Sie schwieg; denn die Thüre ging auf, und ein französischer Soldat, in feiner Uniform mit dem Orden der Ehrenlegion geschmückt, trat herein; Johannes erkannte den jungen Herrn von Ellenroth, der als Soldat noch einmal so männlich, und in seinem Schmerz noch einmal so schön, ihn mild begrüßte. Er wollte leis aber gerade zu Dorothea hingehen, als wenn sie noch lebte; aber er blieb vor ihr stehen, wandte sein Gesicht zurück, und sagte: „Wie kann man das so bald vergessen, daß Du todt bist! Ach nur, weil ich es nicht glauben kann, daß Du todt sein sollst; weil Du in mir so fort lebendig mir da bist, wie je, und aus mir, und mit mir schaltest, wie Du willst, und wolltest!“ — Er nahm den Orden von der Brust, und sagte leis: „Doch . . . hier ist der Orden der Ehre, für die Sieben Kosaken, die ich Dir zum Opfer gebracht in diesen Tagen, die diesen Deinen Sterbetag mich erwarten ließen. Mit Erlaubniß der Obern wurden sie mein, und so viel ich erlegen kann oder will. Aber Sieben sind genug — und nun falle ich Andern zum Opfer, ohne mich zu wehren. Der Achte aber liegt schon verwundet bei Johannes, und ist heilig; und da er ein Prophet unter seinem Volke ist, wie sie sagen, so ziehe der Unglücksvogel heim und prophezeie! Und noch aus seinem Grabe dringe seine Stimme, wenn er da hinunter gestiegen! — Das waren schwere Tage, mein Johannes!“ sprach er jetzt noch milder. „Wir sind Leidensgefährten! Denn Eure Christel, von derselben Krankheit befallen, sehr krank, irr, und immer noch hülfreich auch in ihrem Wahn — ob sie gleich wirklich gehört, daß Wecker in Britzenheim als Spion sitzt, und morgen, ich weiß nicht wie: abgethan werden soll — Eure Christel ist entsprungen! Und Daniel und die anderen Kinder hinter der Mutter! Ihr nach, nach Ihr; kein Winkel ist im Hause undurchsucht — und in den Straßen hat man sie nicht gesehen; denn jetzt hat Jeder seine eigene Noth; aber im Thore, das nach Zahlbach führt, meinte eine Kastanienfrau, es wäre ihr wohl so, als wenn ein halbgekleidetes Weib hindurch geschlichen wäre, und bald nachher drei Kinder, wovon das kleinste nach warmen Kästen (Kastanien) verlangt. — Ihr müßt sie begegnet haben — sonst ist Paschalis umsonst ihr nach. Ich verließ ihn im Thore; und daher komm’ ich, noch naß von den Flocken.“

Johannes hörte ihn kaum aus, und eilte von hinnen. Ihm war Alles im Innern klar. Nun hatte er sein Weib gesehen! Das waren seine Kinder gewesen! Doch er verirrte sich noch erst in Paschalis Hause, in den Zimmern, kam in die Kinderstube und sah seiner Kinder weggehangene Kleidchen und die Spielsachen, und Christels Bett, und die kleinen Bettchen; drunten an der Hausthür aber erwartete ihn sitzend der Hund Peter, der ihm als seinem Brodherrn nachgelaufen war, und jetzt fröhlich an ihm emporsprang. Dann eilte er durch die Gasse voll Menschen und Kinder, die dem Zapfenstreich mit türkischer Musik nachliefen, durch das Thor ganz geblendet ins Freie, und auf der Straße in Sturm und Wetter dahin; und wie er sein Weib und die Kinder vorher wie Gespenster gesehen, so schwebten sie jetzt in der dunkeln Nacht ihm wieder vor seinen Augen, luftig, und unerreichlich, immer voraus; und an dem hohen Kreuze stolperte er und fiel mit dem Gesicht in den Schnee. Er besann sich, wo er war; und während ihn der Hund mit der Pfote scharrte und um ihn herum boll, betete er an diesem Zeichen der angefangenen Erlösung in der Angst um Rettung den Vers: „Nun danket Alle Gott!“ Und aus der verhallten Neujahrsnacht erklangen ihm wieder die Posaunen vom Dome dazu, und die Freudenschüsse fielen, und die Eule kam, und der Hund erinnerte ihn an den Hund, und sein Gebell an seinen Gang. Und er sprang auf, schlug nun den Thalweg nach Britzenheim ein, sah schon das Licht in der Mühle — aber da sah ihn auch der Posten der Vorhut, und donnerte ihm sein: „Zurück,“ entgegen.

