Und doch stand Stephan hinter einer hohlen Eiche, und harrte, und lauschte, und brannte zu hören, wie Daniel seiner Mutter erzählen würde, wie er sich allein bei dem Vater gefürchtet, den sie ihm in das Haus getragen in weißem langem Hemde.

Und siehe, da richtete sich Johannes in weißem, langem Hemde vor Stephan auf, der ihn aus der Eiche, wie aus der Erde hervorkommen sah. Und ob er es gleich nicht begriff — so durchzuckte ihn Freude, daß er gelähmt stehen blieb, und dann laut seiner Schwester rief. Doch sich besinnend erkannte er den Pathen Leinweber, der im ungewohnten Lauf und der blendenden Nacht sich an einem Pfahl gestoßen hatte und liegen geblieben war, durchnäßt, von Furcht, vom Krampfe, und endlich vom Schlafe gefesselt.

Krieg frug ihn, belebt, nach Johannes.

„Ich weiß nichts von ihm;“ antwortete Stephan, froh, daß jener nichts wußte, und deutete ihm auf Daniel, und Wecker und Christel, die dem Knaben entgegen eilten.

Krieg schlich auf sie zu. Und auch Stephan faßte den äußersten Muth: stehen zu bleiben. Und selbst in der geringen Entfernung war er jetzt am hellen lichten Tage wie unsichtbar, weil Christel ihn jetzt nicht vermißte, an ihn nicht dachte, vor Freuden über Daniel. Aber . . . er hörte die Stimme des Knaben, die der Wind zerriß; und das Weinen; und ihren Ausruf über die Gestalt des Leinwebers . . . und die Wörter . . . „Baßgeige,“ und „Armgeigen,“ und Weckers lautes Wort: „so muß er begraben werden — am Auferstehungstage! Auf den Fall giebt es noch kein Lied! . . . Schade, daß der alte Vater Frommholz nicht mitkommen kann! Wir zwei begraben rechtschaffen! Das kleine Ding, Clementinchen, rückt zu; das ist ein gutes Kind! Und mein großer Friedrich ein großer Schlingel!“ — Und er sahe darauf, wie sie Krieg an die nahe Stelle führte, wo Johannes Blut den Schnee befleckt hatte — und sah seine Christel verschwinden . . .

Und er zog seinen Weg.

Endlich fuhr Christel empor und eilte mit Daniel, Hand in Hand, nach Hause.

„Sie werden bloß zum bloßen Hause kommen, nicht mehr nach Hause! Wittwen und Waisen haben keine rechte sogenannte Heimath mehr, und müssen erst wieder von Grund aus, d. h. vom Tode des Vaters aus, ein neues Leben anfangen;“ sprach Krieg zu Weckern, indem sie beide langsam nachfolgten, jeder Eins der Kinder auf dem Arm, die Wunderliches frugen, und von den beiden Alten gar wunderliche Antworten erhielten. Sie kehrten vor Hunger in der ersten — wohlriechenden Mühle ein, ja selbst in der zweiten, obgleich bei diesen erst der Backofen wohlroch, und — wärmten die Kinder aus. Aber es war zu viel zu malen, um Kuchen zu schneiden. „Verdammter Krieg!“ sprach Krieg. Zuletzt verweilte Wecker den alten Freund noch auf dem Kirchhofe, „wegen eines drei Ellen tiefen und doch unergründlichen Loches,“ in welches er als Kind stundenlang hinabgesehen, um die Grube auszugrübeln und auszustudiren. — Und so überzögerten sie „die erste wahrhaft traurige Zeit eines Weibes, aber nicht die letzte — und die Frist: daß eine wie vom Himmel gefallene Wittwe sich nothdürftig ausweint, und den Thränenquell zum Fließen bringt! Und ein Mann ist nicht Freund von Klagen ohne Hülfe, und schenkt nicht gern den noch ungegohrenen trüben Most des Trostes ein, wobei Zwei alte Menschen Ein Narr sind oder Ein Stummer“ — wie Wecker sagte.

So fanden sie Christel mit ausgeweinten Augen, aber schon sehr sauber in weißem — Trauerkleide, da sie kein schwarzes hatte. Aber das schwarze Tuch um den Busen und Kopf erregte ihr bei den Kindern und selbst bei den Alten: die uralte Scheu und Ehrfurcht vor der uralten Nacht und dem Tode, die an Lebendigen, Liebenden und Geliebten so sichtbar schwarz und traurig abgespiegelt, ganz wundersam, ja heilig erschienen. Die Kleinen aber packten das Tuch mit dem Kuchen auf, langten Beide jeder Zwei Stück, je Eines in jedes Händchen, und setzten sich schon hin in den Winkel, um ruhig umzeche von beiden zu essen; als Daniel es ihnen verwies und sagte: „Wie könnte ich nur den Kuchen essen, der für den Vater bestimmt ist! Ich wüßte da nicht, ob Er ihn äße, oder Wer!“ Und die Kleinen legten ihn hin. — „Ja,“ sagte Wecker, „folgt nun Eurem Daniel! Er ist nun Euer kleiner Vater.“ Und so langte er selbst zu, und legte dem Pathen hin, und die Alten aßen; und selbst der hingestellte Schinken ward von dem so lange hungernden Weber angeschnitten. „Muth!“ sagte Wecker; „was schadet Rauch und Fleisch der Traurigkeit? Denn ein Schinken bleibt ewig ein Schinken — oder leider nur eine kurze Abschnittszeit — Wecker bleibt Wecker! Und Johannes bleibt Johannes in Ewigkeit und kommt nur nicht wieder.“

Christel aber brachte ihnen die letzte Flasche Wein, goß in die Gläser, kostete selbst — weil ihn Johannes gepreßt hatte, und gab auch den Kindern zu nippen von des Vaters — Mühe und Wohlthat, die so golden im Glase blinkte, wie sie still dabei empfand. Dann stellte sie das Glas hin und erblickte die große mit Kreide deutlich geschriebene Schrift: