Darauf beschickten die Männer, mit der nächsten Nachbarn Hülfe, den sonntäglich angezogenen Johannes in die geweihte Erde; während Christel, die einen kurzen getrosten Abschied genommen — weil alle Wittwen ihren Männern ja bald nachzufolgen glauben — mit Daniel und den Kleinen zu Hause geblieben, und zuletzt nur bis in den Hof trat, Sie hörte jetzt wirklich die Marseiller Hymne singen, blickte zum Himmel — und so sah sie nun auch — aus der Neujahrsnacht — das leere Kreuz, das Zeichen der angefangenen Erlösung vom Himmel herab hangen, und die Posaune des Weltgerichts, und die Inschrift rund umher mit den großen Buchstaben; und in der Ferne regte es sich arbeitsam-gespenstisch; und auch das Feuer der Hölle schien am Horizont herein; ein naher Kanonenschuß war ihr nur der Donnerschlag aus dem Wächterauge der Großmutter des Teufels „über die Arbeitenden im Gefild;“ über die im Gefecht stehenden Soldaten; und sie sah die vier Riesenbilder an den Weltwänden — aber es waren Wolkengestalten; und das Feuer war der Schein des aufgehenden Mondes; und sie wußte es, und doch sah sie das blasse Antlitz an als das leidende Gesicht der Menschheit — und endlich ward das Antlitz ihr eigenes blasses Gesicht; und sie selber sah sich unaussprechlich leidend an, lange, lange. Und eine kalte Hand berührte ihre Schulter . . . und es war Wecker, der fröhlich die kalten Hände reibend sagte: „Vor der Hand ist das Loch in die Welt zu, und Johannes hindurch in alle Welt! Die Welt ist groß und schön, meine Christel; trotz des weltberühmten Allerweltsloches — ja eben des Loches wegen! Wenn ich nicht die Aussicht hätte, mich einmal vor mir selbst darein zu verkriechen und eine Einsicht und Aussicht und Ansicht darin zu haben — vielleicht: das Antlitz Gottes, statt Eures lieben, schönen, leidenden Mondscheingesichts — so wollt’ ich, wir gingen sogleich nach Mainz!“ Die Gedanken waren ihm vor Leid vergangen.

Und so thaten sie. Und nichts nahm Christel mit, als ein kleines Glasschränkchen mit den besten Angedenken: dem Osterei des Daniel; einem kleinen, kleinen Strohwisch aus Weckers großem, womit er den Daniel erweckt hatte; mit einem Span von dem Holze, das Christel entwendet; mit Johannes ABC-Buch; und der eisernen Spitze, die ihr Clementinchen durchbohrt; und zuletzt, mit dem Stück ausgeschnittenen Hemde, wodurch ihrem Johannes die Kugel in die Brust gegangen war. Wecker trug dieses kleine Leidenhäuschen „das Monstrandum, die Monstranz, oder das Monstrum“ feierlich, als wollte er es aller Welt zeigen; aber mit langen Schritten. „Denn,“ sprach er, „unser Geschichtschreiber wird sagen: „Sie eilten, von den nahenden Schüssen gedrängt, durch die finstere Mitternacht, und gelangten, froh des eignen davon gebrachten Lebens, in die sichere Stadt — denn selbst seine Schmerzen werden dem Menschen unabkaufbar-lieb; und um sie fort zu genießen, selbst das elende Leben; denn der Schmerz ist ein Zauberspiegel mit allem genossenen Glücke klar und nah dahinter, statt Folie; und der Spiegel ist so warm und beredt, als das Glück groß war, daß es nicht ausgesprochen werden konnte — wie das Leben.“

Zu Paschalis Hause, das dem Dom gegenüber stand, wählten sie den Weg durch die erleuchtete, offene, menschenerfüllte Kathedrale, worin so eben Christus Auferstehung durch eine lebensgroße Puppe künstlich dargestellt ward, und — der Kinder willen wählte Christel den Weg durch die Kirche; obgleich Ellenroth sie so führte, daß sie an dem Grabmale des Churfürsten Albrecht von Mainz zu stehen kamen, der vom Papst Leo X. den Ablaß für Deutschland, wie ein Jude den Zoll, gepachtet hatte, so daß der geistliche Pascha seine große Pachtsumme nebst doch einigen Procenten den Deutschen ausängsten mußte — damit das deutsche Volk sich selbst auf ewig davon erlöste; wie der Wecker dem Schulmeister, und der Schulmeister dem Weber jetzt an dem Grabmal desselben stehend, davon erzählte.

