— daß einem das Herz im Leibe lacht und der Magen, meinte Wecker. So in Fugen singen sie; Einer fällt nach dem Andern ein, der Dritte, der Vierte, und Alle aus vollem Halse. Und wie es fromm klingt! Das sind gewiß gute Menschen! Wer singt, ist gut, nämlich so lange er singt, und den Mund dazu braucht.
— Horcht! nun pfeifen sie gar! rief Daniel, freute sich, und wollte zum Thor gehen, um aus dem Gehöfte auf den Weg das Dorf hinauf zu sehen.
Ach, seufzte Christel, was sollen wir thun? Was ist jetzt gut, oder was ist schlimm von dem, was wir Leute gewohnt sind? Jetzt ist kein Schritt recht oder gleichgültig, kein Fleisch recht gekocht, kein Huhn gut gebraten, keine Suppe recht gesalzen! Da lob’ ich meinen Johannes und euch Alle! — Ihr wart immer mit mir zufrieden. Aber darum vernachläßigte ich nichts, in dem guten Zutrauen auf eure Geduld; sondern je begnügter ihr wart, je sorgsamer strengte ich mich an, und lauschte und merkte mir gern, was der Kleinste gern hatte. Nun werde ich nichts recht machen; und ich möchte wahrhaftig mein Sophiechen oder meine Clementine sein! Heut nur in unserm Zahlbach! Denn . . . seht nur, wie glücklich sind doch die Kinder! Wie leben sie überall und immer im Paradiese! Ohne Sorge und Furcht, glücklich, wenn nur die Mutter lächelt und spricht: Du bist mein liebes Kind! Seht nur, mein kleines Osternachtkind, die kleine Clementine, die ich der guten gnädigen Frau zum Andenken so genannt — sie versprach mir gestern Nacht: ohne mich ganz allein einzuschlafen, wenn ich ihr ein Brodchen mitbüke; und so konnte ich ungestört backen; jetzt hat sie es dort bei sich; und da ihr das Schaukeln so gefällt, so denkt sie: dem lieben Brodchen soll es auch gefallen, und so hat sie es auf den Sitz der Schaukel gesetzt, und schaukelt es mit ihren kleinen Aermchen! Ach mag doch Alles verloren gehen . . .
. . . Also hübsch langsam! schaltete Wecker ein. Verloren gehen, nicht verloren rennen!
Auch das! fuhr Christel fort; mag heut, schnell, gleich Alles verloren werden, und hin sein, selber das tägliche Brod, sogar wie es Luther auslegt, nur nicht . . . nur nicht: Mann und Kinder! Nicht Ein Kind! Weiter bitte ich Gott um nichts . . .
. . . Um nichts weiter! Ei, meine bescheidene Christel, da bittet Ihr recht viel, recht grob den lieben Gott! sprach Wecker. Denn, wie ich Euch kenne, habt Ihr eben nichts weiter, nichts Anderes in Euren Gedanken, in Eurem Herzen, als den Mann und die Kinder. Ihr wollt also nur geradezu Alles behalten, was Ihr habt und besitzt; denn die Tausend Gulden von Eurem Vater, die der alte Herr von Borromäus für Euch am Kaufgelde hat fahren lassen müssen, und die Ihr ausgeborgt habt für die Kinder, die kümmern Euch nicht; auch nicht die dreihundert Gulden Lotteriegewinn vom Gevatter Pathen Leineweber Krieg, die Euch Dorothee wiederbezahlt, weil sie nun mehr hat, und nichts schuldig sein wollte, das protzige Mädchen, das nicht aus Fleisch und Blut zu bestehen scheint, sondern aus lauter Ehre zusammengebacken, und mit Mädchenstolz gesäuert.
Ihr habt nicht ganz Unrecht, . . . Meister Wecker, wie Ihr ohne Schule nun einmal wollt genannt sein, damit Ihr doch noch etwas wäret oder hießet; sprach Johannes dazu. Selbst die saubern Geräthschaften, Tische, Stühle, Schränke, Betten, Gebetten, Kisten und Kasten mit Wäsche und sächsischer Leinwand, und was wir Alles aus Herrn Paschalis Schiffchen packten, freute meine gute Christel nur um der Kinder willen; die freuten sich! Aber doch Sonntags, wenn Alles fein sauber aufgeräumt war, die liebe Sonne in die blanke Stube schien, und Christel selbst auch sonntäglich in dem lieben Sonnenschein stand, da gewann ihr die neue Heimath denn doch ein heimliches Lächeln ab. Das Geld haben wir nicht zum Bauen gebraucht; denn als meinem Vater seine zweite Frau gestorben war, mit welcher er Alles erheirathet hatte, da ward ich wieder sein Sohn, da durfte ich wieder zu ihm kommen, da mußte ich sogar Haus und Garten und Feld von ihm nehmen, zum Zeichen, daß er heimlich immer mein guter Vater gewesen.
Jetzt kam der alte Frommholz vom Thurme. Die Kinder liefen ihm entgegen, auch die Kleinste mit ihrem Brodchen, und er mußte sie auf den Arm nehmen. Der alte Mann nahte und trat zu ihnen. Seine Gestalt war hoch, sein Gesicht ernst geworden von dem langen Zuschauen der wechselnden Erde, die ihre schönsten und besten Kinder, die Menschen, wenig zu achten scheint; dennoch war seine Stellung fest, sein Auge getrost, aber seine Hand vom Alter mager, von der Sonne braun; und das Kind hatte sein kleines, weißes Händchen darauf gelegt, wie ein Blüthenästchen auf einen trockenen Ast; und — wie eine Rose an ein altes Gemäuer — lehnte es sein kleines Gesicht weiß und rosig an das gleichsam wettergraue Gesicht des Alten; und die noch nicht gefärbten weißlichen Haare der Kleinen mischten sich mit den schon wieder entfärbten, und nun auch weißen Haaren des Großvaters, die ihm voll bis auf die Schultern hingen, und er hieß bei Menschen ein ehrwürdiger alter Mann, entweder weil er die Sonne lange gesehen hatte, oder sie nicht mehr lange schauen sollte. — Da will ich die Wahl haben! meinte der lebenssatte Wecker, wenn die Leute demselben Glück zu dem schönen Alter wünschten und ihn bewunderten — wie den eingefallenen Thurm zu Babel, und die vornehme Nase, die nach Damaskus — geschaut hat, in ihrer Jugend.
Nun, Großvater, sagte jetzt Christel, Ihr stellt Euch so ruhig und schweigsam zu uns! Erzählt uns doch! Rathet uns doch!
Wer kommt denn eigentlich? frug Johannes; unsere große, ganz klein gewordene Armee?