Der Hund lief hin. Johannes wollte behend wie ein Pfeil entrinnen; er wollte hinzu, und mit dem Manne mit männlicher Gewalt kämpfen — und zuletzt glaubte er, zwischen den schnellen Entschlüssen schwebend, er glaubte Stephans Stimme erkannt zu haben . . . und vor Freude und Hoffnung versagte ihm die Sprache. — Da sank er schon; und den Schuß selber hörte er nicht in den Schluchten verhallen.

Die Wache tritt ins Gewehr. Der gnädige Gottlieb hört von St. Etienne, daß er Etwas erschossen, was sich durch die Posten schleichen wollen. Der Hund springt an ihm herauf. Herr von Ellenroth eilt mit der Laterne zum Ort. Der gnädige Gottlieb folgt mit den Andern, und St. Etienne findet die sonderbare Gestalt, wendet sie um, leuchtet ihr in das Gesicht, und erkennt seinen Wirth, seinen Freund, der noch athmet, der ihm kein Wort mehr sagen kann, nur schwach die Hand noch reichen. Und als St. Etienne seine noch übrigen paar Thränen, kurz aber heiß über den armen Freund geweint, sprach er: „Hättest du nur deinen Namen genannt! Oder ein Anderer nur deinen — ich hätte nicht geschossen; und ich begreife beinah: wie ein Mensch Jemandem mehr sein kann, als ein Kaiser und König. Aber waren nicht Alle die vielen Andern auch Menschen . . . die ich . . . . — Ach! . . . . Meiner Schwester wollte ich Freude machen; und ach, ich habe nicht ihm in die Brust geschossen, sondern mit ihm — Ihr grade ins Herz! Sie selber läge hier besser! Und ich am besten!“

Der sausende Mond aber war ein Zeichen zum Ueberfall gewesen; — ein im Dunkeln durchblitztes, durchklirrtes, durchschrieenes Getöse wie von Geistern — und in einer Viertelstunde war kein Feind mehr in Britzenheim und weiter hinaus. Die Wege waren frei, und Christel war frei, die ruhig schlief, während der wahre Mond wie eine goldene Scheibe im Feuer glühend, doch kühl über den Horizont heraufstieg, und mit göttlicher Ruhe das heiligruhende, purpurschimmernde Schneegefild beschien — und Johannes entlaubte Bäume, und Johannes auf immer verlassenes Haus. So still! So göttlich!

XII.

Inhaltvolle besorgte Eil schien nun Stephan zu drängen. Nach der getümmelverworrenen Nacht erst suchte er seinen todten Freund wieder auf, und ließ ihn nach Zahlbach tragen in sein Stübchen; nicht nach Britzenheim, wohin doch der Lebende — vor sein Leben gern begehrt. Dem Todten aber meinte er keinen Willen mehr zu brechen, noch einen zu erfüllen; und statt Freude bei Christel zu bringen, hätte er ihr nur plötzlichen Schreck gebracht. Als aber die Sonne aufgegangen, machte er sich dafür selbst auf den Weg zu seiner Schwester, die schon unglücklich genug, noch auf vielfache Weise unglücklicher hätte werden können, und jetzt noch, ja erst werden konnte, je nachdem in ihrer Seele die Ereignisse sich nun reiheten, und in welcher Folge sie über ihre Brust fielen, wie Tiger. Und so ging sein größter Kummer, wie ein unsichtbares Gespenst, unempfunden an ihm vorüber, weil er nicht wußte, daß der Leinweber treulich mit Johannes gegangen und treulos entflohen war. Diese Kenntniß würde ihn rathlos gemacht haben auf seinem Gange zu Christel; denn der hohlsausende Thauwind, der plötzlich grau gewordene verwesende Schnee auf den Feldern; der herabrieselnde Regen; ja selbst die neugrün hervortauchenden Raine und Kämme der Saatfelderbeeten, die wie aus einer seligen, seligen Zukunft erschienen waren, die er nicht fröhlich mehr sehen sollte; selbst ein, wie aus dem Winter geretteter Vogel, der, einige Töne zwitschernd, die Kehle probirte zum Frühlingsfeste, keine Ruh auf den Zweigen hatte, zwischen hangendem Schnee und braunen Frühlingsknospen, und eifrig von Baum zu Baum flog, weil ihm keiner gefiel, und doch die rechten grünbelaubten, mit Blüthen ihn verbergenden, säuselnden „Häuser auf einem Stamme“ noch nicht da waren; und vollends erst das Geräusch der sich sammelnden Wasser . . . und das ferne süße heilige Rauschen auf Berg und Wald — das Alles stimmte ihn weich, wie er als Knabe gewesen voll Hoffnung; aber jetzt weicher, denn alle seine Hoffnung war hin, und aller Schmerz war da, und das Vorgefühl des größten und des letzten. Doch auch die letzte Freude war nah; und sie austräumend, und ausspinnend, ging er mit gesenktem Haupte, aber lächelnd, und sahe seine Christel gleichsam unter der Schneedecke des Weges immer mit ihm schweben: wie sie jetzt roth ward; jetzt blaß; jetzt weinte; und ihm war, als schiffe er, übergebeugt im leisen Kahne, oder als ginge er auf dem blühenden Ufer eines tiefen, klaren Wassers, und Christels klare Gestalt unter ihm war sein eigenes Bild in dem Wasser!

Plötzlich stand ein Mann vor ihm, der ihm erstaunt ins Gesicht sah.

„Wecker! Todtenwecker!“ rief St. Etienne, und reichte ihm die Hand.

„Ein Ungehangener darf sie schon nehmen und geben!“ sprach Wecker, der viel von seiner saubern Tracht verloren, und den kleinen Gotthelf auf dem Rücken — reiten hatte. „Gut, daß Ihr Britzenheim gefangen habt! denn leider Niemand, das heißt kein Mann, kam aus Zahlbach, der mich kannte und anerkannte! Lieber will ich, ehrlich erschossen, auf einem bockenden Pferde in aller Welt herumgaloppiren, als auf den Tod sitzen, den Strick in der Hand, und aqua toffana schwitzend vor Bosheit! Ich habe es gestern durch den Daniel dem Johannes sagen lassen, denn meine — wollte ich sagen: Christels Angst war groß!“

„Wo ist mein Daniel! Ist er bei Euch?“ rief jetzt Christel, ihr Kleinstes auf dem Arme, über den Weg; und ihr Mutterherz trieb sie getrost, sogar dem gemiedenen Sergeanten unter die Augen zu treten, herüber durch den Schneewasser-Bach auf dem Wege. Stephan ergriff ihre Hand, um sie auf den Fußweg zu ziehen und sprach: „Euer Johannes schickt Euch gewiß den Händedruck: und ihm ist wohl, so wie wir Menschen davon wissen! Seid nicht böse. Aber Daniel ist bei uns zu Hause?“ frug er bedenklich.

„Nicht! Nicht?“ tönte aus der Mutter Brust, wie aus einer zerrissenen Welt; und ihre großgeöffneten flehenden Augen gossen einen heiligen Strom von Wehmuth — in seine Augen voll Wehmuth.