Und im Gehen sagte Wecker: „Ja! Seht, meine Christel, wie gut! Wir haben Alle nicht freventlich in der Arche gesessen! Wir sind rechtschaffen mit ersoffen! Deswegen verstehen wir nun recht die Sündfluth der gemachten Leiden und die schlagenden Herzen der geschlagenen Menschen weit und breit — denn wie hier, wie Uns ist es Hunderttausenden gegangen. Wir verstehen das Leid! Das Mitleid! das der Herr auf Erden wieder erwecken will, denn es hat lange, zu lange eisern geschlafen! Wir verstehen den Krieg, und — und — und werden nun auch erst recht die Früchte mit Muth zu verlangen, mit Kraft zu erlangen, zu schmecken und zu würdigen wissen, die uns der Friede bringen wird, der Friede der Lebendigen und der Todten! Denn der bloße nackte Friede selber, ohne seine versprochenen Gaben, ist bloß ein dummer Junge — ein wahrer „dummer Friede!“ Eine Scheune voll leerer Strohschütten nebst abgedroschenen Flegeln! Früchte wollen wir sehen und mit Freuden erndten, die wir mit Thränen gesäet! Die sollen uns schmecken, wie Nürnberger Pfefferkuchen! Nicht wahr Kinder?“
Und die Kleinen sagten: „Ja!“
„Armer hoffender Wecker,“ sagte Paschalis; „Ihr hofft für Andre. Mäßigung ist die beste Frucht der Unmäßigkeit.“
„Die Todten gehen nicht auf;“ seufzte Christel.
„Ihr wißt,“ erinnerte der Leinweber, „die Urheber müssen Alles gut machen, ersetzen; gut macht es dann der sogenannte Herr!“
Paschalis führte Alle darauf in den Saal seines Hauses. In der Mitte über der runden Tafel leuchtete nur ein uralter Kronleuchter, fast wie eine dickbäuchige Kreuzspinne mit langen, dünnen Arm-Beinen, an jeder Fußspitze ein Wachslicht. Er lud sie ein sich zu setzen, vertheilte Osternachts-Gaben — bunte Eier, ungesäuertes Brod und Honig, hatte aber wenig Geduld und viel Hast dabei, und sagte: „Ich reise weit weg; auf lange; und fahre die Nacht noch ab. Bleibt hier in meinem — nun Eurem Hause, bis Ihr aus der Arche gehen könnt. Ich lege meine Ehre und meine Schande in Eure Zunge. Auch meine Jungfrau Maria binde ich Euch mit Liebesstricken und Unglücksbanden auf’s Herz! Vielleicht, lieber Ellenroth, da Sie schon in Griechenland waren, reisen Sie noch mit Ihr nach Italien — nach Rom, — nach Loretto in die Casa santa!“
Von Ellenroth und die Anderen sahen ihn an — aber Paschalis fuhr fort: „Meine Christel, — Dich bitte ich, künftig in dem jetzt ausgebrannten Schlosse von Breitenthal, wenn es wieder eingerichtet ist, eine wirklich gnädige „gnädige Frau“ zu spielen; den alten weinseligen Herrn von Borromäus aus dem Vogelheerde zu erlösen, und ihm den Jäger Niklas zum Diener zu geben. Das Gut bleibe dann den Kindern. Der Leinweber und Wecker sollen Deine Amtleute und Rechnungsführer sein.“ Zu dem Herrn von Ellenroth meinte er: „Geld ist Ihnen lieber! Mein ganzes übriges Vermögen — wirklich nun ganz übrig — möge Sie an meinen guten Willen erinnern, Ihnen meinen edelsten Schatz auch gern anzuvertrauen, wenn der Schatz wollen durfte!“
Er gab ihm dabei einige Papiere, die der Schwiegersohn in — ewiger — spe, wie er ihn nannte, sogar aus Verlegenheit nahm und in Händen behielt. Darauf ward Paschalis sehr ernst, indem er nach Etwas in seiner Brusttasche zu fühlen schien, und sagte: „Dorothea ist todt! Meine und Ihre.“ Aber . . . sprach er verstummend, ging und that leise die Thüre zu einer mäßig großen Halle zur Seite des Saales auf, welche ganz wie das heilige Haus, die Casa santa in Loretto eingerichtet und hell erleuchtet war — „seht! Sehet recht hin! — Dorothea lebt!“
Christel sprang auf. Ellenroth wandte sich hin, und blieb wie bezaubert stehen.
„Dorothea lebt;“ sprach Paschalis mit bebender Stimme; „sie lebt; so scheint es. Ich weiß jedoch nicht, und nur sie wird es wissen, ob es noch unser Leben ist, wenn Jemand Andres in uns und aus uns lebt, denkt, empfindet und spricht . . . . wenn ein jetziger Mensch ein nunmehr gewiß sehr altes, ja todtes Weib ist; nicht seine Gedanken, sondern ein Gedanke der curiosen Welt, also für sich ein Wahn, ein Hirngespinnst, ein Gespenst — aber ein unerträglicher Geist für mich! Denn sie ist und bleibt meine Tochter, nichts weiter. Sie aber — — so hat sich ihre Krankheit gelöst . . . so hat sich ihre Seele wieder hergestellt, oder der Sache ein Mäntelchen umgehangen — denn sie — sie ist sich: die Jungfrau Maria. Und also sind alle ihre Schmerzen verhallt, alle ihre vergeblichen Wünsche auf Erden wieder in dem Himmel ihrer Seele erfüllt. Sie war hoffärtig! Stolz! Sicher im Gefühl ihrer strengen Zucht und Ehre — der Herr hat sie gedemüthigt; aber die Niedergeworfene wieder aufgehoben, doch sie — Wecker geht hin und seht, — sie hat das ABC stets vor sich auf dem Schooß, den Lobgesang Mariä aufgeschlagen, und betet oft kniend laut daraus mit Freuden und Dank, daß mir die Haut schauert . . . denn sie betet: „Er übet Gewalt mit seinem Arm, und zerstreuet, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn. Er stößet die Gewaltigen vom Stuhl, und erhebet die Elenden!“ —