Denn das Wort war ein Donnerkeil, und spaltete sein Herz. Seine Fragen waren umsonst, denn die Wache war eben erst abgelöst; seine Bitten waren umsonst, denn der von seiner Erzählung nicht ungerührte Soldat aus dem Elsaß, fragte ihn nur: „Ob er wolle, daß er erschossen werde? Denn seine Bitte begehre seinen Kopf. Und wenn er auch kein Spion sei — so könne er durch einige fünfzig Stockschläge einer werden, indem er in aller Unschuld nur Alles treulich sage, wie es in Mainz aussehe? und wo die Wache stehe? und so könne er vielleicht hundert Mann um ihr Leben bringen, durch hundert Schritte vorwärts. — Wenn Euer Weib hierzu gekommen ist, so hat sie sich vielleicht in dem Schneewetter, ungesehen, glücklich zwischen den Posten durchgeschlichen nach Britzenheim.“ —

Der redliche Johannes war traurig überzeugt, blieb aber doch noch lange Zeit neben dem Manne sitzen, bis er vor Gedanken fast einschlief, und das Kommen der neuen Wache ihn weckte, und er still nach Hause schlich, den Pathen im Bette weckte, und ihm sein Herz ausschüttete, und seine Thränen still in sein Kissen.

Vom frühesten Morgen des, auf die betrübte Nacht schön anbrechenden Sonntags durchstrich und durchmusterte Johannes bei Sonnenlicht mit noch brennenden Augen, nebst Petern als Hauptperson, und dem Pathen Leinweber und einem gutwilligen Nachbar die ganze engbeschlossene Gegend, so weit er es durfte. Zuerst stellte er sich auf den Ort, wo ihm Christel und die Kinder verschwunden waren; ging der Richtung nach, suchte Fußtapfen auf, ließ Petern auf die Fährte — aber die Tritte waren vom eingefallenen Schnee verweht und verschüttet, und der Hund sah ihm rathlos in die Augen. Johannes starrte betrübt in die stille, sonnenblitzende Ferne, die ein schweres Geheimniß für ihn bedeckte, indeß es doch gewiß an seinem Orte ein offenbares war, und er weinte die lächelnde Sonne an. Darauf ging er — als Gottesdienst — den Vater besuchen, den er gestern vergessen hatte, wie Jemanden, den er im Sichern wußte. Der Leinweber Krieg aber ging in den Krug, um vor Mißmuth und Trauer den Baß zum Tanze zu streichen; im Grunde aber, um von irgend Jemand aus der Menge ein Wort zu hören, da das Volk Alles erfährt, Alles weiß; weil Alles sich meist auf unentdeckte und oft auf unbegreifliche Weise viel schneller hinaus und umher verbreitet, als schnaufende Pferde mit Schnellreitern und ledernen Täschchen die Kunde berichten. Er traf aber hier nur Soldaten; denn selber die Tanzjungfern waren Soldaten, die sich zierlich verkleidet hatten, damit doch wenigstens Weiberkleider zu sehen und zu fassen wären. Steffen hatte den Kummer im Hause gemerkt, fragte ihn jetzt weit leichter dem Bassisten ab, erschrack, bedachte, gebot ihm Schweigen, und versprach ihm Hülfe.

Und nicht ganz vergebens. Denn schon am Morgen hatte er einen „Blauspecht“ gefangen, wie er sich ausdrückte, der in Britzenheim gestanden, und nun die gewöhnliche Soldatenbeichte ablegen mußte. Und so ließ sich der heimgekehrte Johannes nun selber erzählen, daß ein Weib in das Dorf gekommen, und drei Kinder; und der Wirth hätte sie wohl gekannt und wohl aufgenommen in diesen schweren Tagen, „wo die Menschen wunderlich durcheinander geworfen würden, damit das Volk desto mehr Gelegenheit hätte, sein Herz zu beweisen;“ wie ein alter närrischer Kerl gesagt, den man als Spion eingebracht mit einer großen Ruthe. Das Weib aber sei schwer krank, die Kinder aber gar wohl, bis auf den Gram um die Mutter.

