Und sie traten an die Thür und sahen das schöne blasse Mädchen, eingeschlafen; aber auch schlafend noch in ihren morgenländischen Kleidern, nur sonderbar mit dem Bande der Ehrenlegion geschmückt, auf alterthümlichem Sessel sitzend, die Linke auf die Lehne gelegt, die Rechte auf dem aufgeschlagenen Kinderbuche. Um ihren Kopf schimmerte ein ächtpersisches buntes Tuch, und auf dem Wirbel schimmerte eine kleine silberne Krone. Im Zimmer war wenig, aber gleichfalls alterthümliches Geräth; und an der Wand hing eine Copie der Verkündigung von der Angelika Kaufmann, die zur Seite der Casa santa in der Kirche zu Loretto hängt.
Und wie dort der willfährig empfangene Engel, kniete jetzt hier der verstoßene Bräutigam vor sie hin, und beugte sich dann zu ihren Füßen nieder. Wecker aber nahete leise, legte sehr sanft die alte zitternde Hand auf ihr Haupt und sagte zu der Schlafenden: „Hätte ich Dich doch hinunter stürzen lassen, wo ich den Teufel vom Thurme stürzte! Denn Du arme Verrückte hast ja doch gethan, wovor Dich Gott, laut Deines Briefes, bewahren sollte: — Du bist katholisch geworden!“ — Dann zog er die Hand zurück.
„Wecker!“ tadelte ihn der Leinweber: „die wahre Jungfrau Maria ist nie katholisch gewesen! Selbst Christus war kein Katholik, höchstens rein evangelisch, und das noch kaum: Er war nur Er selbst ganz allein, nicht ein Christ, sondern Christus.“
Die Kinder aber fürchteten sich hinein zu gehn, und die Kleine war schon schlafend bei ihren Ostereiern am Tische sitzen geblieben. Christel stand also entfernt mit Daniel und Gotthelf. Sebastianow, der Mitverwüster dieser starken Seele, dieser schönen Jungfraugestalt, aber zitterte am ganzen Leibe wie vor dem jüngsten Gericht, das so eben wie Wetter hereingebrochen, und bebte nun seinen Namen zu hören.
Paschalis aber sagte ihm mild auf Russisch: „Janow — Zschartowitsch![*)] Gehe getrost hinein. Sie kennt selbst den Vater nicht, denn sie wohnt in Nazareth, in alten, heiligen Tagen; und ich bin ihr nur ein fremder, fremder Mann aus der Zukunft . . . und doch bekannt . . . wie aus dem Paradiese! Hast Du aber vorhin in der Kirche, nach Eurer Sitte, vor jedem Geistlichen dreimal ausgespuckt, so schlucke hier dein Gift hinunter.“ — Dabei schenkte er ihm einen Beutel mit Golde, und der Mensch betete ihn bald an. „Ziehe in Frieden!“ sagte er ihm, sich von ihm wendend, ob er ihn gleich mit keinem Auge angesehen.
[*)] Teufels-Sohn.
„Nun, Christel.“ frug er diese, „hast Du noch einen Dolch im Herzen, um Dorothea! Auch den Schmerz will ich aus Deiner reinen Brust nehmen! Ja, wenn Du auch um mich noch einen Stich empfinden solltest, so will ich vorher dem Dolche die Spitze umbiegen. Ja, was Du auch gelitten hast, Du sollst Dich darüber freuen und dem Herrn dafür danken! Denn ich halte noch ein kleines aber furchtbares Licht in meiner Hand, das mich brennt es fallen zu lassen. Und doch bin ich innerlich schon dadurch verkohlt. Ich bin todt, und darf nur die Augen noch zuthun. Doch das ist bald gethan.“
Die Andern traten jetzt Alle um ihn, und Paschalis sprach ernst: „Nun wohl, so mögt Ihr es wissen, besonders der Bräutigam. Wie der bessere Mensch nur ein Wort ist, und die meisten nur ungesetzte Buchstaben im Buchdruckerkasten, die der Geist der Welt setzt, so konnten die Menschen, jeder eine Lehre aus seinem Leben ziehen: wieder das Wort. Klarer aber, als da draußen aus der furchtbar wogenden Welt, springt aus unserem kleineren Leben eine große Lehre heraus, und die will ich als Kaufmann noch ziehen! Mäßigung, sagte ich angeklungen vorhin, Mäßigung ist die beste Frucht der Unmäßigkeit. Auch Mäßigung in den Wünschen. Die Hoffnung war auch etwas werth. Der Betrug wird auch klug machen. Ein Volk, das nur einmal wieder tüchtig zugestutzt worden ist, selbst bis auf den Stamm und die Wurzel, das hat wieder Lebenskraft erhalten, verjüngt sich wieder und geht nicht ein. Am schrecklichsten aber bestraft sich Selbsthülfe? Wenn sich ein Mensch helfen will, so thue er es bloß durch weise-, gelassen- und gut-sein. Völker denken oft anders. Aber auch zu ihrem Schaden; denn wenn Alle klug sind und fromm, kann Einer oder werden Mehrere nicht mehr gottlos und dumm sein. Sela.“
„Das wollt’ ich nur wissen!“ sprach Wecker.
„Ich aber verabscheue die Selbsthülfe, wenn sie nur ein wenig mehr ist, als Ertragung und Verwünschung der Uebel, selber der schwersten und schmählichsten,“ (Er sah wehmüthig nach Dorothea.) „Denn der Lastträger hat Kraft; der Verwünschende hat weiseres Wissen und Zorn gegen das Böse, und den Wunsch des Bessern, ja des Guten. Ich aber — beweint mich nicht — ich habe mir selber so geholfen . . . daß ich mir nicht mehr zu helfen weiß. Meine Tochter hat sich geholfen . . . bis in den Scheintod, ja bis zur Jungfrau Maria! Und ihr war doch schon geholfen durch mich. Der alte Zimmermann Frommholz hat sich geholfen . . . bis in den Kerker — und sein Helfer war schon bereit! — Johannes hat sich geholfen . . . bis in den ewigen Kerker — und die Kugeln rührten sich schon in den Läufen, die ihm freie Bahn machten! Stephan hat sich geholfen — Alle haben sich selber geholfen . . . und Niemand kann ihnen mehr helfen, selbst ein Gott nicht, der seine Welt nicht auf Selbsthülfe berechnet hat, sondern auf seinen Rath und seine Führung und seine Kraft, der Niemand, Niemand widersteht; und auf seine Liebe, die Allen angedeiht; und auf das Zutrauen zu Rath, Führung, Kraft und Liebe des außerdem — Erschrecklichen! Zermalmenden! — Gottes!“