Graf Guy Chevreuse an Delphine.
Versailles, am 18. Juli 1781.
Soeben erfahre ich von meiner Schwester, daß Sie, Holdseligste, endlich einer Einladung nach Chateau Larose folgen wollen. Sie ist entzückt; ich bin es noch mehr; und meine Neugierde kennt vollends keine Grenzen, denn die Marquise Delphine ist ein Rätsel, das einem Mann, der das Geheimnis »Weib« ganz zu ergründen geglaubt hatte, immer aufs neue zu lösen übrig bleibt.
»Die Marquise Montjoie hat den Schleier genommen,« wußte die kleine Lamballe noch vor einem Jahre mit dem himmlischsten ihrer Augenaufschläge zu berichten. Ich erschrak. Aber meine Phantasie arbeitete bereits an der entzückendsten aller Klosterentführungen.
»Die reizende Delphine ist des Grafen Cagliostro Adeptin,« erzählte wenige Monate später der Baron Wurmser bewundernd, als ob Sie es noch nötig gehabt hätten, das Zaubern zu lernen. Ich war empört. Und mein Entschluß stand fest, den Hexenmeister zu entlarven, um ihm sein Opfer entreißen zu können.
»Wissen Sie, wer der Marquise Montjoie einziger Liebhaber ist?« lachte Herr von Vaudreuil, als er im vorigen Winter in Straßburg gewesen war, »der Herr Marquis!« Ich war verzweifelt. Denn nun erst schienen Sie mir verloren.
Und jetzt erfahre ich von Ihrem Hofstaat in Spa, zu dem der Marquis nicht gehört, – denn ich sehe ihn in Paris im Gefolge Cagliostros –, von Ihrer bevorstehenden Ankunft in Larose – allein!
Versailles ist tot, seitdem der Zustand der Königin uns zur Tugend zwingt. Aber selbst wenn es im höchsten Glanze strahlt, selbst wenn alle Marmorgöttinnen seiner Gärten lebendig geworden wären, nur um mich zu umarmen, – Larose erschiene mir, von Delphine bewohnt, als der Himmel auf Erden – vorausgesetzt, daß es nicht der der Heiligen und der Erzengel, sondern der der Houris und der Grazien ist.
Ich werde kurz vor Ihnen in Larose eintreffen, um nicht nur des Vorzugs zu genießen, die holde Delphine aus dem Wagen heben zu können, sondern um auch der Erste zu sein, der Ihnen das neueste gesellschaftliche Ereignis von Paris zu berichten vermag: die Eröffnung des Hotels Dervieux in der rue Chantereine, eines Meisterwerks von Bellanger. Die jüngste und schönste Dienerin Terpsichores wird dank der Gunst des Prinzen von Soubise seine Herrin sein, und ich rühme mich, sie entdeckt zu haben. Daß sie schön ist, wird die Marquise Montjoie mir glauben; wer könnte, der Sie kennt, mit einem anderen Maßstab messen, als dem Ihren? Für den Geist der Kleinen zeugt dies Bonmot: Ein junger Mann bewarb sich um sie. Sie wies ihn ab. Er kam immer wieder; schließlich schrieb er flehend: »Gewähren Sie mir nur als Almosen Ihre Gunst.« Sie erwiderte auf rosigem billet-doux-Papier: »Ich bedaure lebhaft, mein Herr, ich habe schon meine Armen.« Sie werden mir zugeben, schönste Frau, daß Guy Chevreuse, dank der Erziehung durch Sie, auf der Höhe seines guten Geschmacks geblieben ist.
Je mehr die Gelehrten sich über die Entdeckungen neuer Wunder der Chemie und der Physik den Kopf zerbrechen und ihrer Unsterblichkeit die Genüsse ihrer Sterblichkeit opfern, desto mehr fühle ich es als heilige Pflicht, der gräßlich ernsthaft werdenden Menschheit Quellen der Freude zu erschließen, auch wenn mein Dank dafür in nichts besteht, als im jus primae noctis. Das ist lateinisch, schönste Frau; ich lernte die drei Worte, in denen sich meine ganze Kenntniß der klassischen Sprache erschöpft, von Herrn von Beaumarchais und bitte Sie, sie sich von ihm –, der mit uns in Larose und mein gefährlichster Nebenbuhler sein wird! – erklären zu lassen.