Dies Recht zu üben, froh den Tod nicht scheuen.
„Wie gesagt,“ erwiederte der Pathe Leinweber hierauf: „Ich gehe mit — denn meine Baßgeige wird nicht zur Wittwe, und meine paar Geigen nicht zu Waisen! Die kann Jeder streichen, und den Webstuhl Jeder treten, außer Einem oder Tausenden, denen die Beine weggeschossen worden oder werden. Aber Eure Frau ist keine Baßgeige, und die Kinder keine Armgeigen oder sogenannte Bratschen — die schon jämmerlich genug klingen. Doch, ich will Euch nicht wehren . . . . .“
„. . . Niemand! Niemals!“ schloß Johannes; „denn da steht auch: „Die Gottes Wege gehn, schützt Gott mit seiner Macht.“ —
Und doch ließ der bedenkliche Vater noch Tag nach Tag, noch Woche nach Woche verstreichen. Denn die Vergleichung seiner Christel mit einer, und gar noch verwittweten Baßgeige, gefiel ihm auf keine Weise. Noch die Waisen —
In dieser Zeit wurde seine Spannung und Angst immer größer, und St. Etienne’s Freundschaft zu ihm deswegen immer vertrauter. Auch Johannes wollte ihm wohl, recht wohl. Darum dauerte ihn der arme Schelm, als er ihm eines Abends sein Soldaten- und Beutegeld aus allen Nähten ausgetrennt und in einen kleinen Beutel versammelt, brachte, ihm aushändigte, ungezählt, denn ein lachender oder . . . vielleicht auch weinender Erbe nehme Alles ungezählt, und zähle dann schon selber nach, oder sich und den Seinen vor: wie viel es sei, was sich der gute Narr abgedarbt und aufgespart, und tränke allen Geizhälsen ein Vivat. „Doch ernstlich,“ sprach St. Etienne: „Die Posten werden jetzt weggeputzt wie Krauthäupter; und da zwanzig Lieutenants auf einen Gemeinen aus Rußland und Deutschland wiedergekehrt sind, so haben wir Sergeanten sogar die Ehre tagtäglich Wache zu thun; „wie ein Kronprinz einmal im Leben, bei vollem Magen den vollen Ranzen trägt, um zu wissen, wie schwer es den Soldaten Allen zeitlebens, besonders auf Hundertmeilenmärschen bei leeren Ranzen wird.“ Wir haben die Ehre! Sag’ ich, und wahrlich, das ist die größte Ehre — vor Schusse zu stehen! Als gemeiner Soldat bin Ich im Grunde der König des Krieges, der Gott des Schlachtwogenmeeres, des Dampfes und Donners! Der Oberwelt und der Unterwelt! Im Pulverdampfe athme ich Lebenslust! Wenn die Schlacht brüllt, wenn die Batterien rasen, da genieße ich meines Lebens, da bin ich mir aller meiner Kraft bewußt, und bin bis an die schlagenden Halsadern, voll von dem, im Schwanken und Schweben erst sicheren Gefühl: Ich bin da! Ich bin in der Welt! Was kümmert mich, wer siegt? Mein Sieg, mein Triumph ist mit dem ersten Schritte entschieden; Ich siege gewiß über Furcht und Elend des Lebens! Mein Muth ist unzweifelhaft — Ich bin unbesiegbar im Kampfe mit einer halben Million Feinde; denn ich stelle ihnen Allen: den Einen, einzigen — meinen Mann gegenüber, mein Alles, meine Habe, mein Gut, meine Erde und meinen Himmel. Ich bin ein Kern der Saat, die da wächst gegen die Rasereien der Menschen! Ich bin ein Vermittler und Friedensstifter! Der Kaiser kann geschlagen werden — Ich? — Nie! Er sitzt auf seinem Teppich und brockt Todesbrocken ein — Ich esse sie aus! Ich bin ein Soldat — Er ist ein bloßer Kaiser und König — von Gottes Gnaden! Und Gottes Gnade wendet sich überall stets von den Alleinklugen, den Blinden, den Tauben und Taubblinden. — Da nimm den Bettel!“
