Ich flehe Dich an, stelle den Marquis endlich vor die Entscheidung. Er wird, er muß Dich frei geben, nachdem er weder auf seine Stellung am Hofe, noch auf eine Rolle in der Oeffentlichkeit mehr Rücksicht nehmen zu müssen glaubt. Tut er es nicht, so entschließe Dich, liebste Delphine, und komm unter dem Schutze Gaillards zu mir. Nicht nach Etupes, nicht nach Montbéliard, wo man Dich suchen würde, sondern nach dem stillen Nest, das wir nicht weit von Paris gefunden haben.

Meine Liebe ist nur noch Sehnsucht.

Selbst der Tumult der letzten Tage, die Auflösung der Notabelnversammlung, die stürmische Forderung nach der Einberufung der Generalstände, – das heißt nichts anderes als unsere Kriegserklärung an den König, – haben keinen Augenblick den lauten Ruf meines Herzens nach Dir, Du Süße, zu ersticken vermocht.

Zu Zeiten der Gefahr gehören Liebende zueinander. Und jetzt, wo alles zusammenstürzt, wo die Götter, vor denen wir einstmals knieten, deren Unersättlichkeit wir in frommem Glauben Opfer um Opfer brachten, sich als tönerne Götzen erwiesen haben, wo die harte Faust einer eisengepanzerten Epoche alle Heiligtümer – die Ehe, die Familie, die Freundschaft, die Königstreue – der juwelenbesetzten Gewänder entkleideten, mit der die Jahrhunderte sie behängten, und armselige Gerüste uns nur noch entgegenstarren, – jetzt, meine Delphine, können befreite Menschen über die Trümmer hinweg sich ruhig die Hände reichen. Sie sind nicht nur die Baumeister neuen Menschenglücks, sie sind auch bestimmt, die Tempel der neuen Gottheit aufzurichten.

Doch warum spreche ich so zu Dir? Bedarf es der Überredung, wo nichts entscheiden soll, als das Gesetz in Dir?

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.

Paris, den 19. Juni 1787.

Meine Delphine – mein, trotz allem! Ich habe den ersten Sturm in meinem Innern erst austoben lassen; – nun ist von ihm nur die Verwüstung übrig geblieben!

Wenn der Marquis Dich im tiefsten Kerker gefangen hielte, wenn Du eiserne Fesseln an Händen und Füßen trügst –, ich würde Dich erobert haben! Aber da Du selbst – Du selbst! – Dich in Ketten schlägst, wer vermöchte Dich zu befreien!

Weißt Du denn, was Du mir geschrieben hast, kennst Du die Dolchspitzen, die auch Deine süßesten Worte mir ins Herz bohrten?!