Er eilte nun durch die wohlbekannten Straßen der Stadt nach Paschalis Wohnung. Er durfte an keine Thüre klopfen, denn sie standen offen; aber in allen Zimmern — Niemand! Keine Christel! Kein Daniel! Kein Sophiechen! Kein Gotthelf! Kein froher Kinderruf: „Vater!“ kein „Willkommen!“ schallte ihm wo entgegen. Ueberall Niemand. Bis er durch das Wohnzimmer hindurch ging, worin nach hinten hinaus noch eine Thür war, und vielleicht Menschen dahinter. Vielleicht dachte er, sind sie alle bei Dorothea! Die Thüre war, wie ein Schrank, nur mit dem Schlüssel aufzumachen; er merkte also nicht, daß sie verschlossen gewesen.

Beim Dämmer einer an drei vergoldeten Ketten hängenden rubinrothen Lampe erkannte er aber nur an ihrer Kleidung das treue Mädchen, das an jenem Abende neben dem englischen Kutscher die vier Kühe vom Bocke gefahren. Mit dem Gesicht lag sie, wie eingeschlafen, auf einem Gebetbuch mit goldenem Schnitt. Medizinflaschen und Gläser und Tassen und Schächtelchen auf dem Tische, waren alle beiseite an die Wand geschoben; und auf dem weißen Bette, mit zurückgezogenen grünseidenen Vorhängen, lag Dorothea, wie er meinte, sehr leise schlafend, und hatte gewiß gebetet; denn ihre Hände waren ausgestreckt und gefaltet. Jetzt fuhr das Mädchen in die Höhe, als habe sie Dorothea gerufen. Sie sprang zu ihr; sah nach ihr; besann sich aber, seufzte ein tiefes Ach; und kehrte sich leise von ihr um; und erschrack vor Johannes, daß er selber erschrack, und beide sich fragend anstarrten. —

„. . . Schläft sie?“ frug er leise.

„Sie schläft;“ antwortete das Mädchen; „aber Ihr könnt laut reden, Johannes; sie schläft fest.“ Und doch sagte sie das auch nur halblaut vor Furcht oder Ehrfurcht.

„. . . Also ist ihr wohl und besser?“ frug er zutrauensvoller.

„Wohl. Und besser. So bleibt ihr nun gewiß;“ erwiederte sie.

„. . . Nun ich gönne das Glück unserem Herrn Paschalis! Der wird sich freuen!“ sagte Johannes mit Augen, die vor Mitfreude glänzten. „Die liebe ehrenwerthe Tochter war seine Lust und sein Leben!“ —

„Und kann nun sein Tod sein!“ sprach das Mädchen. Und die Worte schnitten Johannes und ihr in das Herz, und sie schluchzte vor Thränen. Und als Johannes einen Schritt näher zum Bette gethan, und forschender hingesehen, trat er zurück, sank auf den Stuhl, und lag nun mit seinem Gesicht über dem Buche, wo vorhin des Mädchens Gesicht gelegen, und die Blätter waren noch naß. Aber er fühlte es nicht, sondern weinte frische, warme Thränen zu ihren kalten.

