— Unser Friedensstifter, Vermittler, Bundruthe unseres Rheinbundes, unser allergroßmächtigster Kaiser und allezeit Mehrer des Reiches, auch wenn er ein Stück von seinem Kaisermantel nach dem andern verliert? fragte Wecker.

Was sollen wir thun? frug Johannes; sollen wir hier bleiben, draußen? oder hineingehen? Kochen, braten oder backen? Und was? Oder sollen wir Alles stehen und liegen lassen, und ein ruhiges Land aufsuchen?

Kinder, sagte der Alte, heut zu Tage kann man immer auf das Entgegengesetzte von dem gefaßt sein, was alle Menschen vermuthen und glauben, selbst die Herren Potentaten. Alles kommt anders und besser, als selbst der Freiestgesinnte und Beste denkt, und ganz etwas Neues! So kommen auch jetzt unsere Feinde, die Kosaken, vor unserer Armee, als ihre Vorreiter, Voresser und Vortrinker. Aber, was Ihr thun sollt, meine Kinder? — Nichts! Wenn böse, gefährliche Zeiten kommen, muß Jeder schon das Seine gethan haben: gelebt, gebaut, geheirathet, gesorgt, verdient und gespart. Die böse Zeit tritt zum Menschengeschlecht als sein Richter, und spricht: So wie du gelebt hast, so wird dir geschehen; mein Buch ist geschlossen, deine Rechnung gezogen. Die sieben fetten Kühe müssen die sieben magern übertragen. Wer die sieben fetten in’s Haus geschlachtet hat, der kommt um! — Aber, sprach er mit Lächeln, ein ruhiges Land aufsuchen? — Wo denn? Jetzt nirgend. Wenn Erndte ist, ist überall Erndte, ein Paar Tage, ein Paar Wochen später; aber Erndte ist gewiß, gute oder schlechte, wie und was Jeder gesäet hat. Vielleicht hätten wir sollen mit den verständigen, freien Würtembergern, den Rhein hinunter, nach Amerika ziehen. Wenn in einem Lande Herbst wird, ziehen die Lerchen, die Schwalben und Störche von dannen, und sind unverständige Vögel. Sie nisten über dem Meere nicht, aber der Mensch baut sich an, und gedeiht überall wohl, wo nur die Erde ist, und nur die Erde ist sein Vaterhaus und seine gute gleichnährende Mutter überall. Die große Lehre hat uns Schmach und Schande gelehrt. Uns aber ließ man doch die vorzüglichste Freiheit — wegzuziehen, wenn es uns nicht unter dem neuen Herrn des Landes gefiel; und nur die Freiheit des freien Abzugs mit Weib und Kindern, kleinen und großen, zu jeder Zeit muß den Menschen bleiben, wenn sie so durcheinander gewürfelt und hinüber und herüber verspielt und gewonnen werden, wie bis jetzt anno 1813, als wenn die Unterthanen liebes Vieh wären, und kein Herz hätten, und zu Niemand ein Herz haben sollten. So wollte man, und so ist den ihr Wille geschehen. Amen!

Amen! Amen! In Ewigkeit! sprach Wecker fromm und gläubig dazu. Der Bauer Adam Müller hat doch Recht gehabt! Es ist Krieg geworden, 1812, wie in dem Briefe an den seligen Herrn von Borromäus stand! Vielleicht gehen nun auch die unschätzbaren schlechten Zeiten an, die er verheißen, und worüber sich das Landesväterchen so gefreut!

Die Unsrigen rücken aus Mainz dem Feinde entgegen, und wahrscheinlich begegnen sie hier sich im Dorfe; sagte der Alte erst jetzt. Es kommt darauf an, wer schneller reitet.

Mein Gott! stöhnte Christel. Wer hätte gedacht, daß man unter einer Festung Napoleons nicht sicher wohnte!

Sogar er selber nicht mehr, sprach der Alte. Aber wenn Er sogar nicht mehr sicher ist, so können alle Andern, die nicht solche Männer wie Er sind, nicht ihren festen Sitz auf hundert Jahre verpachten, ohne daß der Pächter nicht vor Ablauf der Pachtzeit — stirbt.

Wecker schüttelte sich und sprach: Mir ist ordentlich als ginge Jemand mit Geisterschritt in den Wolken, und warnte herab mit dem Finger, und spräche große Lehren herab; und auf Erden liefen Teufel umher, und hielten den großen Menschen die Ohren zu, und sprächen: Das da oben ist bloßes Luftgebrause! Unsinn am Himmel! Wer nicht gehört hat, der darf nicht folgen. Erlauben Sie also gnädigst, Ihre hochgeehrten Ohren mit dem weichsten schadlosesten Wachs zu verkleben; es ist gelbes natürliches Wachs, ohne allen Arsenik! Sehen Sie, ich verschlinge ein Stück davon. — Und bei den Worten brach Wecker einen Krumen von Clementinens Brodchen, und verschlang ihn im Eifer.

Der Lärm ist im Dorfe! sprach Christel bestürzt. Riegelt das Thor zu!

Da sprengen sie es ein! und werden erst wüthende Gäste! versetzte der Greis.