„Morgen komme ich wieder, lieber Steffen.
Seid ja nicht böse auf mich!

Johannes.“

Sie las sie vor Schreck, unbewußt, laut; und ging vor Wehmuth dann hinüber zu ihm, und legte sich schlummern. Daniel aber sah es durch das Fenster, und setzte sich in das kalte Haus vor die Stubenthür Wache, daß Niemand die Mutter störe, die von schwerer Krankheit unter Sorge und Kummer mühselig genesen, schon lange so blaß aussah, daß er ihr sonst im Scherz, aber aus innerer Angst, die Wangen roth rieb mit den warm gehauchten drei Fingerspitzen; dann sahe sie wohl aus, dann war er froh!

Sie aber träumte jetzt bis die Sonne unterging — nicht von dem neuen Unglück, welches der wohlthätige stilleste Freund der armen Menschen, der Traum, erst wie eine nachreifende Frucht, bis sie süß und lieb ist, auf spätere Nächte aufspart; sondern sie träumte von ihrem alten Glück. — Sie war ein kleines Mädchen; und das Lamm stieß sie in die Blumen; und Stephan nahm sie auf und an seine Brust, und sie schluchzte vor Seligkeit. — Sie schlug grade die Augen auf, als die blitzende Sonne sank — und ein ungeheurer Donnerschlag fiel und riß sie empor von dem Bett; und das Haus schütterte; selbst die Bäume zitterten; und die Erde unter ihren Füßen bebte weit hin — und die Thüre sprang auf, und sie sah den Knaben sitzen; und eh’ noch der Wiederhall rings umher den Wetterschlag ausposaunt, stand sie, in irrigem Wahn, schon vor ihrem todten Johannes, was ihm geschehen sei? Aber es quoll nur Blut aus seiner erschütterten Brust.

Wecker und Krieg und selbst Daniel liefen hinaus. Sie erblickten nur noch eine sanft sich verziehende Wolke von blauem Dampf, der die Abendröthe durchschimmerte. Auf der nahen Klubbistenschanze standen aber mehrere Soldaten um Etwas, das sie betrachteten; und so eilten sie mit einigen aus dem Dorfe auch zu den Neugierigen, und drängten sich endlich Raum zum Sehen, und sahen und hörten. Und Einer sprach zu den Andern! „Uff! der hat kurzes Ende gemacht statt des langen! Er sah, Wir fallen alle, verlieren den Ruhm und vergehn in Schande. Er starb noch in vollem Monde der Ehre, im großen Tage des Vaterlandes, in welchem bald — einst — und nie ein Franzose mehr sterben kann!“ Und ein Andrer sprach: „Die sechs Kanonen hat er auf Einen Punkt gerichtet, da er jetzt Wache hier stand — alle mit Granaten geladen; dann durch einen mit Pulver eingeriebenen Faden, über kurze Luntenstummel verbunden, hat er hier stehend sie alle zugleich abgeprotzt.“ — „Ein Vorwand! Ein Kind von zwei Müttern geboren!“ sagte noch ein Andrer. „Er hat in letzter Nacht seine Schwester durch ihren Mann erschossen. Durch und durch! Also zwei aufeinmal.“

„Also das Wer da? Wer lebt? heut in der Nacht auf unserem Wege zu Christel kam von Stephan?“ sagte Krieg bestürzt.

„Ist gekommen!“ sprach Wecker. „Dein Reich komme!“

„Und hier erschießt er sich nun!“

„Hat sich! sprach Wecker wieder. „Vergieb uns unsere Schuld! Es ist kein tempus besser für Jeden, als das praeteritum! Und zum Glück ist unser Aller Gegenwart kein Wartendes, sondern ein Gehendes, Laufendes, Verschwindendes.“

„Der Mann ist wie verschwunden!“ sagte der gnädige Gottlieb. — „Er liegt in hundert Stücken;“ sagten Mehrere, ohne seine Gebeine zu sammeln, und besahen nur die Brocken des tapfern verwogenen Mannes — zerrissene Stücke von Tuch, von Leder, vom Seitengewehr, keines einen Handteller groß; und weit verstreute einzelne Knöpfe. Nur ein Lustigmacher setzte sich den weggeschleuderten Tschako auf. „Wen der Teufel holt, der braucht keinen Sarg!“ meinte der gnädige Gottlieb. Daniel aber sah etwas entfernt, Petern, den Hund, an einem Strauche sitzen, ging hin, und wollte das verlassene Thier mit zur Mutter nehmen. Er kam aber stumm wieder zu Wecker und Krieg gelaufen, und zog sie nach; und sie sahen den Hund vor dem unversehrten Kopfe St. Etienne’s sitzen, und die Augen desselben sahen dreist in den Abendhimmel. Und Wecker sprach: „Ein Hund weiß doch, wer der Mensch ist! Er sitzt nicht bei einem Beine, oder Arme; nicht beim Seitengewehr, selbst nicht beim Herzen — er sitzt bei den Augen, bei dem Kopfe, beim Verstande! Darum sollte Peter eigentlich nicht bei dem Unverstande sitzen!“ Darauf kam Herr von Ellenroth, hob den Kopf behutsam auf, verhüllte und bewahrte ihn, und trug ihn fort; und der Hund lief nun mit ihm, wie gebannt.