlern nutzen wird, und gewißlich doch mir; durch Weisheit, die Dummheit wird; durch Wahrheit, die Lüge wird; durch Versprechungen, die Wortbrüchigkeit wird. O, meine Sperber freuen sich auch, und ich lasse die Hölle neu dielen, und die Dielen um des Pilzes Stamm in der Mitte voll von den Herren Musicis — mit Blumengewinden malen zum Festball. — Mit der Bande bin ich nun fertig; nun noch ein Wort an Dich, Schulhauptmann! Höre einen großen Vorschlag: Ich gebe Dir alle Reiche der Herrlichkeit, nicht etwa, wenn Du niederkniest und mich anbetest — das ist abgedroschen; nein, wenn Du nur heute das kleine Mädchen willst mit dem Speere durchstoßen haben; — eine pure Kriegslappalie, eine Kinderei gegen die hunderttausend Todten, die Millionen Wunden und Billionen Thränen, die daheim Wittwen und Waisen, Väter und Mütter und Brüder und Schwestern um sie weinen werden. Was ist also ein solches albernes Kind, und was sind alle Reiche der Herrlichkeit, Wecker? Wach’ auf! Schlag ein! Und Du sollst sie ganz monarchisch, ja türkisch oder autokratorisch besitzen, ohne Constitution, ohne gebundene Hände, ohne gebundenes Maul, oder irgend eine gebundene Gliedmaaße; ja ich gestehe Dir viel zu — ohne Papst und Jesuiten! Schlag’ ein, nimm das Kind auf Deine Seele, und sei legitimer Herr Aller.“

„Hebe Dich von mir, Satan!“ rief Wecker in äußerster Empörung. „Was hülfe es mir, wenn ich die ganze Welt gewönne, und nähme doch Schaden an meiner Seele.“

„Das wollt’ ich nur wissen!“ rief sein Satan lachend. „Sie — sie werden Schaden an ihrer Seele nehmen durch Selbstsucht, Habsucht und elende Seelenkratzerei — und doch nicht die Welt gewinnen, noch sich arrondiren; denn wie können alle Bienenzellen rund werden, Du Esel! Oder wie sollen alle Menschen Hörner bekommen, Du Schaaf!“

Wecker führte einen gewaltigen Streich mit der Faust nach dem Lügengeist. Aber der stürzte sich jäh vom Geländer hinab, und zerfloß drunten wie Wasser in eines alten katholischen Bischofs Grabe, und Leichenduft kam herauf. Aber wie eine wispernde Eidechse, kroch auch noch am Thurme die vergessene Einladung herauf: . . . „Wecker, komm’ wieder! Ich komme auch wieder. Verstanden?“

— Fahre zum Teufel, also zu Dir selber! Lügengeist! sprach Wecker, von wirbelnder Angst erlöst. Was will der Mensch — oder verzeihe mir Gott, der Extract des Bösen der Menschen, bei Dir? Sollst Du seine Meinung ausposaunen? Bist Du eine Posaune, Wecker! — dann müßte Dich Jemand blasen! und das wollte er! Aber das wären abscheuliche deutsche Herzen, die nicht zufrieden wären mit der Arbeit und Frucht von 30 Jahren der Erde, wenn Diese auch nichts gethan hätten, als den Veruneiner, Hetzer und Schandesäer von Deutschland zu Grabe zu tragen! Und wenn sie auch 15, ja 30 Jahre auf solch eine Höllenarbeit ruhten — und ein langes Leichenessen feierten — ich gönnte ihnen den Sabbath! Wer das gethan, hat auf Jahrtausende gethan, o Du Schänder, Spötter, Lügengeist — Teufel! — Eine neue Volksbewegung mag Neues erstreiten! Und Deine — des Teufels Lobrede auf Christum — und Dein Vivat! — mir stehen noch die Haare zu Berge! —

Indem er so sprach, und sich, aber bedächtiger und menschlicher als der Teufel über — Stufe für Stufe — die Treppe hinab vom Thurme stürzen wollte, um unter Menschen zu kommen, da trat eine weibliche, schwarz gekleidete, tief verschleierte Gestalt heraus auf den Gang, die ihn nicht wahrnahm, niederkniete, den Lockenkopf beugte, die weißen Hände vor die Stirn gefaltet oder gewunden hielt, noch einmal beten wollte, aber nur verworrene Worte murmelte, sich hastig auflöste, sich wild umsah, bebend sich auf das Geländer schwang, und wahrscheinlich sich — gerade an des Teufels Stelle hinunter stürzen wollte.

„Du weiblicher Teufel!“ schrie Wecker. „Hier geht’s in die Hölle. Halt! in aller Engel Namen, ich fasse Dich an den Haaren!“ Und so hatte er sie schon ergriffen, mit beiden Armen um die Kniekehlen gefaßt, und hob sie herab, und setzte sie derb nieder auf ihre Füße. Aber sie setzte sich auf den Boden, und als er sehen wollte, wer sie sei, schrie sie laut, und hielt sich den Schleier fest über Haupt und Gesicht. Wecker aber nahte ihr ganz, und beim Scheine der Abendröthe sah er — wie er meinte — durch den angezogenen Schleier ein Gesicht, das er kannte — und er fuhr zurück, wie ein redliches Herz vor einem solchen Gedanken.

Und als er sich gefaßt hatte, trat er wieder näher, legte der weinenden Gestalt seine Hand sehr sanft auf das Haupt und sprach vorsichtig-allmählig zu ihr, so mild er nur konnte: — „D . . . Do . . . Doro . . . Dorothea, ja ganze, leibhafte Dorothea, Gott weiß es ja doch, wer Ihr seid — das war albern! Ich weiß, Breitenthal ist abgebrannt — oder brennt noch da drüben — aber wegen Breitenthal, und wenn es Langenthal — Goldenthal dazu wäre — so kenne ich Euch nicht, brave Jungfrau!“

— Sie schauderte. —