„Wo wird er denn sonst sein!“ rief Wecker, barsch vor Angst.
„Christel,“ sprach Stephan gedrängt, „was soll ich es Dir verhehlen liebes, liebes, gutes Weib — ich komme Abschied von Dir zu nehmen — ich ziehe nach Hause zum Vater, denn ich bin schwer verwundet — — —“
Christel erröthete und erblaßte.
Stephan nahm ihr das Kind vom Arm, liebkosete es, und sagte: „Also lebe wohl! und reiche mir zum letzten Male Deine Hand!“
Sie gab sie. Er aber hielt sie fest, sahe ihr tief und nah in die schönen schwarzen Augen, und flüsterte ihr leise zu: „Weißt Du noch, als der Vater das Haus baute, und Du ein Lamm hattest als kleines Mädchen; und das Lamm Dich umstieß; und wie Du aus den Blumen aufstehen wolltest, und wie es Dich immer wieder hinstieß — wer erlösete Dich denn aus den Blumen? Christel! „Brodchristel,“ wie wir Geschwister Dich nannten!“
„Mein Bruder!“ rief Christel; „Steffen!“
„St. Etienne!“ sprach Stephan, mit dem Finger auf seine Brust deutend. Aber wie sie vorgebeugt, und mit offenen Lippen und irren Augen ihm in das Gesicht sah, sank er langsam um, und mit einem Schrei ergriff sie das Kind. So blieb sie wie aus einem Traume erwachend stehen, und aus ihren Zügen entstieg gleichsam, wie rauchender Hauch aus Wasser im Winter, die ausgestandene Angst, und Schreck legte sich wie Reif über ihr blaß gewordenes Antlitz; und wie sie so reglos stand, erhob sich Etienne wieder, küßte sie auf die schöne geneigte Stirn — schrie laut, wandte sich ab und schritt von hinnen. Denn er sah von weitem Daniel gelaufen kommen, der ja nun wußte . . . daß er, ihr Bruder, ihr den Mann erschossen . . . . und vielleicht auch mehr erzählte, als Christel jetzt erfahren sollte — bis er dahin geschieden.
„Bruder!“ rief sie ihm nach, „mein Bruder!“
„Zum Teufel! Gott sei bei uns . . .“ rief Wecker, „so bleibt doch!“
„Schwester! — Schwester, leb wohl,“ rief er zurück, und sprang in den Hohlweg, wie ein Seliger froh; denn seine Schwester hatte ihren Bruder wieder gesehen, rein den Reinen, ohne Schuld und Fehl; und nun sollte sie ihn nur auch noch rein und redlich — den Redlichen beweinen, wenn auch nicht den Reinen; dann mochte sie Alles erfahren; denn keine spätere Schuld kann frühere Unschuld rückwärts im Herzen ermorden; kein späterer Schmerz kann einmal genossenes Glück zu Unglück verwandeln — nur färben! „und wie oft habe ich nach durchwachten Nächten gesehen,“ sprach er: „wie die Morgendämmerung selbst schwarze Gegenstände herrlich blau färbt, selbst Todtenkreuze! Und vielleicht auch thut es die Abenddämmerung . . . in welcher das neue junge Weib von sieben und zwanzig Jahren nun leben wird, bis ihr das Alter oder der Tod die Zahl zwei und siebenzig dafür ganz leise auf das Kreuz ihres grünen Hügels schreibt!“