Paris, den 8. Oktober 1788.

Verehrte Frau Marquise. Zum ersten Mal hat der Prinz mich gestern nach Ihnen gefragt, und ob ich Nachricht von Ihnen hätte. Ich verneinte, meinem Versprechen gemäß. Er war außerordentlich erregt – etwas, was man heute nur dann bemerkt, wenn es den Grad der Erregung Aller noch wesentlich übertrifft.

Das Schicksal scheint sich gegen die Regierung verschworen zu haben. Was sie auch tun mag, um ihre Position zu stärken, schwächt sie nur.

Der König genehmigt die Generalstände. Das hätte entweder alles mit ihm versöhnen, oder wenigstens die drei Stände zu gemeinsamer Friedensarbeit vereinigen können. Er will aber noch mehr tun, will sein diktatorisches Auftreten vom achten Mai vergessen lassen, und fragt seine guten Bürger nach ihrer Ansicht über die Zahl der Deputierten für jeden Stand. Mit dieser Tat hat er den Zankapfel in ihre Mitte geworfen. Die Privilegierten, die eben noch die Vorkämpfer der Freiheit waren, sind die Gegner der Gleichheit. Der dritte Stand sieht sich seinen Feinden gegenüber!

Auf diesen Moment habe ich seit Jahren gewartet, Frau Marquise. Aber nie hätte ich geglaubt, ihn der Initiative des Königs verdanken zu müssen.

Jetzt kommt es zur Abrechnung! Jetzt rollen wir die Rechnung der Jahrhunderte auf! Das Defizit des Staates ist nichts gegen sie.

Die Knechtschaft, der Frohndienst, die Peitsche, der Hunger, das Blut der Männer, die Ehre der Töchter des Volkes –, das Alles steht darauf und fordert Bezahlung.

In einer Gesellschaft vornehmer Leute hat, so sagte man mir, ein Mann namens Cazotte ein Gesicht gehabt: er sah ihre Häupter unter dem Richtschwert des Henkers. Sie lachten über den Verrückten und würfelten seitdem in ihren Klubs unter zynischen Witzen um ihre eignen Köpfe. Die Wahnsinnigen, – sie wollen nicht wissen, daß der Würfel schon gefallen ist.

Erschrecken Sie nicht, verehrte Frau Marquise. Sie wissen, ich litt immer an blutigen Träumen. Aber nie, solange ich atme, soll Ihnen, soll dem kleinen Godefroy auch nur ein Haar gekrümmt werden. Wie könnte ich je vergessen, daß er mir mit seinen kleinen Händchen streichelnd über die Wange fuhr, als sehe er gar nicht meinen Buckel. Oft bin ich so ganz verwirrt, daß ich nicht zu entscheiden vermag, was ich sehnlicher wünsche: Frankreich von der Tyrannei zu befreien, oder Sie beide aus der dunklen Burg!

Prinz Friedrich-Eugen Montbéliard an Delphine.