„Gönnt ihr die Ruhe!“ sprach das Mädchen, „Ihr war zu schrecklich zu Muth. Sie hat viel Gutes gethan, aber ich denke, ich denke, warum! Es war so kein rechtes Gutes, denn sie war in Eifer, ja öfter in Wuth dabei. Und wenn sie sich auch die Krankheit geholt, und zum Tode krank daran danieder gelegen, so ist sie doch nicht daran gestorben — spricht der Licentiat, sondern an einer gewissen Furcht, die aber gewiß wäre, an einer Furcht vor einer sogar guten Hoffnung; sagte er einmal dem Vater, der sich über das Wort vor die Stirn schlug, als gehörte sein Kopf einem Andern von Holze. Eure liebe Frau Christel hat es mit angesehen und mit angehört, noch in der letzten Nacht, wie Dorothea in weißen Nachtkleidern aufsprang, uns ansah, ohne uns zu sehen, und so recht herzlich Jemanden frug: „Sage mir nur: Wer an dem ganzen Unheile Schuld ist? Kann der Morgen herkommen mit seinen Seuchen und Teufeln, wenn der Abend nicht hingeht und ihn holt? Und saß der Abendstern auf dem Thron, wenn noch die alte Nacht darauf saß mit ihren Gespenstern! Ist also Jemand Schuld an der neuen Zeit, als die alte tyrannische, elende Zeit, als das alte Glück an dem neuen Unglück? Die Könige des vorigen Jahrhunderts an den Königen des jetzt laufenden! O, daß alles Unheil liefe, verliefe wie Wasser aus Thränen und Blut, und ich mit darauf hinschwämme zu der großen Pforte hinein, schön und hoch und golden und purpurn wie das Abendroth! Aber sage mir auch, ob sich noch heute Teufel in Menschengestalt verwandeln können, und ein Teufel in sieben Gestalten, eine teuflisch wie die Andere; in der einen — siebenarmigen — Hand sieben blitzende Säbel, und in der andern siebenarmigen Hand sieben Flaschen alten Rhein! — Und sage mir nur: giebt es auch sieben Tode? — — Und sieben Gewissen — und sieben Schlangen in Jedem! — Ah!“ — — So phantasirte die arme Dorothee. Dann sank sie vor Schreck um, schrie Hülfe, rang sich mit Jemand wild umher, ächzte, und lag dann lange wie todt — dann sprang sie wüthend auf, starrte umher, daß uns die Haare zu Berge stiegen, zerschlug den Spiegel, oder ihr Bild darin, daß die Stücken umher flogen, und zertrat das letzte, aus dem sie noch ihr eigenes Auge ansah. „Aber,“ frug sie dann höhnisch lachend: „wäre es für die Welt nicht besser: Ich wäre sieben Kaiserstöchter! Oder nur sieben Königstöchter! Aber mein Vater ist auch ein König, und ein ganz Anderer, und das ist besser für den Himmel; besonders wenn er seine arme Tochter in den Himmel nimmt, und die sieben Teufel in die Hölle stößt. Aber Gott auf Erden thut nur Alles mittelbar. Und ich muß auch so thun? Nicht wahr!“ — — Und dann lachte sie recht heimlich aber seelenfroh, und versicherte den, mit welchem sie sprach: . . . „Ich habe gethan! Das Gewölbe hat gethan; der Wein hat gethan; und — die Thür hat gethan! und das Letzte das Beste! Aber meinst Du nicht, mir wäre doch besser jetzt und in der abscheulichen Zukunft; selber im Himmel wäre mir und dem sündigen Herrn Paschalis besser, wenn Er . . . nein, wollte ich sagen, wenn die sieben Teufel alle andere Gebote nicht gehalten hätten, alle nicht: Das Erste, das Zweite, das Dritte, Vierte, Fünfte — — Siebente, Achte, das Neunte, das Zehnte nicht — aber nur Eines, das Eine, ein einziges Mal!“ Und dann weinte sie aus geschlossenen Augen, und zählte dann wieder die Teufel: Einer, Zwei, Drei, Vier, Fünf — — — dann erwachte sie aus ihren Gedanken, und fuhr, erschrocken vor uns, daß wir da gewesen, und fuhr in das Bett, wie ein Gespenst, zog die Tücher über sich, und wir hörten sie darunter dumpf mit den Zähnen klappen, und dazwischen noch aus ihrem Traume die behaltenen wieder auftauchenden Worte murmeln: „Es wäre doch gut für die Welt: ich wäre Sieben Königstöchter; denn die Sieben Kaiserstöchter hätten Sieben Väter, und die Sieben Väter hätten Sieben Herzen und Sieben Steuer solchen Unglücks“ — — — —

Das Mädchen deckte jetzt den weißen Schleier von Dorotheas Gesicht und Brust; und wie sie so schön und ruhig lag, und ganz unverstehlich und unausforschlich lächelte, sprach ihre Pflegerin zu Johannes: „Seht nur, ob Sieben Königstöchter schöner sein können! Seht nur getrost hin: Sie ist nun eine Königstochter! Und eines ganz andern Königs Tochter, der ein ganz anderes Herz hat.“