Und als Johannes das Gold nicht nehmen, selbst nicht ungezählt in Verwahrung behalten wollte, sagte er ihm: „Siehe mich, so lange ich noch sichtbar bin! Und siehe mich recht an! Wir haben uns wenigstens zweimal hunderttausend Jahre nicht gesehen, und können uns dreimal hunderttausend Jahre nicht wiedersehen, und das Wiederkennen ist schwer zwischen Masken und Masken . . . auf einem weltbreiten und weltlangen Corso! oder himmlischen Großthustraße! Jetzt aber wirst Du mich zu erkennen glauben, Johannes (denn so dumm und gläubig ist der Mensch); wenn ich Dir sage, Deine Christel ist meine Schwester! Und ich bin also ihr Bruder! So nennen die Menschen solch kleines Geschmeiß aus einem Mutterschooße! Und Du bist mein Schwager. Oder ist sie so gut, und ich so schlecht, so bin ich ein Soldat, ein unbegreifliches Ding und künftiges Unding; wenn die Todten nicht noch Dinge sind, oder nur Dünger, Bautzner Dünger, Leipziger Dünger und dergleichen, und Christel ist eine Mutter! Und eine Mutter ist das beste Thier unter den Cherubim und Seraphim! Meine auch! Geh’, bringe die Bibel! Die Bibel macht Freunde — Bluts- und Herzensfreunde und Seelenfreude! — Das war noch einmal ein Spaß, Steffen, daß Dir die Augen überlaufen! Nun mag man sagen: Schach dem — Kaiser! — der weidlich: „Schach den Königen,“ gesagt, und manchen matt gesetzt! Ja meinetwegen mögen selbst die schachmatten, durch die Völker — die Bauern — entsetzten Könige nun einmal zum Danke sagen: Schach den Völkern! und die Völker mögen sagen: Schach den Königen! oder mag ein Tölpel von Kometen gar das Schachbret umstoßen — der Spaß bleibt! Der Spaß war herrlich!“
Auf diese Freude, besonders auf dieses Zutrauen, das Johannes zu diesem Soldaten, der ihm ganz fremd und herb gewesen, und durch ihn nun zu allen Soldaten bekam, fehlte nichts: seinen Entschluß fröhlich sogleich auszuführen, als daß noch ein Handwerksbursche, ein Waffenschmied, im Dorfe und auch bei ihm fechten — Brod erfechten — umherging, der glücklich durch die Vorposten durchgeschlichen, nur ein weißes Hemd über seine Kleider angezogen, um in dem Schnee einem Schneemann ähnlich zu sehen, oder weiß auf weiß gar nicht gesehen zu werden, und der über den Gang nur Scherz trieb, den er aus der — für Johannes zu leicht wiegenden — Ursache unternommen, um in seinem Vaterlande, dem Elsaß, Waffen gegen die Deutschen, auch Russen zu schmieden. „Hundert!“ sagte er; „und mit jeder Spitze kann man hundertmal stechen, wie eine Wespe und nicht daran sterben. Denn der Waffenschmied selbst bleibt gesund und frisch dabei, und freut sich am Feuer, und schlägt nur mit Bosheit aufs Eisen. Wir Waffenschmiede sind unsichtbare Geister, und sollten alle wenigstens Geheime Kriegsräthe heißen! Ohne Geld keine Schweiz. Ohne Waffen, kein Polen! kein Frankreich! Häuser ins Wasser baut man auf Rost — von Holze; aber alle Reiche ruhen auf frischem oder doch auf altem verrosteten Eisen, Darum ist Vulcanus unser Patron, weil er hinkt, und weil er hinkt, hinken die armen Reiche auch alle, und haben auch keine Kinder, wie der Gott der Maulesel, und müssen sie darum rauben, wie Amazonen, aus väterlicher Kinderliebe!“ — So sprach er. Und für ein warmes Frühstück sang er viel lustige Lieder, und zeigte ihnen Schmachbilder auf Malaparte; denn wer sein Theil erwähle und behaupte, der habe nunmehr das schlechte Theil erwählt. Aber Gott schützt Frankreich.
Die Marterwoche, der Charfreitag zog nun Johannes unwiderstehlich zu Christel. Vor zwei Jahren hatten sie an dem Tage den Tremulanten gehört, und das ängstliche, ja abscheuliche blinde gotteslästerliche alte unsinnige Lied:
„O große Noth:
Gott selbst ist todt.“