Übrigens wird noch eine dritte Schülerin von L'Abbaye aux Bois unter den Gästen sein: Die Prinzessin d'Hénin. Es wird also an Beweisen dafür nicht fehlen, daß trotz Rousseau und seiner jüngsten Nachfolgerin in der Predigt von der freien und naturgemäßen Kindererziehung der Madame d'Epinay die des Klosters noch immer die beste ist, sie gab uns die reizendsten, die vorurteilslosesten, die liebenswertesten Frauen. Mit einer Grazie ohnegleichen hat sich die Prinzessin in das Verhältnis ihres Gatten zu Mademoiselle Arnould gefunden. Als eine Tugendhafte aus dem Salon Necker sie kürzlich bedauern wollte, sagte sie achselzuckend: »Was wollen Sie?! Mir sind Männer, die nichts zu tun haben, antipathisch. Der Prinz hat doch nun wenigstens eine Beschäftigung.« »Hat er denn keinen andere?« frug die Tugendhafte malitiös. »Bei mir jedenfalls nicht!« antwortete lächelnd die Prinzessin.

Ich greife schleunigst nach Siegellack und Petschaft, ich gerate ja fast in die Gefahr, meinen Witz noch vor unsrer Begegnung zu erschöpfen, und wollte ihn doch, als Strahlenbündel verpackt, nach Larose mitnehmen, um in blendender Gloriole vor Ihnen, Holdseligste, dazustehen.

Herr von Beaumarchais an Delphine.

Paris, den 11. Oktober 1781.

Wer Larose mit Paris vertauscht, ist weit mehr ein Sträfling, als wer die Freiheit der Hauptstadt mit den Ketten der Bastille vertauschte. Ich sitze vor dem Schreibtisch, statt vor der schönsten Frau Frankreichs, ich schaue durch trübe Scheiben auf Häusermauern, statt durch grüne Blätter auf blauen Himmel, und – Schrecken aller Schrecken! – ich lese Figaros Streiche einem Haufen hirnloser Komödianten vor, statt der fine fleur der Pariser Gesellschaft. Noch klingt mir Ihr perlendes Lachen im Ohr, – als ein gellender Mißton drängt sich die Kritik hochmögender Kollegen dazwischen, die zwar nichts besser machen, aber alles besser wissen wollen.

Es gibt Leute unter ihnen – à la Demoines, der der Dubarry Tugendkränze flocht und Ludwig XVI. so lange versichert hat, daß er ein Genie ist, bis er es selber glaubt –, die angesichts meiner Komödie um die Sicherheit des Staats und um die guten Sitten der Pariser zittern. Ich tröste mich; denn noch haben alle, die ihre Feder zum Schwerte schliffen, den Vorwurf ertragen müssen, daß sie Zustände schaffen, während sie lediglich den Mut hatten, deren Vorhandensein aufzudecken. Wie die ängstlichen Bedenken literarischer Streber mir bestätigen, daß mein Stück gut ist, so bestätigt mir der lebhafte Beifall, den seine Vorlesung bei dem alten Kanzler Maurepas vor einer Gesellschaft ehrwürdiger Kirchenfürsten fand, daß Figaro recht hat, mit der Narrenpeitsche auf die Almavivas einzuschlagen. Oder finden Sie nicht, daß sogar ein simpler Barbier dunkler Herkunft sich erlauben kann, die Gesellschaft zu verachten, die den Aussatz, an dem sie leidet, bloß – komisch findet?!

Sie haben recht, klügste aller Marquisen: Beaumarchais und Figaro sind identisch, – »Herr da und Knecht dort, wie es dem Glücke gefällt,« – und ich meine alle Maurepas, für die Frankreich nur da ist, damit sie Minister sein können, und alle Rohans, die mir die Herausgabe der Werke Voltaires verbieten und damit Voltaire selbst glauben vernichtet zu haben, wenn Figaro zu Almaviva sagt: »weil Sie ein großer Herr sind, meinen Sie ein großes Genie zu sein. Adel, Vermögen, Rang, Würden, all das macht stolz. Aber was haben Sie geleistet für so viel Herrlichkeiten? Sie haben sich nur die Mühe genommen, geboren zu werden! Im übrigen ein Alltagsmensch, während ich, im dunklen Haufen verloren, nur um mich fortzubringen, mehr Witz und Wissen aufwenden mußte, als man in den letzten hundert Jahren verbraucht hat, um den Staat zu regieren.«

Sie haben aber unrecht, wenn Sie sagen: Figaro wird die Bühne nie betreten. Er wird, Frau Marquise, er wird! Schon habe ich Madame Campan eine Abschrift meiner Komödie in die Hände gespielt und sie hat sie dem König und der Königin vorgelesen. »Das ist abscheulich! Das ist unanständig!« hat Ludwig XVI. nicht aufgehört zu versichern. »Man wird das Stück nicht aufführen,« hat er mit der ganzen Autorität des absoluten Monarchen hinzugefügt. Ist das nicht ein Riesenerfolg, eine sichere Gewähr für die Aufführung?! Der König will nicht, daß Figaros Hochzeit gespielt wird; ich aber schwöre, sie wird gespielt werden und wäre es auf dem Chor von Notre-Dame!

Das Antichambre will in den Salon, Frau Marquise, und Figaro reißt zu dem Zweck die Flügeltüren auf.

Sie glauben mir nicht? Sie weisen mich wieder darauf hin, mit welcher Begeisterung die Geburt des Dauphin begrüßt worden ist, wie »das Volk« Vivat schrie, wie »das Volk« den Namenszug des Neugeborenen als Broschen und Busennadeln trägt. Was ist »das Volk?!« Einmal ein Haufe märchenseliger Kinder, die in jedem Prinzlein einen Erlöser verzauberter Prinzessinnen sehen, das andere Mal eine Herde blutdürstiger Raubtiere, die Tauben mit derselben Gier verschlingen, wie Wildkatzen.