und sie hatte darauf vom Tode Gottes geträumt, um zu merken: er lebe; sie hatte die Wassersuppe aus Bettelbrod vom Daniel mit Danke gegessen; und das Andenken an das arme gute Weib durchzuckte ihn, während er zwei weiße Ueberhemden und zwei weiße Nachmützen für sich und den Pathen aus der einsam stehenden Lade nahm; und der auf den Deckel gemalte Vogel sah ihn mit seinem großen Auge recht wunderlich an, und die gemalten Blumen selbst thaten ihm leid um Christel, geschweige sein Weib selbst, seiner Kinder Mutter, und selber die Kinder!
Als nun Stephan zur Nacht auf Wachposten gezogen, stellte er ihm noch zu Morgen den Schinken bereit auf den Tisch, und schrieb mit Kreide dazu: „Morgen komme ich wieder —“ fütterte Petern; vergaß aber ihn einzusperren; überließ dem schwachen russischen Unglückspropheten und Mitverbrecher an Dorotheen, dem in seiner armseligen Seele sich ohne alles Unrecht fühlenden, übrigens pudelguten Kosaken Sebastianow das Haus, wollte die morgende Nacht wieder zurück sein, nur einen Tag mit den Seinen verleben, wissen, wie es ihnen gehe, sie pflegen, ihnen rathen, helfen!
Und in der Nacht, noch ehe der Vollmond aufzugehen drohte, stand Johannes bereit zu dem kalten Gange, in das weiße Hemd gekleidet; und der Pathe Leinweber im weißen Hemde; und Einer setzte dem Andern vergnügt die weiße Nachtmütze auf; und in der dunkeln Stube, worein nur das Schneelicht durch die Fenster fiel, kamen sie sich vor wie Gespenster und gaben sich seufzend die Hände, und die Pelzhandschuhe gaben einen dumpfen Laut. Und als der Leinweber noch also von seinem Freunde Abschied genommen — weil er selbst gern der Noth entkommen, nicht das Letzte mit aufzehren zu helfen und nach so lange auch wieder nach Hause wollte — traten sie Beide die Viertelstunde Weges an, der wie eine Kettenbrücke, über eine gefährliche Kluft führte, die sie bisher unerträglich getrennt hatte. Aber sie wären lieber durch die Luft geschritten, als auf der Erde einen knisternden Schritt nach dem andern dahin.
Sie traten heraus; und linksher erklang ihnen ein glückliches Zeichen in himmlischer Luft. Denn der alte Psalm des alten Heerführers Moses erfüllte, wie heiliger Erdduft aus umgeackerter Erde die Räume der heitern glänzenden Nacht voll derselben alten Gestirne, und die alten Worte flossen zum Herzen, wie Blut der Welt. Und sie standen betroffen und hörten. „Ehe denn die Berge worden, und die Erde, und die Welt geschaffen worden, bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit. Der du die Menschen lässest sterben, und sprichst: Kommet wieder Menschenkinder!“ —
„Die Menschenkinder sind die Franken auf der Schanze!“ sprach der Leineweber leise, während sie weiter gingen. „Die Psalmen haben sie aus ihrer Kinderzeit noch behalten, sonst nichts. Und wie der Herbst den Hirten ein Lied abzwingt, so preßt ihnen die stille Gewalt der Winternacht auch wieder ein Lied aus, Lebensmost! und wir trinken ihn mit den — Ohren! Ich möchte auch aus mir was herauspressen! Aber alles, was seine Zeit hat, hat auch seine sogenannte Unzeit!“
Johannes schwieg.
Sie kamen nun vor dem Dorfe ins Freie. Unten Alles ein unübersehliches weißes Gefild. Es war, als wenn die weiße silberfunkelnde innere Domdecke vom Himmel ab, auf die Erde gefallen, und nur von dem breiten Gurt des Gewölbes nicht; denn die Milchstraße war breit und weiß, wie stiller wolkiger Flor da droben hangen geblieben; aber sie schimmerte nicht silbern, sondern funkelte golden; und daneben — da überall, wo die Decke herabgestürzt und wo nun ein unergründlicher Bau durchsichtig sich aufgethan hatte, da funkelten klare Gestirne golden, wie große Ampeln in fernen, fernen Gemächern und Sälen, nur klein, und ruhig. Und während Johannes, der voran ging, den Himmel vor Angesicht hatte, fiel ein Stern aus dem dunkeln Blau, entzündete sich wie ein feuriger Komet, und schoß mit langem Schweife, Strahlen und Funken versendend, vorüber.
