Ich erwarte keine schriftliche Antwort. Sie sollen sich nicht, von irgendeinem äußeren Einfluß gezwungen, an den Schreibtisch setzen, und ich will nicht eins jener Billette von Ihnen lesen müssen, aus dem ich nicht zu sehen vermag, ob sein Inhalt Empfindung oder Höflichkeit ist. Wir sehen uns heute in der Akademie. Ein Blick von Ihnen wird mir mehr sagen können, als viele Worte.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

Versailles, den 13. April 1782.

Was ich gestern nicht auszusprechen vermochte, weil ich fürchtete, der lange zurückgedämmte Strom meiner Gefühle möchte nur zu stürmisch emporquellen, das muß ich Ihnen heute sagen: Ich danke Ihnen für Ihren Blick, für Ihren Händedruck; ich danke Ihnen dafür, daß Sie leben, daß ich Sie sehen darf!

Als Condorcet zu sprechen begann, war ich noch so bewegt von Ihrer Güte, teure Delphine, daß ich dem Redner trotz all meines Interesses für seine Persönlichkeit, lange Zeit nicht zu folgen vermochte. Ich stand in der Fensternische und sah nur Sie! An mein Ohr schlugen Worte, aber in ihm klang nur Ihre weiche Stimme nach!

Erst allmählich kam ich zu mir und horchte. Wie oft hatte ich mich draußen darnach gesehnt, einen der führenden Geister Frankreichs zu hören. Nun stand er vor mir; das 18. Jahrhundert ist das Thema seiner Rede; die Entwicklung der Freiheit wird er rühmen, dachte ich –, der Freiheit, für die wir drüben bluteten.

»Ein junger Mann, der heute unsere Schulen verläßt, hat mehr Kenntnisse, als die größten Genies der Antike«, – sagte er. Man klatschte Beifall, die jungen Männer am lautesten, als müßten sie sich selbst applaudieren.

Im stillen Zelt, am Lagerfeuer jenseits des Weltmeeres war unsere einzige Lektüre, die uns aufrichtete wie die Bibel die guten Christen, der Plutarch gewesen. Sind wir wirklich an Kraft und Tugend den Helden des Altertums überlegen, weil wir das Gesetz der Schwere kennen, oder weil wir wissen, daß die Erde sich um die Sonne dreht?! Ich hatte noch nicht zu Ende gedacht, als ich Condorcet weitersagen hörte: »Jedes Jahr, jeder Monat, jeder Tag ist gleicherweise durch neue Entdeckungen und Erfindungen ausgezeichnet.« Aber ich habe nicht gefunden, daß Frankreich darum reicher und glücklicher geworden ist: die Spinnmaschine lockt arme Weiber in den Frohndienst der Fabriken; die Elektrizität dient Nichtstuern zu amüsanten Experimenten, Blanchards famose Flugmaschine ist nichts weiter als ein neues Seiltänzerkunststück.

Und mit Emphase schloß der Redner, während seine Stimme melodisch anschwoll, als stände nicht der Gelehrte Condorcet, sondern der tragische Mime Le Kain auf der Tribüne: »Als Zeugen der letzten Anstrengungen der Unwissenheit und des Irrtums sehen wir, daß die Vernunft aus diesem langen schweren Kampf siegreich hervorgegangen ist, und können endlich ausrufen: die Wahrheit hat gesiegt! Die Vernunft ist gerettet.«

»Cagliostro!« rief jemand und ein Degen klirrte heftig gegen die Dielen. Sie sahen sich erschrocken um; Sie fühlten wohl, daß nur ein Verwilderter, wie ich, sich so formlos hatte benehmen können!