Doch Unglück schickt sich!
Schickt sich . . . . schickt sich . . . . murrt’ er und murmelt’ er. Unglück schickt sich nicht! Nicht einmal der Teufel schickt es. Wir machen es selber. Unglück — Ungeschick! Unglücklich — unschicklich . . . . . . Na! das dortige Unglück! Die Schönheit macht alles ausstehbar! . . . Das hiesige aber hat sich nicht geschickt, und hätte sich nicht geschickt. „Steffen! mein Steffen!“ würde der Vater sagen . . und die Mutter — — ach, es ist doch nichts besser als eine Mutter! — Rief sie nicht? —
„Mutter, hie bin ich!“ rief er, erweckte sich selbst, sprang auf — und Johannes stand vor ihm.
Und Stephan war verwandelt, und sah ihn mit großen Augen an, ergriff das Glas, setzte es aber derb nieder, um nicht zu verrathen, daß er sich schäme. Und Johannes wischte die Bibel vom Wein ab.
„Haltet das Buch in Ehren, Johannes!“ sprach Stephan; „es macht gute Freunde!“
Und so war es auch von nun an. Stephan schob auf den Soldaten, als einen mit Willen und Geheiß bewaffnet „losgelassenen Mordläufer“[*)], oder Subject aus einer Menagerie, was er auf den Menschen nehmen sollte, der in dem rasenden Tiger steckt oder gesteckt wird, und meinte: „mit Hunderttausenden dergleichen Subjecten losgelassen zu werden, vermehre die Wuth hunderttausendfach, und aller alten todten Soldaten Geist, ja aller heidnischen alten Armeen Dämon — denn bloß die christlichen Völker haben den Teufel — fahre in einen neuen Soldaten; und mit dem angezogenen Rocke ziehe der vernünftigste Mensch seinen Menschen aus, wie der frömmste Mönch, der des Papstes Kleider auf seine paar öffentlichen Jahre anziehe. Das sei Kastengeist, und die ganze Welt stecke separirt in tausend dergleichen Kasten, wie in Tollhauskammern und werde gleich wieder gescheid, wenn sie herauskomme, und wieder dumm und toll, so wie sie wieder hineinfahre, Berlicke! Berlocke! Berlicke! Berlocke! Wenn ein Mensch im Kriege seinen Feind auf Händen tragen und füttern wolle, wie sein kleines Kind — das wäre gegen Ordre, und ginge nicht! Und wenn ein Mensch zu Hause — nicht anderleuts Vater und Bruder, sondern bloß seinen Vater, seine Geschwister und seine Kinder so mit Bajonetten zerfleischen und mit Kugeln zerfetzen wolle, und Haus und Hof sich selber über dem Kopfe anstecken wolle . . . das ginge nicht! Johannes möge das glauben!“
[*)] In Indien geht Jeder einem solchen weit aus dem Wege.
Und Johannes glaubte das redlich, und der Leinweber Krieg, der da meinte: es wundre ihn nur, daß Alle, oder ein Paar nur, was schon genug wäre, nicht glaubten: daß Alle Gottes Kinder wären! — Stephan sprach erst nur so, weil der Ruhm der Seinen jetzt vom Sturme aus Deutschland zerblasen ward, wie eine reife Distel — „gefressen!“ sprach er satyrisch im Stillen; da er jedoch sich zu Hause bei den Seinen fühlte, so ward diese seine gute Gesinnung allgemach redlich, und er sagte laut zu Johannes, daß er für sie alle — und meinte Christel — einmal in eine verlorene Schlacht gehen wolle, geschweige alles andere thun. — Mehr könne ein ehrliebender Soldat sich nicht erbieten! Er trieb Johannes, daß er ginge und Christel holte, weil er ihr etwas gar Wunderschönes zu sagen habe von ihm und von ihr!
Christel aber schickte von selbst nach Johannes, aber mit sehr gelassenen Worten, weil sie wußte, daß solche bei ihm stets hinreichten, ihr alles zu thun, und schon eine Bitte ihn verlegen machte vor Rührung, so daß er oft darüber sie bittend angesehen, als bitte er um Schonung. Und um vielleicht ihm jetzt einen Schreck zu ersparen, hatte sie diesmal so spät, vielleicht zu spät geschickt.
Er eilte also bloß mit der Lust und Hoffnung: sie wieder zu sehn, nach der Stadt. Es dämmerte schon. Die letzten Dohlen flogen zu Rüste. Der Himmel war schwarz umwölkt — denn aus schwarzen Wolken fällt der weiße Schnee — und der Wind wehte mit den Flocken, wie Kinder Flaumfedern vor sich her blasen, um sie nicht auf die Erde zu lassen; — und wirklich: er hörte im Felde Kinder rufen . . . aber so weit rechts ab, daß er im Winde seine eigenen Kinder nicht erkannte. Und doch stand er und horchte, ob sie nicht riefen, vor Angst sich zu verirren? oder nach Hülfe? Und sein Herz klopfte laut, und er stand auf dem Sprunge hinüber zu eilen. Aber er freute sich; denn die Kinder riefen nur: „Mutter! Mutter!“ — Und wie ein Traumbild sah er auch ein Weib — sein eigenes Weib, seine Christel, stehen bleiben, und etwas Dunkles, wahrscheinlich ein kleines Kind, auf den Arm nehmen — das sein kleines Sophiechen war. Und er freute sich wie das Kind, daß es die Mutter hatte, und daß das Weinen still ward, und die Mutter wieder den beiden andern größeren Kindern voranschritt oder sprang! — kam es ihm vor. Und das Weib hatte in dem Nebelflor des Schneegeflirres ein gespenstisches Ansehen; und wenn er scharf genug sahe, so war sie nur halb bekleidet, und die Haare flatterten ihr in dem Winde voraus. Nun that ihm die arme Frau leid, die jetzt in den Thalweg nach Britzenheim zu verschwand . . und die Kinder verschwanden ihm hinter ihr — und alles war weg! Er lehnte sich an das hohe rothe Kreuz am Scheidewege, das im Winter ein Wegweiser war, und starrte noch eine Weile hin; aber es blieb still; und er hörte nur den Schnee säuseln; in der Ferne den Wind pfeifen; und wie der Wind herstrich, hörte er auch die Mühle von Zahlbach gehen; und die Mühle von Britzenheim; und dort in dem Dorfe ward Licht, und ein langer Schein strahlte davon bis zu ihm her, und weiter hinaus in den Himmel. Ihm grauste. Er schritt hastig zu, nur von dem Gedanken getröstet: Das Dorf sei nicht weit, und ehe er in Mainz sei, seien die Kinderchen und das arme Weib in Britzenheim!