„Schweigt!“ hatte der junge Freund ihnen noch geboten! Und sie nun wieder empfahlen dem Daniel zu schweigen, der Mutter willen. „Siehe, mein Sohn,“ sagte Wecker, „so kann Jemand nichts gesehen haben in der Welt! So haben wir Alle in Europa jetzt Nichts gesehen und gehört — und schweigen, und wissen doch, wer den Kopf nun hat, und wer keinen — nämlich wir! nämlich nicht! Aber wir haben ein Herz! Und die Stunde zum Reden wird kommen, mein Daniel, dann kannst Du der Mutter Alles sagen.“ Da ihm Christel aber auch des Propheten Gesicht von der Genugthuung, als Vorbereitung zum jüngsten Gericht, erzählt hatte, so sprach er auch noch voll Verwunderung: „Wie aber der Stephan einmal sich selber wieder herstellen wird, — das ist mir zu hoch!“
So mit gedrücktem Herzen und scheuen Blicken traten sie wieder zu Christel ein; aber nur Daniel fiel ihr um den Hals. Und die Mutter sagte ihm selber: „Du guter Junge! Wir sind ja nicht ganz verlassen — ich habe nun meinen Bruder! Der wird mein Trost und Euer Vater sein. Nur heute morgen war er so sonderbar — Ihr wißt aber nicht warum, und danket Gott dafür!“
„Ach, meine Mutter!“ sprach Daniel, und wandte sich weinend weg.
Eine geraume Zeit nach dem Sonnenuntergang, eben als der Kukuk neunmal in der Kammer rief, als sehnte er sich nach dem alten Frommholz, trat der Herr von Ellenroth langsam und leise ein — und sagte aus gutem Herzen nicht: „Guten Abend,“ sondern: „Ich muß Euch doch besuchen, liebe Christel; ich komme so gern, und muß. Denn hört Ihr nicht aus der Ferne die Schüsse? Man wird uns die Vertreibung vertreiben, und uns Eingeschlossene noch enger einschließen. Darum läßt Euch Herr Paschalis sagen und bitten: Ihr sollt so bald als möglich mit den Euren in die Stadt zu ihm kommen. Am Hause kann Euch nichts mehr gelegen sein, und er will Euch jede Stecknadel mit einem ganzen Briefe vergüten, geschweige das Andere, was Ihr hier laßt, oder lieber sogleich an die Aermsten im Dorfe verschenkt, wozu Paschalis Euch rathen läßt. Ich habe den armen Vater Paschalis ganz verändert gefunden; denn seit jenem Abend, wo vormals Euer — nun wieder der Welt angehörige Johannes meine Dorothea todt gesehen, war ich aus Schmerz und vergeblicher Sehnsucht nicht mehr bei ihm im Hause gewesen. Heute zur Osternacht ließ er mich zu sich entbieten. Er meint es auch gut mit Euch. Kommt! glaubt mir! Denn . . . ich habe eine Todte, und Ihr einen Todten; wir leiden dasselbe, und wir verstehen uns, nicht wahr, liebes Weib, so jung und schon so verlassen. Denn wir Beide erwerben nichts weiter mehr in der Welt! Und zu unserem möglichsten Glück! Wer immer wieder gewinnen, wer Alles ersetzen kann, was er verloren, meine Christel . . . der hat Nichts besessen! Aber wir haben gehabt, was die Seele begehrt und erfüllt — wenn auch meine Seele nur mit Hoffnung und Thränen — und dieses Bewußtsein ist immerwährend ein großes Glück — oder für arme Menschen doch — das größte!“
Christel schwieg.
Da die Schüsse von Britzenheim her, aber jetzt deutlicher zu hören waren, sprach Wecker: „Die Christen feiern die Osternacht — auf ihre altgläubige Art! Wie Herodes die Weihnachtsnacht! Aber Herodes war noch kein Christ! sondern hatte nur wüthenden Respect vor Christo. Aber den Johannes können wir doch nicht todt zur Stadt fahren, wie einen gewissen alten Hector, der auch in seinen besten Jahren umgekommen, und einen kleinen Zweig, Ast-Anax, verlassen. Darum sage ich: Der Todte ist da, als die Hauptperson zu jedem noch so schlechten Begräbniß. . . . Das auf der elenden Erde berühmteste Loch, das Loch in die Welt, das Allerweltsloch, wodurch alles Schöne heimlich herausläuft, wie aus einem See, so daß die Welt nur eine löcherige Pauke ist, die ich nicht einmal pauken mag, weil sie abscheulich dumpf und hohl und leer klingt — als würfe man Erde auf einen Sarg — das Thränenloch ist bald abgetäuft . . . . zu der großen Maskerade im Finstern ist Johannes bald proper genug angethan . . . . des Vaters Bretterhaus wird des Sohnes unsterbliche Wohnung; denn Bäume sterben zwar ab, aber Bretter verfaulen nur . . . und jetzt, zur heiligen Osternacht ist es schön, einen Lieben zu begraben, während alle Dörfer umher jetzt denken, denn singen dürfen sie’s nicht: „Christ ist erstanden!“
Christel war Alles zufrieden, wie den raschen Tod, so das schnelle Begräbniß.
Besser Eins wie Keins, sagte Wecker. Wer ein Kind verloren, und einen Mann; das heißt: seinen Einen Einzigen, wie soll der nicht gelassen sein, und verlassen ansehen, was sich etwa noch weiter Albernes in der Welt begiebt! Ihr seid nicht ganz dumm, Frau Christel, eine Frau bleibt Ihr doch, und die beste auf drei Quadrat — Schuhe im Umkreis — denn um die Lebendigen stehen alle guten Todten! Weiber und Männer; gewiß auch Johannes! Denn, sagt man, ein ganzes Jahr lang steht noch ein Vater bei seiner Wittwe und seinen Kindern hinter der Thür!“
Und Alle schwiegen bangselig, als die kleine Sophie die Thür vorsichtig aufthat, weit offen stehen ließ, so daß Licht in das Haus fiel, und weit vorgebogen mit dem Köpfchen hinter die Thür nach dem Vater sah.
Aber Christel rief sie, band ihr und den beiden andern Kindern den Flor um den Arm; und Daniel fiel dabei auf die Kniee und sprach in verworrenem Schmerz, des Vaters und Stephans gedenkend mit gefalteten Händen wie betend: „Ach, Mutter! ein Hund ist ein treues Thier, geschweige ein Kind! Ich will den Vater zeitlebens vor Augen haben, wie . . . wie . . . und Euch im Herzen wie Er!“