Als wir uns näherten, kamen uns die Lakaien, die den Besuch der Königin gemeldet hatten, mit verlegener Miene entgegen. Die Leute seien bei der Arbeit, hieß es. Die Königin grub die Zähne in die Unterlippe. »Wir werden warten«, sagte sie dann und ließ sich auf der Steinbank nieder. Ein paar Gesichter tauchten hie und da hinter den kleinen Fenstern auf und verschwanden wieder. Schließlich lief eine fröhliche Schar kleiner Kinder von der nahen Wiese uns entgegen. Die Königin rief sie, nahm den Kleinsten auf den Schoß, küßte ihn und drückte einem jeden ein Geldstück in das Fäustchen; die Eltern sahen hinter den Büschen und Hecken heimlich zu.

»Vor einem Jahre haben sie noch alle vor mir im Staube gelegen,« sagte die Königin bitter. Wir gingen schweigsam zurück. Nur sie schritt stolz und hochaufgerichtet vor uns, einen hochmütig-verächtlichen Zug um die Lippen.

Wir empfanden seitdem eine merkbare Umstimmung nicht nur bei ihr, sondern auch beim König, der die geheimen Unterhaltungen mit seiner Gemahlin mehr als sonst zu suchen scheint und nie versäumt, sie zum Ministerrat zuzuziehen. Das Maß seiner Güte scheint endlich erschöpft.

»Die Neuerer wollen ein Frankreich, das englisch ist«, meinte er kürzlich erbittert, und bei Gelegenheit einer der letzten offiziellen Empfänge in Versailles erklärte er laut: »Die Idee, dauernde Generalstände zu schaffen, ist umstürzlerisch gegen die Monarchie. Wird sie verwirklicht, so existiert zwischen dem König und dem Volk als intermediäre Macht nur noch die Armee.« Jeder erstaunte; es war das erste Mal, daß der König an die Gewalt erinnert hat.

Vor wenigen Tagen fand eine königliche Parlamentssitzung statt, in der sein Stimmungswechsel zu klarem Ausdruck kam. Sie wissen, daß ich der Politik bisher weiter aus dem Wege gegangen bin als den häßlichen Frauen. Wenn ich dieser Sitzung beiwohnte, so nur weil Schauspiele der Art, seitdem die Theater immer langweiliger, die Tänzerinnen immer älter werden, und selbst die Somnambulen, die uns so angenehm gruseln lehrten, anfangen, sich mit politischer Hellseherei abzugeben, die Öde des Lebens allein noch unterbrechen. Es war der Mühe wert.

Im Namen des Königs hielt der Großsiegelbewahrer, aufgeplustert wie ein Truthahn und feuerrot wie er, eine donnernde Philippika, zwischen jedem Satz eine Pause machend, um ihre Wirkung zu beobachten.

»Der König allein hat die souveräne Gewalt im Reich –«, ein paar Räte zuckten merklich die Achseln. »Gott selbst hat ihn eingesetzt; nur Gott ist er verantwortlich –«, auf allen Gesichtern stand ein spöttisches Lächeln. »Die gesetzgebende Gewalt ruht allein beim König –«, ein lebhaftes »Oho!« machte sich hörbar.

Dann wurde das Anleiheedikt – es handelt sich um die hübsche Summe von vierhundert Millionen! – verlesen, und die Schleusen der Beredsamkeit waren geöffnet.

Welche Wasserfälle sahen wir! Ein Herr Duval d'Esprèmenil zeichnete sich besonders aus; den ganzen Katechismus der Enzyklopädisten betete er herunter: »Menschenrechte« – »Volkssouveränität«, – »Gemeinwohl«, – »Gesamtwille«, – noch im Traum dröhnte mir das alles im Ohr. Von der Anleihe wollte keiner etwas wissen, ungefähr wie ein dressierter Hund, dem zwar nach dem fetten Bissen das Wasser im Munde zusammenläuft, der aber schielend den Kopf davon abwendet, wenn man ihm sagt: »Pfui – das kommt vom König!«