Der blonde Apothekerjüngling, der für den Provisor fungierte und eben eine harmlose Natron-Mixtur verkorkte, sah den fremden Mann mit den bleichen, gespannten Zügen fragend an; dann gab er ihm das unschädliche weiße Pulver.
»Jetzt geben Sie mir ein wenig Emulsin — etwa zehn Tropfen.«
Der Pharmazeut erfüllte seinen Wunsch; weshalb sollte er nicht — Emulsin ist so wenig ein Gift als Amygdalin; beide sind unschuldige Dinge — und doch töten sie auf dem Flecke, augenblicklich, wenn sie zusammen genommen werden.
Das Hinzutreten von Wasserstoff verwandelt sie sofort in Blausäure.
Der junge Pharmazeut schien es nicht zu wissen, nicht daran zu denken; er gab, was man verlangte, und nahm das Geld für seine Ware.
Gotthard ging.
Einen Augenblick stand er draußen auf der Treppe vor der Apotheke, wie sich besinnend — wie ein: wohin nun? sich zurufend — dann ging er die Stufen hinab, und mit demselben festen Schritt, wie vorher der Apotheke, schritt er nun quer über den Marktplatz dem gegenüberliegenden »Goldenen Löwen« zu.
Er wollte nicht seinen Tod für Anna ein Rätsel bleiben lassen; er wollte ihr mitteilen, was ihn aus der Welt treibe; sie sollte es wissen, daß es die Hoffnungslosigkeit sei; daß es die Entehrung sei; daß es eine unbeugsame Notwendigkeit für ihn geworden; daß sie ihn nicht verdammen solle; daß sie seiner gedenken und ihm verzeihen und es tragen solle wie ein unabwendbares Schicksal!
Im Gartenpavillon drüben wollte er es niederschreiben — der Pavillon schien ihm verlassen und still genug dazu — er wollte an dieser Stelle, wo er zum letzten Male in seinem Leben glücklich gewesen, dann sein Leben enden!
Unter der Toreinfahrt im »Goldenen Löwen« saß ein Knecht, der eben die Messingplättchen an einem alten Pferdezaum blankscheuerte; er sah verwundert auf, als er einen der Herren in Uniform, welche vor einer halben Stunde abgefahren, wie aus dem Boden gewachsen wieder vor sich stehen sah.