„Wenn der knisternde Schnee jetzt fünf Minuten lang nur Flaumenfedern wäre! oder heute schon: künftiges Wasser, daß er nicht knarrte!“ flüsterte der Leinweber dem Pathen zum Ohr. „Jetzt, Johannes, denkt, ihr seid wieder ein Knabe; und daß Euch der Vater nicht sieht, sollt ihr unter den niedrigen Fenstern wegkriechen, zu den andern Kindern, zum Spiele. Also gebückt! Und glaubt mir in aller Stille, daß mir der Buckel dabei weit weher thut, als Euch — denn ich bin kein Schneider! Wir Leineweber sitzen kerzengrade; und wir Baßstreicher stehen wie Lichter — aber ein Wurm krümmt sich — denn dort dämmert der letzte Posten, bei dem wir, Schneckenpost, vorüber müssen. Nun, Glück zur höflichen Reise!“

Und während sie jetzt so wunderlich wie zwei weiße Eisbären — vom losgekommenen Hunde gefolgt, schweigend und mit verhaltenem Stöhnen, dem Posten sich nahten, und ihn umschleichen wollten, auf welchem grade in dieser Nacht St. Etienne stand, wurden sie die Nähe von dem ersehnten Britzenheim und der Feinde, in der stillen Nacht deutlich aus dem fröhlich gesungenen Liede (von Theodor Körner) inne: „Die Hölle braust auf in neuer Gluth, umsonst ist geflossen viel edles Blut, noch triumphiren die Bösen. Doch nicht an der Rache des Himmels verzagt, es hat nicht vergebens blutig getagt, roth muß ja der Morgen sich lösen.“

Jetzt trat plötzlich ein blutrother Mond aus dem Himmel; aber er blieb nicht stehen, sondern er flog über dem Himmel, wie ein purpurner Ball von einem Riesen geworfen, erhellte die Gegend — und fiel entfernt, wie es schien, in die schwarzgrünen Fichten der Berge. Und um nicht aufzustehen, setzten sich vor Verwunderung die Freunde einen Augenblick, und sahen sich nahe in die Gesichter, um sich einander schweigend zu fragen: welch Zeichen das sei? Und wieder floß deutscher Gesang jetzt näher und stärker daher: „Und noch regt sich mit Adlerschwung der vaterländische Geist! Und noch lebt die Begeisterung, die alle Ketten reißt! Und wie wir hier zusammenstehn, in Lieb’ und Luft getaucht, so wollen wir uns wiedersehn, wenn’s von den Bergen raucht. Drum frisch, Gesellen, Kraft und Muth! Der Tag der Rache kömmt! Bis wir sie mit dem eignen Blut, vom Boden weggeschwemmt. Und Du, im freien Morgenroth, zu dem dies Hochlied stieg, du führ’ uns, Gott wär’s auch zum Tod! Führ’ uns das Volk zum Sieg!“ —

Jetzt sahe Johannes den letzten französischen Posten, und auch der spürende Hund sah ihn und boll. Der Pathe hielt ihm die Schnauze zu. — —

„Wer da?“[*)] rief St. Etienne.

[*)] Qui vit?

Krieg drehte sich hinter Johannes um, und nahm eine andere Richtung in seinem Krebsgang; aber seine jetzt grade ungewogneren Tritte knisterten lauter im Schnee. Johannes blieb todtenstill, hatte die Augen fest geschlossen und war sich selbst wie verschwunden. Peter winselte freundlich und wedelte mit dem Schwanze.

„Wer da?“ scholl es lauter.

Und Johannes warf sich auf die Erde und kroch auf Händen und Füßen weiter, während von einer andern Seite die Worte ihn mit Schneegeflirr vermischt überrieselten: „Nicht leichten Kampfes siegt der Glaube, solch Gut will schwer errungen sein. Freiwillig tränkt uns keine Traube, die Kelter nur erpreßt den Wein; und will ein Engel himmelwärts, erst bricht im Tod ein Menschenherz.“

„Wer da?“ rief St. Etienne jetzt zum dritten Male in gespannter Entrüstung,