Der Gefangene ward in die Stadt geführt, und Johannes begleitete ihn ein Stück, um Alles noch einmal zuhören, oder nur noch einen kleinen neuen Umstand. Aber die wiederholten Worte brannten in Johannes Herz nur schmerzlich und tief das Verlangen ein: um jeden Preis zu seiner Christel hindurch zu dringen, und zu seinen Kindern — da sie nicht zu ihm nach Hause konnten. Er wäre gern auf den Thurm gestiegen, um nur nach Britzenheim zu sehen; aber des alten Vaters Frommholz wegen war er sogar nicht mehr in die Kirche gekommen, weil da der Altar stand, woran sein Erlöser vom Kriege gekniet und gebetet hatte; und er sah keinen Pfarrer darauf, nur immer den alten Zimmerman; und er war ihm theurer, und erschien ihm eben so liebend und fürsorgend, als der alte gute weißbärtige Zimmermann Joseph, der auf dem Altarblatte den Esel mit seiner anbefohlenen Maria mit ihrem Kinde, am Strick nach Egypten zog, aber seit mehr als hundert Jahren noch keinen Schritt weiter gekommen war; und der Esel hatte noch immer die Distel am Wege nicht erschnappt; und die Distel war nicht verblüht, und der alte Joseph zerrte unermüdlich noch immer an dem morgenländischen vierbeinigen Wagen mit dünnhaarigem Schwanze; und sein Gesicht sah nur staubig aus, aber nicht von egyptischem Sande, sondern vom Kirchenstaube. So unverändert kniete in seiner blauen Jacke, die Axt zur Seite, ihm auch der eigene wahre alte fromme Vater Frommholz; und so war der arme Johannes denn auch um den Trost von Gottes Worte aus des Magisters Lademann Munde. Außer der Vermuthung: daß sich die Seinen wahrscheinlich bei dem Richter befänden, der in Krieges- und Friedenszeiten Vieles umsonst zu tragen und Alles im Dorfe zu verantworten hat; daß sie, als im Nachbardorfe, dort bekannt oder doch nicht fremd, und jedenfalls bei Menschen, und unter dem alten treuen Himmel wären, von welchem klarer als die Sonne, aber noch stiller und ganz verborgen ein Auge herabblicken und aller Menschen Geschick bewachen soll — außer dieser Vermuthung tröstete ihn nur sein Entschluß, zu ihr durch die Vorpostenkette zu dringen, und hielt ihn hin, wie die Menschen sind, von Tage zu Tage, von Nacht zu Nacht mit dem Bewußtsein, er könne ihn ausführen, in welcher Nacht er wolle — und auch in der Nacht schlummre und schlafe das Auge nicht, und sei nicht untergegangen, wie die eigentlich doch treulose Sonne; und das Eine Auge sei dann tausend Augen, und schieße zu Zeiten goldene Blicke, wie Gestrahl eines fallenden Sternes.

Johannes theilte sein Vorhaben dem Pathen Gevatter mit, —

„Ich gehe zwar mit, wenn Ihr geht,“ sprach dieser; „denn ich habe den sogenannten Propheten im Stiche gelassen, und das treibt mich aus Reue mit Euch. Aber ich rathe uns Beiden: nicht zu gehen! Die sogenannten Feinde können näher heranrücken, Zahlbach nehmen, und sich vor die Schanze legen — dann kann Christel herein — oder noch her begraben werden, wenn sie gestorben ist; oder wir, das heißt, unsere sogenannten Freunde, können einen Ausfall machen, und Britzenheim nehmen, wie man so einen Jammer kurz umschreibt, da er kein sogenannter Diebstahl noch Raubmord ist; und dann könnt Ihr zu Christel und den Kindern hinaus. Ich rathe Euch zu Geduld! Denn mit Geduld kommt der Mensch sehr weit, unglaublich weit, und ist aller Verhältnisse gelassener Herr, besonders weil die Welt keine Geduld hat, am wenigsten aber mein hungriger Namensvetter, der Krieg, die große Lappenpuppe, die aus lauter Magen und Geldbeuteln besteht! Und nichts ist für den Menschen erschrecklicher, als wenn Gott morgen einen sichern glücklichen Weg für uns macht, und wir, wir machen einen unsichern unglücklichen — heute. Etwa heute die Nacht! Selber einen alten Handwerksburschen, einen sogenannten Steuerbruder, der gewiß niemals mehr zu einem dreibeinigen Sitze kam, oder gar zu seinem eigenen sogenannten Werstbänkel, den lumpigen lebensmatten Gesellen hörte ich lustig einmal in die Morgenluft singen: „Es bleibt dabei: Wer warten kann, Der trifft sein Glück bei Zeiten an!“

Johannes aber schob, als Antwort, seinem Freunde nur den neuen Kalender auf 1814 hin, worin unter andern freigesagten Lehren der Freiheit, auch auf Jahrhunderte nachhaltende Sprüche über Menschenrechte standen, auf deren ersten Johannes ihm mit dem Finger wies, und dann die geballte Faust ganz ruhig auf dem Tische hielt, so lange Krieg las: