Aber die Augen gingen ihm über. Und er trank hastig ein Glas Wein nach dem andern, schlug dann das wohlbekannte Buch zu, legte sich zugleich mit den Lippen darauf, als wenn er Vater, Mutter, Geschwister und Schwester Christel darin küssen wollte, blieb dann lang mit dem Gesicht darauf liegen, bis er Alles durchgedacht; dann richtete er sich auf, legte die gefalteten Hände auf die Bibel, und blieb so sitzen. Er war heim. Denn er hatte keine andere Heimath mehr, und wußte nicht welcher Stein diese Nacht noch sein Ruhekissen werden könnte, und welcher Rasen sein Deckbette. — „Welches Unglück! Wenn nun meine Schwester nicht ein Weib — wie Christel war, sondern ein Weib, wie — ich weiß nicht wie viel!“ dachte er. „Aber wenn die andern zu albern-guten Dinger auch nicht meines Vaters Töchter sind — haben sie nicht alle einen Vater: Einen!“ — Dabei schlug er mit der Hand noch auf gut soldatisch auf die Bibel; aber die Hand kam, von Scheu gemäßigt, nur sanft darauf hernieder. „Heute möchte ich Feldprediger sein! wenn wir welche hätten! Aber das sieht der Kaiser ein, daß Der, dessen Wort er lehrt, und die, die ihm alle Augenblicke Hohn sprechen, sich nicht wohl passen. Der, — warum nicht einmal wieder den Namen nennen — Jesus weinte über seine Vaterstadt, die sein Vaterland war; aber König darüber mochte er nicht sein, noch weniger: sich durch hunderttausend Umbringungen von seinen Brüdern als Herrscher erhalten — und herrscht doch, aber inwendig in den Menschen allein. Das Inwendigherrschen ist andern nicht respektabel genug! Das macht ihm kein Teufel nach, selbst unser Allergnädigster nicht. Es ist aus mit Ihm! Ich bin auch nichts mehr! Wir Alle sind nichts! Und zu erkennen geben kann ich mich nicht. Als wir im Siege waren, da redeten unsere Thaten. Nun im Verluste . . . mußte ich nicht ruhmredig werden, aufthauen wie ein altes Weib, das von ihrer Schönheit spricht, die einmal über ihr Gesicht gefahren, wie die Hand über . . . „den Verräther der Menschheit.“ Mußte ich nicht beschönigen und lügen! Großthun! Aufschneiden, um nur vor den Leuten bei Ansehen zu bleiben; und selber bei mir nicht vor Scham zu vergehn! Plagte mich nicht der deutsche Ahnen- und Titel-Teufel: mich für eines großen Mannes Sohn auszugeben, für eines Generalpächters Sohn, der wahrscheinlich eines Prinzen Sohn gewesen — weil er mit der ganzen noblen Gesellschaft das Hasenpanier ergriffen, anno: anno! Dies Jahr! wo es wieder andre Noble ergreifen werden! O Hasenpanier! Du bist allgegenwärtig! Und ich, ich möchte dich auch ergreifen, wenn ich nicht Sergeant wäre! Und den großen Unglücklichen verlasse ich nicht! Und mich auch nicht! Sitze, mein Stephan, und thue Gutes! Vielleicht lernst Du noch wieder beten — wenn das die Noth lehrt! Wir sind aber gelehrt: eher auf die Nase zu fallen, als auf die Kniee. Doch Unglück schickt sich! Und nun sang er, halbberauscht, gar den neuen Vers:

Soll Unglück sich schicken.

Stößt man sich am Grase,

Und fällt auf den Rücken

Und bricht sich — die Nase!

sang aber noch ärger dafür:

Man fällt auf die Nase

Und bricht sich — den Rücken!

Dabei sank er selbst auf den Rücken, dämmerte ein, schloß die Augen und redete dann halbschlafend, halbträumend: „Sacre: wenn meine Kinder in Rußland jetzt vielleicht die Knute kriegen, das sollte mich doch verdrießen! Oder wenn Einer von meinen Buben in Italien sollte Horas singen, oder, was Gott verhüten möge, in Rom einmal gar Papst werden; oder ein Schlingel wie der Mufti; oder in Spanien endlich ein Großinquisitor; alles und jedes möglich . . . denn was ist, oder das türkische Verhängniß beriefe mein Söhnlein aus Aegypten, und er würde ein Großthier — wie der Groß . . . das sollte mich doch verdrießen! Oder wenn gar eine oder die andere von meinen unbekannten lieben Töchtern — gewiß jetzt schon recht hübsche Mädchen! — das werden sollten, was ihre Mütter waren, Ehebrecherinnen, oder erlöste Nonnen und Contessinnen — —

Er ward wüthend und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß sie blutete, und schwere Bibel und Weinflasche wie vor Schreck in die Höh’ sprangen. Aber sich erinnernd, setzte er leiser nur grimmiger noch hinzu: