Überlege mit dem Herzen, Geliebte, das in Wahrheit der Kopf der Frauen ist.

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

Paris, 16. Februar 1787.

Geliebteste. Dich nicht hier zu wissen, ist qualvoll genug, aber zu denken, daß Du allein in Froberg trüben Gedanken nachhängst, verwundet mein Herz noch mehr. Mir ist, als hätte auf dem Papier Deiner Briefe Deine Hand gelegen, heiß von der Stirn, auf die sie kurz vorher gepreßt war, als schwebe um jedes Wort ein langer Seufzer. Und doch sollte ein einziger Gedanke genügen, Dich aufzurichten: daß unser Schicksal von Deinem Willen allein abhängt. Willst Du Dich trennen von dem Manne, der Güte, Rücksicht, Vornehmheit benutzt, um Dich unter diesem Deckmantel nur um so mehr quälen zu können, so kannst Du es auch. Wahrhaftig, Du hast ihm seine grausamen Wohltaten genug gedankt. Nimm unser Kind auf den Arm und komm zu mir; wer Dich um dieser Tat willen ächtet, dessen Urteil trifft uns nicht.

Trübe Ahnungen, sagst Du, schienen den Schlaf des Marquis zu stören; stundenlang hörtest Du ihn in der Nacht auf und nieder gehen, und wenn er, wie es neuerdings seine Gewohnheit ist, zuweilen vom neuen Schloß zu der alten, verlassenen Burg hinüberging, dann sahst Du ein Licht unruhig hinter ihren Fenstern auftauchen und verschwinden. In einer solchen Nacht hat Dein mitleidiges Herz Dich zu ihm getrieben und Du hast ihm stumm die Hand gereicht!

Wie könnte ich Dir darum zürnen, Du Einzige Du?! Vergiß nur nicht, daß ein anderer Mann noch bemitleidenswerter ist!

Die Mitglieder der Notabelnversammlung dürften schon vollzählig eingetroffen sein. Die Pariser, für die das Schauspiel doch nur hinter verschlossenen Türen vor sich geht, benehmen sich wie Kinder vor den Vorhängen des Kasperltheaters. Alles scheint Zeit zu haben, denn alles ist auf der Straße. Man scherzt und lacht, aber die Fröhlichkeit, die wie ein leichter Luftzug die Oberfläche des Wassers zierlich kräuselt, läßt nicht vergessen, daß ein Sturm seine dunkle Flut bis in ihre schlammigen Tiefen aufwühlen kann.

Als Herr von Calonnes Erkrankung bekannt wurde, und man verbreitete, er speie Blut, frugen die Witzbolde der Journale: seins oder das der Nation? Als er zum ersten Male das Haus verlassen durfte, fand er an seiner eigenen Tür folgenden Anschlag: »Die Schauspieler des Finanzministers werden zur Aufführung bringen: 'Überflüssige Vorsicht' und 'Trügerische Hoffnungen'. Die Rolle des Souffleurs übernimmt er selbst.« Im Theater zu Versailles wurde in Anwesenheit der Königin die Oper »Theodor« von Paësiello aufgeführt. Als der Titelheld, ein verlassener König, seine Schmerzen klagte, rief eine Stimme im Parterre: »Berufen Sie doch die Notabeln!« Schallendes Gelächter und endloses Bravorufen unterbrach die Aufführung. Man versuchte, die Unruhstifter zu verhaften, die Königin erhob Einspruch; das Publikum jedoch empfand ihre Güte nur als Schwäche, als ein Buhlen um seine Gunst, und laute Pfiffe folgten ihrem davoneilenden Wagen.

Wer es in den Journalen oder gar in den erregten Diskussionen versucht, die Reformen zu verteidigen, von deren Inhalt manches bekannt wurde, begegnet meist dem stärksten Unwillen. »Wir wollen keine Almosen, wir wollen Rechte,« rief Gaillard vor ein paar Tagen solch einem geheimen Emissär der Regierung zu. »Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten. Die Reformen sind nichts als neue Mittel, ihn den Machtmachern unterwürfig zu machen. Wir verwerfen sie. Wir verlangen die Anerkennung der Souveränität des Volkes, nicht die Stillung unseres Hungers durch Brosamen, die von des Reichen Tische fallen.«

Die Notabeln sind äußerlich ruhiger, umso erregter im Innern. Es ist ein andrer Adel als der von Versailles, der sich den erstaunten Blicken der Pariser preisgibt: viele Männer mit großem Namen in geflicktem Rock, viele Priester mit arbeitsharten Händen.