Ihr bleibt wo und wer Ihr seid, erklärte St. Etienne. Aber, freilich, wäret Ihr nicht, so wäre Johannes der Einzige auf der Bude, die zu Einquartirungen und Lieferungen und Abgaben und zur Zucht von neuen Soldaten gebraucht wird, und Johannes wäre frei.

„Frei!“ rief Wecker wie ein Echo aus jener Welt.

Warum hab’ ich so lange gelebt! seufzte der Alte. O, die Verheißung Gottes: ein langes Leben und graue Haare, sind nun ein Fluch und eine Strafe geworden! Aber meine Christel, sei ohne Kummer! Ich weiß ein . . . ja ich bin ein sicheres Mittel!

Wecker aber merkte, daß der Herr Sergeant erbittert worden und fragte darein: Aber Johannes, wie seid Ihr denn erst zu dem Rocke gekommen? — Und Johannes antwortete: — Der Herr Sergeant wollte seinen Rock ausbürsten, da sollte ich der ausgestopfte Mann dazu sein, oder der Nothnagel.

Dankt Gott, daß ich ihn Euch nicht am Leibe ausklopfe versetzte St. Etienne. Nachmittags 2 Uhr Exerciren, hier im Hofe! Alles, was noch gesund ist bei Euch im Dorfe, und werth auf dem Felde der Ehre zu sterben, wird auch hieher kommen. Der Tod darf keine alten Krüppel auf dem Schlachtfelde finden, sondern lauter nagelneue, brühwarme. Sollen wir Andere mit Lahmen und Blinden, mit Einäugigen und Buckligen — fallen, welcher brave Soldat wohl vertrüge die Schmach. — Also, Johannes, um zwei! —

Der alte Frommholz aber schlich sich fort in seine Kammer, setzte sich auf sein Bett, blieb erst lange schwermuthsvoll, dann gedankenvoll, und sprach endlich laut mit sich selbst: „Frommholz, altes mürbes Holz, Du hast Dir immer im Leben Rath gewußt; nun rathe Dir auch; oder nimm meinen Rath gleich lieber an, damit Christel keine Wittwe wird, die Kinder keine Waisen, und Du kein Bettelmann mit Weckern! Kein Mensch kann eines andern Treppe brauchen, das weißt Du als Zimmermann; und so hat auch jeder seine eigene passende Leiter zum Himmel. Zum Himmel? Ach, Frommholz! Doch, wer anklopft, dem wird aufgethan; und wer so anklopft wie ich, nicht um selbst hinein zu kommen, sondern um aus stürmischem kaltem Regenwetter gute verlorene Kinder hineinzusichern, den läßt man vielleicht mit einlaufen, wie auf der St. Bernhardsstraße den armen guten Hund, der verirrte Menschen in die warme Stube bringt! Ich wenigstens stieße das gute verständige, vor Kälte stumme Thier nicht wieder mit dem Fuße über die Schwelle zurück in den Schnee und die Kälte, in das Heulen und Zähnklappern hinaus — in die Hölle! Doch Frommholz, Frommholz! Du thust mir recht leid! — Wehe denen, die durch alle Jahre bis in ihr Alter richtig und glücklich gewandelt, und erst im letzten Jahre einen Stein im Wege finden, worüber sie Hals und Beine brechen! — Hals und Beine!“ —

Der alte Mann sprang erschrocken auf, und besah sich seine noch ganzen Gliedmaßen, und versuchte den Kopf auf dem Halse zu drehen, und er war auch noch ganz, — „Nun,“ sprach er, „so ist es doch schlimm, daß es Dich trifft, denn kein anderer kann helfen! Siehe aber, Du weißt ja, manches Holz macht dem Menschen wenig Plage — einige Mal den Stamm querdurch gesägt, die Himpel mit dem Keile gespalten, einige Schläge darauf, dann die Kloben in Scheite gespalten — so ist es verbrannt und Asche. Ein anderes bloßes Stück Holz aber soll eine Säule zu einer Wendeltreppe werden, oder ein geschnitztes Altarbild, und macht eine lange, saure Plage! Doch Deine ist kurz. Und gestehe nur, Soldat Frommholz, der Du in Deinen vierziger Jahren statt Späne von Balken, Arme vom Leibe, und Köpfe vom Rumpfe hiebst, gestehe nur, Du mein halbvergessener Vorfahr, daß Du die Strafe wohl verdient! Hiebst Du nicht bei Ankona, wo der Papst zur Veränderung auch einmal der Türken Bundesgenosse war, einen bildhübschen jungen Mann zusammen, weil „Erschlagen“ befohlen war, und derjenige ein Ehrenzeichen bekam, der es darin am weitesten gebracht! Und kamst Du dann nicht ins Quartier zu der jungen, schönen Gräfin, die ihr Knäbchen wiegte! Hörtest Du sie nicht laut aufschreien, als sie ihren geliebten Mann in der Gestalt herein trugen, in welche Du ihn verhunzt! — Hei! das war ein schönes Ebenbild Gottes! — Frommholz! Sahst Du nicht, wie sie ihr Kind aus der Wiege riß, es hoch empor hielt, und es des Vaters unsichtbarem Todtschläger zeigte — daß Dir die Haare zu Berge standen — und wie sie es Gott dem unsichtbaren Vater zeigte, daß Du vor Furcht Dich bücktest, — und die silberne Klapper aufhobst, die dem kleinen Waisenkinde vor Angst vor der Mutter aus dem Händchen gefallen war! Hörtest Du nicht, wie sie Rache schwur, wenn nicht der Welt, wenn nicht dem guten, schönen Menschengeschlecht, wenn nicht den Frevlern, die den Krieg herauf beschworen und ihn wüthen geheißen, bloß um selbst länger ihr Volk zu beglücken — denn doch Rache dem, der ihn erschlagen und sein schönes Gesicht entstellt, daß sie ihn kaum erkannten. Und Du, Soldat Frommholz, Du mußtest schweigen, und aßest still von ihrem weißen Brode und trankest ihren rothen, süßen Wein! Und mit heiler Haut gingst Du selber heim, legtest den Soldatenrock und die Höllenwaffen ab, und griffst zum Zimmerbeil wie nach einem Kleinod. Aber vergessen habe ich, ich grau werdender Zimmermann, nicht Dich Fleischer, Menschenjäger und Brandstifter auf anderer Leute Gewissen hin! Und ich Zimmermann sage Dir jetzt: Mensch, Du sollst Deinem Gotte mehr gehorchen, als den Menschen! Denn Menschen sind alle, wie sie auch heißen, ob sie Kronen tragen oder Pelzmützen, Sterne oder Knöpfe. Und kein Mensch kann das fünfte Gebot aus der Bibel kratzen, oder das „nicht“ aus demselben vertilgen und Gott zum Trotze mit seinem Kain-Finger in die Gesetzestafel schreiben: „Du sollst tödten!“ ohne daß ihn der Donner des Herrn erschlüge! — „Aber,“ warf ihm der Soldat Frommholz ein: „Sie thun ja doch so — und der Herr läßt regnen über Gerechte und Ungerechte, und seine Sonne scheinen über Gute und Böse.“ — „Das ist eben entsetzlich! Die sanfte, liebevolle, schweigende, himmlische Mahnung!“ entgegnete ihm der alte Zimmermann Frommholz. Manchmal, wenn ich in Frankfurt war, habe ich mich gewundert, warum denn die Juden nicht Christen werden! — Oder doch die Türken! — Da sagte mir ein vornehmer Mann, der meine laute Verwunderung hörte: „Ich würde die Juden und die Türken verabscheuen, wenn sie das werden wollten: was wir sind oder heißen, alter Mann! Und als Mahomed erschien, hatte seine Lehre reißenden Fortgang, weil es schon 300 Jahre vor ihm keine wahren Christen mehr gab. — Ich muß in die Sitzung! Lebt wohl!“ So schied er. Und jetzt da Einer 300 Meilen weit hergeritten kommt, um meine kleine, liebe Sohnestochter aufzuspießen, und ich sie nicht einmal vor dem Wirrwar hineingetragen — nun will ich, der Zimmermann, Deine Sünden wieder gut machen, Soldat, gottloser Frommholz! Aber weiche von mir auf Erden, und erscheine mir einst nicht im Himmel! Wir sind geschiedene Leute!“

„Und nun, mein Alter, sprach seine Seele weiter, Deine Sache ist leicht! Du zimmerst am Thurme ja, wie das ganze Dorf weiß; . . . Du legst nun das Brett auf einer Seite hohl; . . . Du haust fehl — es schwankt; . . . Du schwankst — es fällt; Du fällst . . . und Johannes ist kein Soldat, so wahr meine alten Gebeine nicht von Eisen sind! Und nur ein Scrupel bleibt: daß sie Dich ehrlich begraben! Johannes beweint mich redlich! Christel geht schwarz in Trauer um mich, und die Kinder pflanzen ihre paar Blumen auf mein Grab, und kommen zu mir, sie an schönen Sommerabenden frisch zu begießen. Und der Mond geht auf, und die Linden duften, und „zum Wahrzeichen“ hänge ich angenagelt und aus Holz geschnitzt und mit Oelfarbe bunt gemalt, an der Ecke des Thurmes — und die thörichten Kinder im Dorfe sprechen: „Das ist der alte Frommholz!“ Aber der Wahre hat die Seinen aus der Gewalt der erbärmlichen Zeit errettet. Denn was ein Mensch kann, das wissen die Millionen nicht!

VI.

Johannes mußte nun auf Christels Fürbitte für den armen Sebastianow und auf des Sergeanten Befehl den Sonntagsbarbier holen. Dieser aber lag — krank, weil ihm schon Wecker im Thurme gedroht hatte: er müsse zu einem Russen kommen, der also wahrscheinlich die ansteckende gefährliche Krankheit an sich haben und ihm mittheilen konnte. Darum lag der vorsichtige Mann gleich lieber selbst gesund im Bette krank, und pflegte sich ganz im Geheim endlich einmal recht aus. Aber sein Bruder, der Licentiat war gekommen, um sich gleichfalls nach Mainz ins Sichere zu begeben, und hatte bei seinen Kunden umher, auf die Furcht vor der grassirenden Krankheit sich — das Reisegeld und die Aufenthaltskosten geborgt, und von den furchtsamen Leuten, die alle Hülfe vom Arzte erwarten, es auch gern, gefällig und richtig geliehen erhalten — und ohne Schuldschein. Starben sie also während der Abwesenheit seines Leibes — denn Geistesgegenwart besaß er nirgend — so waren sie bezahlt; oder er bezahlte die Familie durch neue Liquidationen, die gerade die Summe erreichten oder um einige Gulden oder Kreuzer noch überstiegen, damit die Rechnung nicht studirt schien. Der Licentiat nun konnte seinem alten Freunde Johannes nicht ausweichen, der mit Holenlassen zu drohen beauftragt war, und erwiederte: „Lieben Leute, Ihr thut wahrhaftig den Aerzten zu viel Ehre an, in dieser letzt betrübten Zeit, wo ich wenigstens meinen Bankrott gestehe. Wir sind so gewöhnlich gut, wo nichts ist; aber jetzt, wo diese Krankheit herrscht, da beweisen wir der Welt, daß Jeder selbst sein bester Arzt ist, wenn er sich vor ihr und vor uns sein in Acht nimmt — wie ich, und meine liebe Frau! Denn wir wissen das sicherste Mittel selbst gegen die Pest: — „Pest fliehe bald! Fliehe weit! Und spät erst kehre zurücke!“ — Und Jetzt kann man bei jedem Leidenden das Leiden vermuthen! O Gott, wann werden wir wieder drei Monate Zeit haben eine Krankheit zu curiren! Denn diese läßt sich nicht spinnen! Und Ein Thaler bei Tag für den ersten Besuch ist auch der letzte! Wie soll das werden?“ — Doch als die Frau Licentiatin gratulirend und lächelnd gefragt und gehört hatte, daß die vorher so preßhafte ganze Familie sich nun in gesegneten Umständen befinde, nicht bloß mehr die liebe Hausfrau Christel, also bezahlen konnte und gut bezahlen mußte, so legte sie bei ihrem Manne ein bittendes Fürwort ein, das aber wie er wußte, ein unweigerlicher Befehl war. Und so versprach er zu kommen — doch in der Dämmerung, aus besondern Gründen. Frau Licentiatin räucherte, daß Alle husten mußten; selbst der Kranke im Bett in dem Alkoven; und als Johannes schied, sagte sie ihm noch zum Troste in der Thür: „Vertraut nur der Christel . . .“