Sie blieben einen Augenblick stehn — und Peter der Hund war bei ihnen.
Denn in Daniel war die Sehnsucht der Mutter zur Reife gekommen, wie Saft und Kraft und Wärme der Erde hinaufgesogen wird in ein junges Fruchtbäumchen; und statt ihrer und seiner Geschwister war er glücklich in seines Vaters Haus gelangt, ein Bündel mit frischbackenem Kuchen, wohlgeschichtet und vorsichtig getragen, im reinen Tuch, und tausend Grüße auf seiner Zunge. So saß er daheim auf der Ofenbank, und harrte des Vaters, nachdem er in der dunklen Schlafstube leise auf sein Bette gefühlt und davor gefragt: „Lieber Vater! schlaft Ihr schon? Die Mutter ist wieder gesund!“ Und beim zweiten Bett hatte er gesagt: „Lieber Vater! Ich bin da! Seid aber ja nicht böse; Ihr konntet mir’s nicht erlauben, und die Mutter weiß es nicht. Nur Wecker. Aber ich bringe Euch Kuchen, den sie gebacken hat; denn sie hilft dort im Hause und macht die Wirthin.“ So hatte er gestanden, bis er gefühlt, daß das zweite Bett auch unberührt war, und in allen Winkeln Niemand; und so saß er denn still im Dunkeln am Ofen, und neben ihm schnarchte der ihm verhaßte, weißbärtige Sebastianow, während der Vater und Krieg in der Nacht hinschritten.
Der Hund aber schlug jetzt einmal zu bellen an, da das Feldgeschrei der nahen Vorposten umher scholl; denn er hörte seines Herrn, St. Etienne’s Stimme heraus, der nicht mehr entfernt, auf dem letzten Posten stand, wo Johannes mit seinem Gefährten vorüber mußte, Johannes rief Petern; und sie knüpften zwei Tücher zusammen, das eine Ende derselben fest an den Ring seines Halsbandes, das andere fest an einen Zaunpfahl im Felde, und bedrohten ihn stumm und streichelten ihn, damit er schwiege und bliebe. Ihre Angst erwachte. Denn der tiefe Hohlweg, der sie bis zu der Zahlbacher Mühle gedeckt hatte, gab sie nun auf und frei; und nachdem sie die Mühle umschlichen, deren Geklapper ihr Ohr erfüllt, standen sie eine Weile mit Herzklopfen nach der zweiten, der Britzenheimer Mühle spähend und horchend, nach welcher sie nun links über das offene Feld sich schleichen mußten. Und hier in der Stille hörten sie wieder, aber schwächer den von vielen deutsch-französischen Männerstimmen gesungenen Psalm: „Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft. Denn er ist mein Hort, meine Hülfe, mein Schutz, daß mich kein Fall stürzen wird, so groß er ist. Wie lange stellet ihr Alle Einem nach, daß ihr ihn erwürget, als eine hangende Wand und zerrissene Mauer? Sie denken nur wie sie ihn dämpfen, befleißigen sich der Lügen, geben gute Worte, aber im Herzen fluchen sie. Sela.“ — Die Luft strich ein Weilchen, und bog den, schwach ihnen nachfließenden Gesangstrom seitwärts, und wandte ihnen erst wieder die Worte zu: „Meine Zuversicht ist auf Gott. Hoffet auf ihn allezeit, lieben Leute, schüttet euer Herz vor ihm aus. Gott ist unsere Zuversicht. Sela. Aber Menschen sind doch ja nichts, große Leute fehlen auch; sie wägen weniger denn nichts, so viel ihrer ist.“ —