Paschalis ging einige Schritte bei Seite; stand, wandte sich ab; bog den Kopf zurück, als starre er hinauf in den Himmel; aber er hatte dabei seine Hand am Munde. Dann kam er zurück und sprach: „Kinder, Daniel und Gotthelf, geht doch zu Euerem alten Großvater Frommholz! Keines von Euch hat ihn bemerkt. Er sitzt schlafen hinter der offenen Thür, da ist sein warmes Plätzchen. Ich hab’ ihn erlöst; und als alter Zimmermann paßt er sich wohl hieher.“ Und die Kinder gingen und der Pathe.

Darauf sprach Paschalis eilend und schneller, aber auch schwächer und doch wie entzückt: „Sonderbar! Nun ich weiß: Ich — Ich habe sieben Menschen umgebracht — und weiß: nur gräßlich Schuldige, also Thiermenschen — und Ich habe sie geschlachtet, nicht meine theuere Dorothea hat es gethan — nun ist mir leicht! Denn sie sind eher an meinem mit Kirschlorbeerkraft vergifteten Rheinwein gestorben, als sie erstickt sind, nicht worden. Mein Kind hat es also nicht gethan — ob sie es gleich gethan hat — sondern doch nur gewollt. Todte kann man nicht tödten. Jeder Mensch, sieben oder einer — auch Ich — können nur einmal sterben. Ich könnte den sonderbarsten Prozeß mit meiner Tochter führen . . . und nur gewinnen! Denn Ich bin der Rächer für ihre erlittene Schmach! Mein Kind, mein armes Kind ist unschuldig wie das Lamm Gottes, das — der Welt Sünde trägt.“ Er taumelte. Und eilender sprach er: „Holt keinen Arzt! Ihr Thoren, sterben werde ich nicht — bis Gott stirbt.“

Er zitterte; er holte heißeren Athem; sein Gesicht glühte; seine Augen standen glotzend. Ihn erdrückte das Gewicht der Worte, die er gesprochen — daß sein Kind unschuldig sei, während sie doch der Welt Sünde trug, und schmachgebeugt, bis zur Unkenntlichkeit ihrer schönen Seele, vor ihm vergangen war, und herabgesunken bis zum Gespenst der Jungfrau Maria. Und zum Glück oder Unglück erhob sich jetzt die schöne stille Königin der Trauer, Dorothea, und kam in ihren rauschenden, langen Gewanden, mit schimmernder Silberkrone auf Paschalis zu. Und da sie so viele befreundete Menschen sah, breitete sie ihre Arme mit getäuschter und gesammelter Empfindung — nach ihrem Vater aus. Und er sank in ihre Umarmung.

So blieben sie lange. Bis Dorothea wankte, und sie ihr zu Hülfe kommen mußten. Denn der Vater, vom Gewissensschlag gerührt, wie Ananias, von Jammer zerrissen, und vom stillen schnellen Gift ausgelöscht wie ein Licht, war in ihren Armen vergangen.

Sie lehnten ihn hin. Und Dorothea verwunderte sich nicht, vergoß keine — Klage, ja ihre Augen wurden nicht feucht.

Und Christel zog und drückte ihre Kinder an sich, und pries sich glücklich, ja selig. „Der Prophet hat wahrgesagt! Mich würde kein Unglück treffen;“ dachte sie. Denn sie selber litt rein das unreine, schmähliche, aber nicht beschmitzende Leid des Lebens.

Nur Dorothea sah sie groß an, und lächelte spöttisch. Und Christel erröthete vor dem Geiste St. Etienne’s, der ihr erschien und verschwand. Und sie seufzte tief aus befreiter, nicht schuldig gewordener Brust auf . . .

Paschalis aber hielt in seiner Hand noch ein kleines Blatt Papier, das er vorhin, während er gesprochen, immer langsam um beide Zeigefinger spielend gerollt hatte. Dorothea langte es geisterhaft daraus, und wog es. Dann starrte sie lange hinein.

Und als gälten die Worte sowohl dem Vater, als eben so wohl auch ihr, las sie erst halblaut . . . dann laut . . . dann begeistert, und wieder wie entseelt, und Alle zu Thränen hinreißend:

„Meine Grabschrift.“