Hier aber begrüßte sie leise Paschalis; und als er mit Christel allein einmal um das Altar gegangen, frug er sie: „Darf ich Dir den Schmerz um Johannes aus der Brust nehmen?“ — Und sie sagte: „Ich dächte nicht! Nicht gern.“ „Aber doch!“ sagte er langsam. „Siehe Christus ist erstanden: — — und Dein Bruder Stephan ist umgekommen.“

Und Paschalis hatte wahr geredet. Denn das neue Leid erfüllte nun ganz ihre Seele. Jetzt war der Mutter das Kind nicht begraben worden; Johannes war nicht begraben worden; Alles lebte ihr in ewigem, heiligem, verborgenem Sein — und nur St. Etienne lag ihr als Leiche in der ganzen großen Welt, und die ganze Welt war ihr nur: der schöne geliebte todte Bruder. Und Paschalis ließ sie, still vor der Heiligkeit des Ortes, still ausweinen, während sie in’s Dunkel gekehrt ihre Stirn an einen kalten Engel legte, und ihn fest an dem kalten Händchen hielt.

Und als endlich Christel wieder Paschalis angesehen, und ihm eine Hand gereicht, und als er wieder mit ihr um das Altar gegangen, fragte er sie noch milder als zuvor: „Darf ich Dir wieder den Schmerz um den Bruder aus der Seele nehmen?“ Und sie sagte wieder: „Ich dächte nicht! Nicht gern!“— „Aber doch!“ sagte er: „Dein Bruder hat sich selber erschossen.“

Und eine jubelnde Musik fiel ein, und jauchzende Sänger riefen vom Chor über die Menschenhäupter durch den Kerzenglanz und den Weihrauchduft: „Christ ist erstanden! und die, das uralte, mächtige Wort zurückhallenden mächtigen Pfeiler schienen es mitzusingen, wie versteinerte Riesen, denen das Wort Sprache gegeben; und an den Bogen des Gewölbes wälzte es sich vor Freuden dahin, und stieg herauf, und floß wieder herab . . wie ein Schmerzensstrom in Christels Brust. Und sie rief die Kinder zu sich, setzte sich in einen geschnitzten Stuhl und versank in die Tiefe ihrer Seele.

Und als sie endlich aufsah, aber zürnend und doch niedergeschlagen, frug sie Paschalis wieder: „Soll ich Dir auch diesen Schmerz verwandeln?“ — Und sie sagte jetzt: „Gern! Aber unmöglich!“ „Aber leicht!“ sagte er: . . . „Dein Bruder hat Deinen Johannes erschossen.“

Und Christel ward blaß, schloß die Augen, lehnte sich zurück, und über den schlafenden Augen und den schlafenden Ohren und dem zugeschlossenen Herzen verrauschte das Halleluja! so machtlos und freudlos und still, als würde es tausend Klafter tief unter einem steinernen Bilde der schönsten Mater dolorosa in der Erde von Erdgeistern gesungen; oder in tiefem Meeresgrunde sängen es, in den verborgenen zauberisch schönen Meeresgärten, die wundervollen Blumen mit Blumenlippen — und hoch, hoch, hoch darüber schiffte ein einsam verschlagenes Schiff auf den wüsten stürmenden Wogen mit nur noch Einem Menschen, einem Todten! Und die Todte wäre Christel! . . . Die Kinder wollten schreien, aber sie rüttelten nur an der Mutter, die erwachte, die Augen wild aufschlug, umhersah, jäh auffuhr, die Kinder vergaß und davon fliehen wollte, sie wußte nicht wohin. Paschalis hielt sie sanft, aber sicher am Arme; und an ihn sich stützend, ward sie wieder völlig munter, und war wieder aufgetaucht in die öde — liebevolle Welt.

„Denke doch, Christel,“ sprach Paschalis, „das liebevolle Herz schlägt ja eben in der Welt! Wäre die Welt nicht, nicht gewesen . . . Wen oder Was hättest Du doch geliebt? Die Welt ist nicht öde, sie ist nur graunvoll — denn eben unser Licht wirft nur graunvolle Schatten und schafft sie erst! Stirb, — und die Welt wird ruhig und voll, voll, schwervoll sein, wie — ein Grab. Das kann ich mir Alles denken! Ich aber, ich weiß, ich empfinde ganz Anderes. — Ihr habt Euch nicht selbst geholfen — Ihr leidet nur selbst. Das ist Nichts! spreche ich, und kann ich sagen! Nun komme mit mir! Jetzt glühst Du vielleicht so heiß in Gefühlen, und die Marterkammer der Menschen ist Dir so nah vor den Füßen aufgeborsten, Du wandelst noch selbst auf dem flammenerhitzten und durchzuckten Boden, um meiner Leiden Abgrund zu ermessen! — Kommt, Krieg! Wecker kommt; und komme auch Du — Du, Sebastianow! — Ich kann alle Leiden heilen — wie Moses selber sterbende Schlangen! Kommt!“