Gotthard sah unruhig verhohlen auf seine Uhr. Wollte der Mann ihm die Verhältnisse aller Konskriptionspflichtigen auseinandersetzen? — es war über halb Elf!

»Der andere,« fuhr Herr Espenbeck flüsternd fort, »ist ebenfalls der Anerbe eines Hofes; sein Vater lebt zwar noch, aber er ist trunkfällig, und Sie sehen ein, wie wichtig es unter solchen Umständen ist, daß der Anerbe den Hof nicht zu verlassen braucht! Der dritte endlich ist ganz unentbehrlich im Geschäft, einer großen, eben erst etablierten Unternehmung, einer Nesselweberei — Namen der Leute sind Jansen, Arenhövel und Henrici, ich habe sie Ihnen, da ich nicht voraussetzen kann, daß sie Ihnen im Gedächtnis haften, hier aufgeschrieben.«

Herr Espenbeck zog einen kleinen Zettel aus der Tasche und legte ihn auf den Tisch — »es soll Ihr Schade nicht sein, Herr Doktor, wenn Sie morgen bei den Gedachten milde und menschenfreundlich sind!« schloß er, mit einem bedeutungsvollen Blick Gotthards Auge suchend.

»O mein Gott,« fiel dieser zerstreut und in argloser Bereitwilligkeit, Herrn Espenbeck in allem Recht zu geben und sich in seinem Wohlwollen zu erhalten, ein, »ich bin von Natur nicht scharf und rücksichtslos und tue für die Leute gern, was ich kann. Diese werden morgen sehen, daß der Doktor kein brutaler Mann ist und die Sache nicht leichtsinnig nimmt!«

»Ich freue mich, daß wir so übereinstimmen, Herr Doktor, freue mich sehr,« sagte Herr Espenbeck, Gotthard die Hand schüttelnd, und dann wünschte er ihm gute Nacht und ging.

Gotthard atmete auf, nahm den Zettel und zerriß ihn, ohne einen Blick darauf zu werfen, griff nach seiner Mütze und ging hinaus, um in den Garten zu kommen.

V.

Wie das Stelldichein verlief, welche weitere Verabredungen da getroffen wurden, wissen wir nicht, doch mußten sie nicht just sehr befriedigender Natur gewesen sein, denn auf Gotthards Stirn lag am anderen Tage ein düsterer Ernst, während er, in seine Uniform zugeknöpft, seine Funktionen in dem großen menschenüberfüllten Saale des Gasthofes übte, in welchem am oberen Ende die Kommission am grünen Tische saß. Zur Rechten der Kommission stand eine Flügeltür offen — in dem Kabinett dahinter mußten die Burschen sich der Untersuchung unterwerfen; nach jeder derselben gab Gotthard auf die Schwelle tretend sein Verdikt ab, das ein paar Schreiber dann in ihren großen, mit Kolonnen bedeckten Aktenbogen eintrugen. Um Mittag wurde die Arbeit unterbrochen und hastig ein Mahl eingenommen; dann wurde sie neu aufgenommen, und dabei verflogen die Stunden — es wurde halb fünf Uhr, bevor der letzte der jungen Leute sein Schicksal erfahren.

Was war Jansens, Arenhövels, Henricis Schicksal gewesen? Gotthard hätte es nicht beantworten können, er hatte sich so ganz und gar nicht um die Namen all der Leute gekümmert — er hatte in diesen Tagen Tausende von Namen ausrufen und wieder rufen hören, und die drei, welche Herr Espenbeck gestern flüchtig genannt, so wenig im Gedächtnis behalten wie alle anderen.

Man war fertig — der General und die anderen Herren atmeten auf, warfen ihre Papiere den expedierenden Schreibern zu, Gotthard hatte den Vermerk in den Kolonnen zu unterschreiben; unterdes fuhr schon die Extrapost, worin man zum nächsten Kreishauptorte reisen wollte, vor dem Gasthofe vor. Der General, der Regierungsrat, der Adjutant gingen auf ihre Zimmer, ihre Rechnungen zu berichtigen und sich zur Abreise zu rüsten — endlich war auch Gotthard fertig und eilte auf das seine. Er klingelte nach dem Kellner und verlangte seine Rechnung; dann packte er seine Sachen zusammen und harrte. Aber die Rechnung kam nicht ... er klingelte noch einmal — heftig — draußen hatte er längst die Schritte der sich fortbegebenden anderen Herren gehört — endlich kam nach flüchtigem Anklopfen rasch Herr Espenbeck herein.