»So komm jetzt, begleite mich durch den Garten zum Hause, es hat niemand ein Arg dabei; du kannst mich ja zufällig hier gefunden und angeredet haben; Mutter wird jetzt am offenen Fenster in ihrem Gartenzimmer sitzen — da stell' ich dich gleich vor und du hältst ein kleines gleichgültiges Gespräch mit ihr. — Willst du?«
»Gewiß, Herz ... nur versprich mir, daß ich dich später noch allein sehen werde ...«
Mit ihren beiden zarten Händen seinen Arm umklammernd, blickte sie zu ihm empor und nickte lächelnd. »Komm nur!« sagte sie. Dann, als sie um das nächste Buschdickicht gegangen waren und das Haus vor sich erblickten, flüsterte sie: »Dort auf der Giebelseite rechts liegt mein Zimmer — komm dahin, nach zehn Uhr; ich werde am Fenster sein.«
IV.
Gotthard hatte ganz nach Annas Befehl das kleine gleichgültige Gespräch mit Frau Espenbeck, einem gutmütigen, runden Mütterchen, gehalten, während Anna in die Küche geeilt war, um dem großen Werke der Souper-Bereitung all ihre in der Hauptstadt erworbene höhere Bildung zuzuwenden — dazu war sie ja wie alle wohlhabenden Töchter vom Lande auf ein Jahr in die Provinzhauptstadt gesandt worden, zur höheren Ausbildung in Französisch, in Musik, in feinerer Turnüre, keineswegs aber, um — was nun doch ihr Schicksal gewesen — sich in einen vermögenslosen Stabsarzt vom Infanterie-Regiment Nr. X. zu verlieben. Dieser selbst hatte dem Souper, dem Anna ihre sehr zerstreute Sorgfalt zugewendet, höchst mäßig Ehre angetan; er war still und in sich gekehrt gewesen und hatte noch obendrein eine seltene Bescheidenheit in der Hingabe an die geistigen Genüsse gezeigt, womit der General die Abendtafel würzte, da er sehr viel Anekdoten erzählte, die von den anderen Herren außerordentlich belacht wurden, ganz, wie es sich bei den Späßen eines so hochgestellten Mannes schickte. Der General hatte deshalb begonnen, Gotthard mit seiner stillen Schweigsamkeit aufzuziehen, und die anderen Herren hatten in diese Neckerei mit eingestimmt. Gotthard war froh, daß die Abendtafel endlich — es war längst zehn Uhr — aufgegeben wurde und der General sich in seine Gemächer zurückzog. Herr Espenbeck begleitete ihn selber, einen zweiarmigen Leuchter vor ihm hertragend ... Dann aber mußte er ihn sehr bald seinem Schicksal überlassen haben, denn Gotthard hatte kaum sein Zimmer betreten und dort durchs offene Fenster in den Garten hinabgelauscht, um zu sehen, ob dieser völlig menschenleer, als es an seine Tür pochte und, seinen Leuchter in der Hand, Herr Espenbeck hereintrat.
»Ich will nur noch fragen, ob Sie auch morgen früh geweckt zu werden wünschen, mein lieber Herr Doktor,« sagte er, seinen Leuchter auf den Tisch stellend und sich in sehr zwangloser Weise auf die Lehne des Kanapees setzend; — »die Herren sind auf einer sehr ermüdenden Tour begriffen, und es wäre kein Wunder, wenn sie morgens einiger freundschaftlichen Aufrüttelung bedürften, um zu rechter Zeit aus den Federn zu kommen — ich denke mir, daß Sie recht ermüdet sind und nicht allein solch eine Reise, sondern mehr noch die Art des Geschäftes muß Sie ermüden, es ist wenigstens kein erfreuliches ...«
»Es ist nicht ganz so arg, wie ich's mir vorgestellt habe, Herr Espenbeck,« fiel Gotthard ein — »meist sieht man doch sehr bald und leicht bei den Untersuchungen, wie zu entscheiden ist; nur die zweifelhaften Fälle sind unangenehm, ich bin da vielleicht noch ein wenig zu skrupulös ...«
»Und gewiß,« unterbrach ihn lächelnd Herr Espenbeck, »kann man dabei nicht zu skrupulös sein — es ist oft so wichtig, ist solch eine Lebensfrage für die jungen Leute, ob sie frei kommen ...«
»Freilich, das ist aber Sache der Zivilbehörde; wenn es eine Lebensfrage für sie ist, werden sie ja ohnehin ...«
»Ach, Sie haben das ja doch selbst wohl schon gesehen — die Zivilbehörde, wie wenig Rücksichten nimmt die! Ein menschenfreundlicher Arzt kann da immer noch, auch ohne seine Pflicht zu verletzen, ein großer Wohltäter werden, und würde es gewiß öfter werden, wenn er die Verhältnisse der einzelnen jungen Leute kennte ... Ich möchte da zum Beispiel für die morgige Aushebung Ihre Aufmerksamkeit für drei junge Leute in Anspruch nehmen! Sie mißdeuten es nicht, nicht wahr? Der eine ist der einzige Sohn einer reichen, aber ein wenig kindischen Schulzenfrau, einer Witwe; wird ihr der Sohn genommen, so bringt sie sicherlich den ganzen Hof in Verwirrung und in heillosen Ruin ... ganz ohne allen Zweifel — der andere ist ebenfalls ...«